02.07.2021 - 13:12 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Von Startproblemen, Dauerpendlern und Corona: ALE-Chef blickt zum Abschied zurück

Thomas Gollwitzer ist 2013 bei der Verlagerung des Amtes für Ländliche Entwicklung mit der Behörde von Regensburg nach Tirschenreuth umgezogen. Anfangs gab es Schwierigkeiten. Vor dem Eintritt in den Ruhestand blickt der Amtsleiter zurück.

Thomas Gollwitzer vor dem Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) in Tirschenreuth. Seit 2008 ist er Amtsleiter, seit 2013 ist er mit der Behörde in Tirschenreuth.
von Armin Eger Kontakt Profil

ONETZ: Sie sind seit 2008 Amtsleiter und wechselten zum 3. Juni 2013 mit dem Amt für Ländliche Entwicklung (ALE) nach Tirschenreuth. Wie beurteilen Sie rückblickend die Verlegung?

Thomas Gollwitzer: Es war für die Regensburger ein harter Schlag. Es hat aber nichts mit Abneigung gegen die nördliche Oberpfalz zu tun, sondern das Leben vieler wurde völlig umgekrempelt. Auch für mich. Da ich Vorbild sein wollte, fahre ich bis heute jeden Tag mit dem Bus von Regensburg nach Tirschenreuth und zurück. Das heißt um 5 aufstehen, um 6 fährt der Bus, um 19.45 Uhr abends bin ich wieder zuhause.

ONETZ: War die Umsiedlung des Amtes sinnvoll?

Thomas Gollwitzer: Der Bayerische Oberste Rechnungshof hat damals festgestellt, dass eine Kosten-Nutzungs-Rechnung mehr auf die Seite Kosten geht. Die Staatsregierung hat argumentiert, Strukturpolitik kostet Geld. Das ist richtig und mit unseren Aufgaben vergleichbar. Ländliche Entwicklung ist Strukturpolitik und die kostet auch Geld.

ONETZ: Wie war die erste Zeit in der neuen Umgebung?

Thomas Gollwitzer: Am ersten Tag, als wir gekommen sind, ist Bürgermeister Franz Stahl mit einem Fass Bier und einem Geräucherten gekommen. Das war für uns ein Zeichen, dass wir herzlich willkommen sind.

ONETZ: Dann gab es ja noch die Hitzeprobleme mit dem Gebäude.

Thomas Gollwitzer: Es war eine kleine Katastrophe. Wir hatten zum Teil 40 Grad und mehr im Gebäude. Wir hatten damals beim Bau ein niedriges Kostenbudget. Jeder Fachmann, jeder Experte hat gesagt, man kann das Projekt für dieses Geld nicht umsetzen. Irgendwo musste man das einsparen. Wir sehen die Folgen noch heute. Wir haben massive Probleme mit einem undichten Dach. Zumindest das Hitzeproblem wurde mittlerweile abgestellt. Aber man hat aus diesen Dingen gelernt. Das ALE Oberbayern zieht demnächst um und hat für den Neubau ein ausreichendes Budget.

ONETZ: Trotzdem gab es für das Gebäude eine Auszeichnung.

Thomas Gollwitzer: Wir haben in Berlin den Bundesholzbaupreis gewonnen. Insgesamt ist es ja ein tolles Gebäude, eine architektonische Meisterleistung. Die Atmosphäre ist in einem Holzbau einfach was anderes. Der Bau lebt.

ONETZ: Konnte das Personal damals entscheiden, ob es mit nach Tirschenreuth geht?

Thomas Gollwitzer: Wir hatten nicht die Wahl, bei uns musste jeder mit. Bei den aktuellen Verlagerungen gilt: Wer nicht will, der muss nicht. Von den gut 150 Mitarbeitern kommen inzwischen über 60 Prozent aus der Region. 30 Prozent sind Tages- und Wochenpendler.

ONETZ: Hatten Sie persönlich einen Umzug in Betracht gezogen?

Thomas Gollwitzer: Die Entscheidung für die Verlagerung ist schon 2004 gefallen. Da hatte ich noch 17 Jahre zu pendeln und ich und meine Frau haben die Entscheidung getroffen, in die nördliche Oberpfalz zu ziehen. Dann hat sich der Verlagerungsprozess allerdings bis 2013 verzögert. Wegen acht Jahren bis zur Pensionierung wollte ich das nicht mehr machen. Ich bewundere die, die damals mit einer Perspektive von 20 Jahren entschieden, zu pendeln.

ONETZ: War und ist Homeoffice nicht eine Erleichterung für die Pendler?

Thomas Gollwitzer: Homeoffice ist nichts Neues bei uns, das hatten wir schon. Das war Teil der sozialverträglichen Umsetzung des Umzugs. Wir haben von Anfang an Homeoffice angeboten. Jetzt machen es auch die Tirschenreuther oder Weidener. Wir bieten unabhängig von Corona die Möglichkeit, bis zu 60 Prozent der Arbeit in Heimarbeit zu leisten.

