01.06.2021 - 16:57 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Spagat zwischen Großprojekten und Naturschutz: Wo können Firmen im Landkreis Tirschenreuth noch bauen?

Das Aus für die geplante Ansiedlung der Ziegler-Group in Bärnau und auch das Bauvorhaben von Cube in Waldershof sorgen für viel Gesprächsstoff. Ist es sinnvoll, Großprojekte künftig weiter zu verfolgen?

Auf 35 Hektar rund um den Engelmannsteich bei Tirschenreuth will die Ziegler-Group für 220 Millionen Euro einen Standort (grob eingezeichnete Fläche) für die Herstellung von modernen Fertighäusern aus Holz bauen.
von Armin Eger Kontakt Profil

Es gibt viele Fürsprecher für große Industrieprojekte wie das Holzfaser-Dämmplattenwerk in Bärnau und das Holzbau-Kompetenz-Zentrum in Tirschenreuth der Ziegler-Group oder das von Cube geplante 50 Meter hohe Hochregallager in Waldershof. Aber es gibt auch kritische Stimmen. Natur-, Umweltschutz, Lärmbelästigung führen die Gegner an.

Von den Fraktionen von CSU und Zukunftsliste im Landkreis kommt eine klare Ansage: "Die Fraktionen stehen zur Ansiedlung leistungsstarker und nachhaltiger Unternehmen." Ein Überblick über die Meinungen der Kreistagsfraktionen.

CSU und Zukunftsliste

"Im Vordergrund steht dabei Ökologie und Ökonomie im Einklang zu fördern", heißt es in einer Mitteilung. Viele Unternehmen im Landkreis würden vorlegen und an Konzepten zur Energieeinsparung, CO2-Reduktion oder anderen ökologischen Zielen arbeiten. Gleichzeitig würden sie ihren Standort und Arbeitsplätze sichern. Aber auch Erweiterungen oder Neuansiedlungen dürften nicht per se verboten sein, wie es einzelne Kreistagsmitglieder insbesondere der Grünen fordern.

"Verquert ist die Welt dann, wenn im Landratswahlkampf von Frau Schwamberger einer Fiktion einer Ansiedlung von Tesla Zustimmung ergab, dann aber Firmenansiedlungen erfolgreicher Landkreisunternehmen torpediert werden. So richtig quer wird das dann, wenn es sich um Betriebe handelt, die allen voran im Reigen der ökologischen Unternehmen Spitzenplätze einnehmen", äußert sich CSU-Fraktionssprecher Bernd Sommer. Als Beispiele nennt er holzverarbeitende Betriebe und renommierte Radhersteller. Selbstverständlich würden zunehmend ökologische Aspekte in die Ausübung der gemeindlichen Planungshoheit einfließen. "Der Ansatz Höhe statt Fläche trifft jedoch in der Bevölkerung auch nicht unbedingt auf Gegenliebe", so Margit Bayer, Bürgermeisterin von Waldershof.

Die Konsequenz wäre, dass diese Firmen anderswo oder gar im Ausland investieren. "Wir brauchen dann weder Platz für Wohnraum, Infrastruktur oder eben Gewerbe, weil wir den Landkreis ausbluten lassen. Dafür sind wir nicht angetreten", so Matthias Grundler, Sprecher der Zukunftsliste. Wer diesen ständigen Wandel verschlafe und Chancen ungenutzt verstreichen lasse, verliere den Anschluss. Letztendlich gehe es darum, Arbeitsplätze zu erhalten und zu schaffen. Ökonomie und Ökologie seien keine unvereinbaren Gegensätze. Es mache keinen Sinn, Beteiligte gegeneinander aufzubringen.

