17.12.2020 - 15:28 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Tirschenreuth sollte schon vor 30 Jahren einen Kulturblock erhalten

Von einem 12-Millionen-Mark-Projekt hatte der Stadtrat 1990 geträumt. Doch der "Kulturblock" blieb Wunschdenken. In der neuen Stadtchronik fand diese Geschichte keinen Platz mehr, doch sie ist es wert ist, in Erinnerung zu bleiben.

Entlang der Regensburger Straße hatte die Stadt 1990 einen Kulturblock geplant. Doch die klammen Finanzen machten dem Projekt einen Strick durch die Rechnung. Wie oft, hat alles Schlechte auch etwas Gutes: Heute kann die Stadt auf die Fronfeste stolz sein.
von Werner Schirmer Kontakt Profil

Wie sich die Zeiten gleichen: Vor genau 30 Jahren, im Dezember 1990, lag auf den Tischen der Tirschenreuther Stadträte ein gigantisches Umbaukonzept der Regensburger Straße, beginnend vom Musl-Kino bis zur Lehner-Gasse, der „Kulturblock“! Er hätte die Stadtansicht und womöglich auch die historische Substanz der Stadt nachhaltig verändert, mit Theater, Bücherei, mit Tiefgaragen und einem viergeschossigen Turm, der gleich neben dem jetzigen Fischereimuseum an das alte Tirschenreuther Schloss erinnern sollte. Die Euphorie dauerte nur kurz, dann war klar: zu teuer! Gott sei Dank möchte man heute sagen!

Neu-Bürgermeister Franz Fink und sein Stadtbaumeister Karl Zintl waren Anfang Dezember 1990 im Bauausschuss vom Vorschlag des Münchener Planungsbüros SEP sehr angetan. In das knapp 80 Meter lange Gebäude entlang der Regensburger Straße hätte eine riesige Glasfront das Gebäude mit viel Licht erstrahlen lassen, für eine neue, zweigeschossige Bibliothek und ein sogenanntes „Theatron“ mit Bühne und Zuschauerplätzen, für die Jugend waren Räume für Sport und Spiel vorgesehen. Dazu eine zweigeschossige Tiefgarage, teils öffentlich und teils privat. Kurz vorher war ja das Projekt Tiefgarage unter dem Marktplatz gescheitert, also eine willkommene Alternative. Darüber dann Gärten für die Bewohner der neuen Häuser.

Eine Planansicht des Kulturblocks aus 1990.

Aber welch ein Aderlass wäre nötig gewesen: Vermutlich hätten alle alten Häuser und Schuppen zwischen jetzigem Fischereimuseum und Lehnergasse abgebrochen werden müssen. Die Polizei sollte ausgesiedelt werden, das Haus war für Ausstellungsräume und Werkstätten vorgesehen. Kein Wort von den historischen Kellern, heute ein Leuchtturmprojekt der gesamten nördlichen Oberpfalz. Max Gleißner hatte die zwar schon wiederentdeckt, aber im Denken der Verantwortungsträger waren sie noch nicht überall angekommen. Im alten Kloster dagegen waren damals schon eine Schmeller-Stube und Räume für die Kripperer und Plan-Weseritzer vorgesehen gewesen, dazu eine Hausmeisterwohnung.

Am 22. Dezember gab dann der gesamte Stadtrat den Startschuss für den Kulturblock. Was allerdings noch nicht geklärt war, das waren die Details und natürlich die Finanzen. Geschätzt wurden die Kosten damals auf 12 Millionen Mark. Nach anfänglicher Zustimmung waren Dr. Klaus Arbter und natürlich Karl Beer gegen das Projekt. Arbter machte auf die Probleme der historischen Bauten aufmerksam, fürchtete aber auch eine neue „Sparkasse“, die seiner Meinung nach den Marktplatz verschandelte.

Im Oktober wurde die neue Tirschenreuther Chronik vorgestellt

Tirschenreuth

Gescheitert ist das Projekt dann sehr schnell vor allem an der unmöglichen Finanzierung, ebenso wie die Tiefgarage unter dem Marktplatz. Die staatlichen Zuschüsse waren damals nicht in dieser Höhe vorhanden, die Finanzkraft der Kommune mit einem Haushalt von 34 Millionen Mark im Jahr 1990 bot nicht die Voraussetzungen, das Projekt alleine zu stemmen.

Gut so, möchte man sagen, angesichts der aktuellen Gegenwart der historischen Fronfeste als Denkmal und Hochschulstandort, angesichts der Planungen der Stadt mit einem Kletterturm am Gelände der ehemaligen Brauerei Schels, mit dem geplanten Ausbau des Musl-Theaters als Heimstätte für das Moderne Theater Tirschenreuth und für die Braujuwaren mit einer kleinen Schaubrauerei. Das es auch den „Völkl-Stadl“ noch gibt und dort mal eine kleine, historische Schau-Wagnerei entstehen soll, ist dann auch noch mehr als nur eine Randnotiz.

Die ganze Geschichte vom „Kulturblock“ ist auch eine positive Nachricht für alle Kommunalpolitiker, deren Projekte hin und wieder mal gegen den Baum fahren. Schmeller würde sagen: „Ma wois ja goa niad, fia wos des alles nou goud is“! Na also!

Hintergrund:

Viel Begeisterung, etwas Skepsis

Werner Schirmer war damals wie heute Redakteur des Neuen Tages. Er erinnert sich: Mit der Idee für den Kulturblock hatte der Tirschenreuther Stadtrat ein Projekt von Großstadt-Dimensionen auf dem Tisch. Entsprechend fielen die Reaktionen aus. Die Mehrheit ließ sich von der Vision des damaligen Bürgermeisters Franz Fink mitreißen, auch weil das Projekt dem Stellenwert der Kreisstadt angemessen war. Doch waren in dem Gremium auch damals Mitglieder dabei, deren Begeisterung von einer nüchternen Skepsis gebremst wurde. Finanzielle Lasten und vor allem die prägende Gestaltung für den Ort boten auch Raum für Kritiker. Einer von ihnen war damals schon Karl Berr, der dem Projekt seine Zustimmung verwehrte. Und auch beim heutigen "Kulturblock", zu dem das alte Luitpold-Kino werden könnte, hat Berr hinsichtlich der Gestaltung seine Bedenken. Am Ende machten die Finanzen dem Kulturblock den Garaus.

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