ONETZ: Hat sich inzwischen alles eingependelt?

Thomas Gollwitzer: Weitgehend. Insgesamt positiv ist, dass wir jünger geworden sind. Wir hatten in Regensburg ein Durchschnittsalter von über 57 Jahren, jetzt sind wir bei rund 40 Jahren. Leider haben wir viel erfahrene Mitarbeiter verloren und verlieren sie nach wie vor. Viele "Alt-Regensburger" wollen zurück in die Heimat. Wenn in dem Bereich was ausgeschrieben wird, dann ist jemand von uns weg. Das sind meist Leistungsträger mit großer Erfahrung. Die Dynamik der jungen Mitarbeiter ist super, aber wir brauchen eine gute Mischung aus beruflicher Erfahrung und jugendlicher Innovationskraft.

ONETZ: Gibt es Probleme, genügend Personal zu bekommen?

Thomas Gollwitzer: Wir hatten anfangs große Schwierigkeiten bei den Ingenieuren. Uns hat unheimlich der neue Studiengang Geoinformatik und Landmanagement an der OTH Amberg/Weiden geholfen. Nun können die Oberpfälzer in der Oberpfalz studieren. Damit kommen die Bewerber jetzt aus der Region.

ONETZ: Und wie hoch ist die Frauenquote in Tirschenreuth?

Thomas Gollwitzer: Die liegt weit über 40 Prozent. Für eine Verwaltung ist das klasse. Auch die ganze Stimmung im Haus ist eine andere, wenn nicht nur Männer beschäftigt sind.

ONETZ: Gab es in Ihrer Amtszeit besonders herausragende Projekte?

Thomas Gollwitzer: Ich will keines besonders hervorheben, alle sind einzigartig und bemerkenswert. Alleine heuer haben wir in der Oberpfalz 4 von 16 Staatspreisen bekommen. Wir sind da immer sehr gut vertreten. Eben weil wir ganz tolle Projekt laufen haben. In vielen Dingen sind wir ganz weit vorne.

ONETZ: Gibt es ein Ereignis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Thomas Gollwitzer: Die schönsten Momente sind, wenn in Versammlungen oder Bürgersprechstunden direkt ein positives Feedback kommt. Eines meiner ersten Projekte in der Oberpfalz war die Flurneuordnung Nittenau. Da kam ein Landwirt, als alles vorbei war, und hat gesagt: "Das haben Sie super gemacht." Das sind Dinge, die ungeheuer freuen. Das merke ich auch bei den Mitarbeitern. Das steigert die Motivation und ist die Belohnung. Auch wenn man eine Auszeichnung erfährt, freut einen das besonders. Ein Staatspreis ist immer wie ein kleiner Wettbewerb.

ONETZ: Hat sich ihr Tätigkeitsfeld in all den Jahren verändert?

Thomas Gollwitzer: Ich habe1986 an der Flurbereinigungsdirektion München begonnen. Damals war unser Hauptbetätigungsfeld die Verbesserung der Agrarstuktur. Die Dorferneuerung war damals noch im Entstehen, jetzt feiern wir 40 Jahre Dorferneuerung und 25 Jahre integrierte ländliche Entwicklung, also die kommunalen Allianzen. Unser Tätigkeitsfeld hat sich radikal verwandelt, von der reinen Agrastruktur hin zur umfassenden Strukturpolitik, also zur Verbesserung der Wohn-, Arbeits-, Umwelt- und Lebensbedingungen.

Es gibt keine andere Verwaltung, die ihr Aufgabenfeld so fortentwickelt wie wir. Daneben haben wir auch unser Selbstverständnis als Behörde weiterentwickelt. Es war ein radikaler Wandel notwendig von der Hoheitsverwaltung hin zur Verwaltung. Es reicht eben nicht, nur gute Pläne zu haben, sondern man brauch eine Akzeptanz vor Ort. Es gibt keine andere Verwaltung, bei der die Bürgerbeteiligung so groß geschrieben wird wie bei uns. Das heißt nicht, dass immer alle zufrieden sind. Aber wir haben insgesamt eine Widerspruchsquote, die liegt bei einem Prozent, wenn es hochkommt.

ONETZ: Erwarten Sie in den nächsten Jahren irgendwelche Hürden?

Thomas Gollwitzer: Das wird schlichtweg die finanzielle Ausstattung sein. Die ist zwar derzeit gut, aber wir können die große Nachfrage nicht decken. Wir können neue Projekte nicht beginnen, weil wir zuerst die alten Maßnahmen abfinanzieren müssen. Es ist eine Herausforderung, die wir aber im Griff haben.

ONETZ: Welches Programm läuft besonders gut?

