30.07.2021 - 15:52 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Rotkreuzler aus Tirschenreuth im Hochwassergebiet: "Bedrückend und erschreckend"

13 Rotkreuzler aus dem Landkreis Tirschenreuth haben im Hochwassergebiet in und um Ahrweiler mit angepackt. Den Einsatz empfand die Truppe als körperlich und psychisch so belastend wie noch nie. Dennoch würden sie sofort wieder helfen.

Auf einer Erkundungstour verschaffen sich Fachdienstleiter Matthias Dittrich (recht) und Michael Wölfl (links) von der Schnelleinsatzgruppe Technik und Sicherheit des BRK-Kreisverbandes Tirschenreuth im Hochwassergebiet in Ahrweiler (Rheinland-Pfalz) einen Überblick.
von Martin Maier Kontakt Profil

BRK-Kreisbereitschaftsleiter Christian Stahl hat mit seinen 40 Jahren schon viel erlebt. Der Berufssoldat war unter anderem im Auslandseinsatz im Kosovo und in Afghanistan. Seine Einschätzung zur Lage im Hochwassergebiet in und um Ahrweiler (Rheinland-Pfalz): "Die Zerstörung dort ist mit einem Kriegsgebiet vergleichbar." Auf einer Länge von rund 50 Kilometern sei einfach alles zerstört. Es gebe keinerlei Infrastruktur. Das Leid der Bevölkerung sei riesig.

Stahl war wie zwölf andere ehrenamtliche Rotkreuzler aus dem Landkreis Tirschenreuth im Hochwassergebiet bei Ahrweiler im Einsatz. „Sie waren maximal gefordert“, schreibt BRK-Pressesprecher Sven Lehner in einer Mitteilung. Am Montag waren alle vorerst wieder zu Hause.

Acht Tage ohne Hilfe

"Es war bedrückend und erschreckend", sagt Kreisbereitschaftsleiter Christian Stahl im Gespräch mit Oberpfalz-Medien. Durch die Geräusche und den Geruch seien bei ihm auch manchmal Bilder von seinen Auslandseinsätzen hochgekommen. Der Erbendorfer hatte sich am Freitag vor einer Woche zusammen mit Richard Frank mit dem Hilfeleistungskontingent Standard Niederbayern auf den Weg nach Rheinland-Pfalz gemacht. Stahl erhielt am Samstagmorgen als Abschnittsleiter seinen ersten Einsatzauftrag. Es galt, eine mobile Arztpraxis in der völlig zerstörten Region einzurichten und fortan zu betreiben. Diese entwickelte sich schnell zum Versorgungszentrum für ein großes Gebiet um Altenahr.

Hinzu kam die Einrichtung von Unfallhilfsstellen direkt im Schadensgebiet und die erstmalige Erkundung kleiner Ortschaften, inwieweit hier eine medizinische Versorgung für die Bevölkerung nötig ist. "Die waren acht Tage komplett ohne Hilfe und haben sich selbst versorgen müssen", berichtet Stahl von seinem Ankommen in einem kleinen Dorf mit 70 Haushalten. Daher sei er anfangs noch auf Ablehnung durch die Bevölkerung gestoßen. Aber nach den Gesprächen seien alle sehr zugänglich gewesen.

2000 Kilometer zurückgelegt

Richard Frank begleitete die Marschkolonne mit einem Einsatz-Motorrad des BRK-Bezirksverbandes und wurde vor Ort als Kradmelder eingesetzt. Er musste die nur noch schwer erreichbaren Bereiche im Katastrophengebiet inspizieren. Auch Frank spricht von unglaublichem Schadensausmaß und Leid, das kaum in Worte zu fassen sei. Als er am Montagnachmittag zu Hause ankam, hatte er mit dem Krad gut 2000 Kilometer zurückgelegt.