Freie Wähler

„Industrieansiedlung muss man weiter verwirklichen, weil der Landkreis darauf angewiesen ist, hinsichtlich qualifizierter Arbeitsplätze“, sagt Hans Klupp, Fraktionsvorsitzender der Freien Wähler. Vor allem für jüngere Leute. Ohne weitere Entwicklung mit Industrie und Gewerbe „werden wir unsere Region nicht stabilisieren können. Wir haben momentan ein gutes Arbeitsplatzangebot im Vergleich zu vor 30 Jahren, aber wir haben immer noch einen Bevölkerungsrückgang.“ Viele Dinge würden von den Kommunen erwartet, wie Schulen und die Schaffung eines vernünftigen Lebensumfeldes. „Deshalb stehen wir Gewerbeansiedlungen grundsätzlich positive gegenüber, mit den Einschränkungen, dass sie im Rahmen der gesetzlichen Regelungen abgewickelt werden.“ Wenn es eine saubere Abklärung gegeben habe und die Baugenehmigung erteilt sei, müsse Schluss sein mit Diskussion. Aber die Demokratie müsse es aushalten, wenn jemand gegen etwas ist. „Schuldzuweisungen halte ich nicht für vernünftig“, unterstreicht Klupp. Er ist überzeugt, dass es Stimmen gegen das Ziegler-Projekt in Tirschenreuth geben werde. Gründe seien sicher die Natur und die steigende Verkehrsbelastung. Nicht verstehen könne er die plötzliche Entscheidung des Ziegler-Rückzugs aus Bärnau. „Ich hätte mir mehr Standing erwartet.“ Gefühlsmäßig wäre der Bürgerentscheid positiv für die Ansiedlung ausgegangen, denkt Klupp, „weil die Bärnauer wissen, dass sie nicht direkt im Sonnenschein-Gewerbegebiet liegen“.

SPD

„Ich hab durchaus Verständnis für beide Seiten“, sagt Uli Roth. Der Lkw-Verkehr habe auf bestimmten Straßen Maße angenommen. „Wenn einige Bärnauer im Vorfeld sagen, sie wollen das nicht, habe ich Verständnis dafür. Auf der anderen Seite ist es für die Entwicklung einer Stadt und des Landkreises auch nicht schlecht, wenn es neue Arbeitsplätze gibt.“ Allerdings werde in sozialen Medien darüber diskutiert, was es für Arbeitsplätze sind. „Ob überhaupt Deutsche zum Zuge kommen?“, fragt sich der Fraktionssprecher.

Er verfolge die Geschäftstätigkeit der Ziegler-Group, so auch die Übernahme des Steinwaldhauses. „Mir wird der genaue Zweck nicht klar.“ Es sei etwas ganz anderes, wie das Projekt in Bärnau. Normalerweise habe eine Firma immer eine Kernausrichtung und da gehöre der Kauf des Steinwaldhauses nicht dazu. „Ob sich die dabei nicht sogar verzettelt, kann ich nicht beurteilen“, meint Roth.

In Tirschenreuth sei bei Bekanntgabe des Ziegler-Großprojektes zunächst die große Bombe geplatzt, dann sei das geräuschlose Nichts gefolgt. Es habe eine zeitlang gedauert, dann seien Bund Naturschutz, Landesbund für Vogelschutz und andere diverse Leute darauf aufmerksam geworden. Ziegler täte gut daran, positive Nachrichten zu senden, so könnten im Vorfeld viele Konflikte entschärft werden. Er könne sich auch nicht erinnern, dass die Firma Ziegler in Bärnau im Vorfeld versucht habe, die „Kuh vom Eis zu ziehen“. Und weiter: „Natürlich tut man sich jetzt leicht, auf die Grünen, speziell auf die Person von Anna Schwamberger, einzukloppen.“

Roth ist der Meinung, dass Ziegler den Bürgerentscheid abwarten hätte können. Denn wenn Bürgermeister Stier recht habe, dass die Abstimmung positiv ausgefallen wäre, wäre nichts kaputt gewesen. Die Gründe, warum Ziegler das Projekt in Bärnau nicht verwirklicht, würde Roth gerne wissen. „War der Gegenwind zu groß?“, fragt er. „Ich denke, der war angemessen klein. Wenn eine Bürgerinitiative schon ausreicht, ein Projekt dieser Größenordnung zu Fall zu bringen, dann glaub ich, steckt nicht soviel Durchsetzungswillen dahinter.“