Thomas Gollwitzer: Insbesondere das Programm "Innen statt außen". Dafür gibt es Förderungen von 80 bis 90 Prozent. Ziel ist, Leerstände zu revitalisieren, damit die Dorfkerne lebendige Ortsmittelpunkte bleiben. Wir wollen aber nicht Museen, sondern brauchen Funktion in den Gebäuden. Waldthurn ist hier ein sehr gutes Beispiel, die haben unter anderem mitten im Ort aus einem alten Gebäude ein Gesundheitszentrum mit Alten- und Pflegeheim gemacht.

ONETZ: Hat Corona die Arbeit im ALE verändert?

Thomas Gollwitzer: Die Arbeit ist beeinträchtigt, weil wir viel mit Bürgern arbeiten und das ist deutlich eingeschränkt. Versammlungen waren nicht möglich. Wir sind rasch auf digitale Möglichkeiten umgestiegen. Aber eine Videokonferenz ist was anders als eine Versammlung vor Ort, wo die Probleme direkt angesprochen werden können.

ONETZ: Wenn Sie zurückblicken. War die Berufswahl für Sie richtig?

Thomas Gollwitzer: Natürlich wollte ich als Kind nicht Vermessungsingenieur, sondern Pilot werden. Aber rückblickend war meine Berufswahl die richtige. Was Besseres hätte ich nicht machen können. Die Arbeit mit Menschen, was bewegen, was gestalten, das macht mir Spaß. Die Dynamik, der Wandel, die verschiedenen Stationen und die berufliche Fortentwicklung haben mich immer angetrieben. Viele sagen, jetzt kommt der beste Lebensabschnitt. Wenn jetzt das Beste kommt, hätte ich 63 Jahre was verkehrt gemacht. Ich hoffe, es geht mit genauso viel Freude und Zufriedenheit weiter.

ONETZ: Hatten Sie noch die Möglichkeit für eine große Abschiedstour?

Thomas Gollwitzer: Coronabedingt leider nicht. Bei allein über 200 Bürgermeistern ist das nicht möglich. Das bedauere ich sehr. Ich habe mich natürlich bei allen schriftlich verabschiedet und für die gute Zusammenarbeit bedankt. Coronabedingt gibt es auch keine offizielle Veranstaltung zur Amtsübergabe. Mein Nachfolger wird mein bisheriger Stellvertreter Kurt Hillinger. Am 7. September gehe ich offiziell in den Ruhestand.

ONETZ: Was haben Sie im Ruhestand geplant?

Thomas Gollwitzer: Einen ausgefeilten Plan habe ich nicht. Wir haben uns wieder einen Labrador zugelegt, alleine das strukturiert den Tag. Und ich bin in leidenschaftlicher Mountainbiker, nach wie vor ohne E-Antrieb. Das Kartenspielen geht jetzt wieder los und auf was ich mich freue, ist das Lesen. Das ist in den letzten Jahren viel zu kurz gekommen. Ich bin zuversichtlich, dass es gut laufen wird. Ich hoffe, dass die Gesundheit mitmacht.

Auch bei regionalen Nahversorgern unterstützt das Amt für ländliche Entwicklung

Tännesberg
Am Mittwoch war der letzte offizielle Arbeitstag von Thomas Gollwitzer. Zum 7. September geht der Amtsleiter dann in den Ruhestand.
Hintergrund:

Zur Person: Thomas Gollwitzer

  • Vor 63 Jahren geboren in Regensburg
  • Studium in München an der TU
  • 1986: Flurbereinigungsdirektion in München und Regensburg
  • 1994: am Landwirtschaftsministerium in München, Abteilung ländliche Entwicklung. Danach persönlicher Referent und Leiter des Büros der Staatssekretärin Marianne Deml
  • 2000: Direktion für Ländliche Entwicklung in Regensburg, Leiter der Abteilung für Land- und Dorfentwicklung
  • 2003 bis 2006: im Vorstand des Weltverbands der Vermesser. Als Kongressdirektor Organisator für den internationalen Kongress der Geodäten in München mit 20 000 Teilnehmern
  • 2010 bis 2020: Auslandsbeauftragter der Bund-Länder-Arbeitsgemeinschaft für ländliche Entwicklung. Unter andem 2019 für drei Wochen als Kurzzeitexperte in Äthiopien bei der Flurbereinigung nach deutschem Vorbild.
  • 2008: Leitung des Amtes für Ländliche Entwicklung Oberpfalz in Regensburg
  • 2013: Umzug des ALE nach Tirschenreuth
  • 2021: Ab 7. September Eintritt in den Ruhestand
Hintergrund:

Amt für Ländliche Entwicklung Oberpfalz (ALE)

  • Standort für die Oberpfalz seit 3. Juni 2013 in Tirschenreuth
  • Mitarbeiter: 150
  • Aktuelle Aufgaben: Dorferneuerungen in 312 Ortschaften, 164 Flurneuordnungen, 16 integrierte ländliche Entwicklungen mit 143 Gemeinden, Unterstützung von sechs Öko-Modellregionen, über 30 Flurnatur- (Verbesserung der Biodiversität) und Bodenständig-Projekte (Wasserrückhalt in der Fläche).

 

 

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