Sechs Tage war die Schnelleinsatzgruppe (SEG) Verpflegung bei Mendig gefordert, gut 30 Kilometer außerhalb des direkten Katastrophengebiets. Ihr Quartier in der dortigen ehemaligen Kaserne sahen die sechs Rotkreuzler jedoch nur selten, da die Tage um ihre Feldküche sehr lang waren. Schließlich kümmerten sie sich drei Mal täglich um die Verpflegung der Helfer. Ihren Einsatz beendete die SEG um Fachdienstleiter Ralf Arnold am Sonntag. Vorher hatten die Oberpfälzer noch das Frühstück für 500 Personen gemacht. In Wiesau wurden sie von ihren Kameraden empfangen, die auch beim Ausladen der beiden Fahrzeuge mit anpackten. Anschließende folgte noch die komplette Reinigung der Ausrüstung samt Fahrzeug und Feldküche sowie das Auffüllen des verbrauchten Materials.

Kein Strom und Wasser

Die SEG Technik und Sicherheit war am Mittwoch vor einer Woche mit dem Hilfeleistungskontingent Betreuung Oberpfalz in das Krisengebiet gestartet. Für sie ging es nach Ahrweiler. Hier sorgten sie für die komplette Infrastruktur von vier Feldküchen, die drei Mal täglich 5000 Mahlzeiten zubereiteten, da es weder Strom noch fließendes Trinkwasser gab.

Das Team um Fachdienstleiter Matthias Dittrich übernahm die Logistik der Lebensmittel, den Transport der fertigen Essen an die Ausgabestellen, die Betreuung der Stromerzeuger, den Aufbau von Zelten und Beleuchtungen, unterstützten andere SEG und berieten die Einsatzleitung vor Ort. Die fünf Einsatzkräfte arbeiteten laut Lehner bis Samstagnacht fast durch und übernachteten direkt an ihrer Einsatzstelle. Die eine Stunde entfernte Unterkunft suchten sie nur zum Duschen auf.

Am Samstagabend erfolgte der Rückbau ihres Materials und am Sonntagmorgen ging es zurück in die Heimat, wo sie von ihren Kameraden in Mitterteich begrüßt wurden. Am Montag ging für den Fachdienst die Arbeit weiter. Die beiden Einsatzfahrzeuge mussten ausgeräumt und anschließend wie das gesamte Material gründlich gereinigt werden, da sich überall Staub und Schlamm angesetzt hatten.

Weiterer Einsatz folgt

Für alle sei der Einsatz „maximal arbeitsreich und höchst belastend gewesen“. BRK-Kreisbereitschaftsleiter Christian Stahl ist tief beeindruckt von dem, was seine Kameraden vor Ort geleistet haben. Danken will das Rote Kreuz auch allen Arbeitgebern, die ihre Mitarbeiter sofort für den Einsatz freigestellt haben.

Zudem unterstreicht der Erbendorfer die Wichtigkeit der psycho-sozialen Notfallversorgung für Einsatzkräfte. Auch er gibt zu: "Ich habe gedacht, dass ich durch meinen Beruf und die Einweisung sehr gut für den Einsatz gerüstet bin. Aber vor Ort geht das einem dann schon extrem an die Nieren." Obwohl noch nie ein Einsatz körperlich und psychisch so belastend war wie der aktuelle, würden die Tirschenreuther Rotkreuzler sofort wieder mit anpacken, da sie dort direkt helfen konnten und weiterhin viel Hilfe benötigt wird.

Und diese Einschätzung wird schon bald zur Realität: Am Freitag sind die zwei KTW-B (Krankentransportwagen) des Roten Kreuzes aus Erbendorf und Mitterteich angefordert worden. Beide Fahrzeuge sind mit zwei Personen besetzt. Zudem ist laut Stahl auch in Planung, dass die SEG Technik und Sicherheit aus Mitterteich mit ihrem fünfköpfigen Team noch einmal im Hochwassergebiet zum Einsatz kommt.

Die BRK-Helfer aus dem Landkreis Tirschenreuth auf dem Weg ins Krisengebiet

Tirschenreuth

THW, BRK und Feuerwehr aus Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN helfen auch in Rheinland-Pfalz

Weiden in der Oberpfalz
Das war der Einsatzort der SEG Technik und Sicherheit des BRK-Kreisverbands Tirschenreuth im Hochwassergebiet in Ahrweiler (Rheinland-Pfalz). Dort gibt es Betreuungsplätze für 500 Personen pro Stunde.

"Die Zerstörung ist mit einem Kriegsgebiet vergleichbar."

BRK-Kreisbereitschaftsleiter und Berufssoldat Christian Stahl

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.