Er verstehe die Diskussion im Landkreis. Es sei ein Spagat zwischen Wirtschaft und Arbeitsplatz. Es gelte vieles abzuwägen. „Ich bin froh, dass ich diese Entscheidungen alle nicht treffen muss.“

Bündnis 90/Die Grünen

„Ich denke, es macht durchaus Sinn, solche Großprojekte weiter in Angriff zu nehmen“, so Heidrun Schelzke-Deubzer von den Grünen. Aber sie müssten von den Planungen breitflächiger angelegt werden. Es sollte miteinander abgesprochen werden, mit einer guten Standortauswahl, verkehrstechnisch gut gelegen, die Fläche sollte vom Artenschutz akzeptabel sein und die Bürger mitnehmen.

„Wenn wir wollen, dass im Landkreis solche Projekte zustande kommen, dann müssen wir gründlicher in der Vorplanung sein. Wir stehen durchaus hinter solchen Firmen wie Ziegler, wenn es darum geht, dass sie zukunftsfähige Industrien entwickeln können. Vor allem den Holzhausbau brauchen wir für die Zukunft, wenn wir Co2-neutral werden wollen“, sagt die Fraktionssprecherin. Ihr tue es leid, dass die Fronten so aufeinandergeprallt sind und die Reaktionen so heftig ausgefallen sind. „Es sollte nicht den Bach runtergehen, sondern wir sollten nach Lösungen suchen, die realistisch umsetzbar sind.“

Bei solchen Vorhaben wie bei Ziegler und bei Cube würden sich immer Widerstände regen. Das sei ganz normal und gehöre in der Demokratie dazu. Dass die Leute mit einer Bürgerbeteiligung einbezogen werden, sei wichtig. Wenn ein Bürgerentscheid positiv sei, könne das Projekt akzeptiert werden.

Sie habe es überrascht, dass nur aufgrund des anstehenden Bürgerentscheides das Projekt von Ziegler so radikal gestoppt wurde. „Da frage ich mich, ob es noch andere Gründe dafür gibt. Es wäre schön, dies zu erfahren.“ Sie hofft, dass nicht alle Türen zugestoßen sind. Jetzt heiße es, gemeinsam nach Möglichkeiten zu suchen, wie man Projekte weiter vorantreiben könne. Sie bedauert, dass es in Bärnau so eskaliert sei und man mit gegenseitigen Schuldzuweisungen schnell bei der Hand sei.

„Wir wollen zukunftsfähige Industriezweige und auch alternative, erneuerbare Energien voranbringen. Wir müssen uns nachhaltig aufstellen und alle Wirtschaftsbereiche, die in diese Richtung etwas beisteuern können, massiv pushen, sonst werden wir unsere Klimaschutzziele nicht erreichen“, ist sich Schelzke-Deubzer sicher.

Das aus des Projektes in Bärnau kam überraschend

Bärnau

Nach dem Ziegler-Rückzug bleiben viele Fragen

Bärnau

"Wir brauchen dann weder Platz für Wohnraum, Infrastruktur oder eben Gewerbe, weil wir den Landkreis ausbluten lassen.“

Matthias Grundler, Sprecher Zukunftsliste

„Es ist für die Entwicklung einer Stadt und des Landkreises auch nicht schlecht, wenn es neue Arbeitsplätze gibt.“

Uli Roth, SPD-Fraktionsvorsitzender

„Ich denke, es macht durchaus Sinn, solche Großprojekte weiter in Angriff zu nehmen.“

Heidrun Schelzke-Deubzer, Grünen-Fraktionssprecherin

 

 

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