12.10.2020 - 17:37 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Verhungertes Baby in Tirschenreuth: Todesdrama ohne Vorzeichen

Wie konnte es dazu kommen, dass im Februar dieses Jahres in Tirschenreuth ein Baby verhungerte? Vor Gericht muss sich die Mutter verantworten. Am zweiten Verhandlungstag sagt unter anderem der Kindsvater aus.

Nach einem Notruf war am Mittwoch, 26. Februar, in einer Wohnung in der Kreisstadt Tirschenreuth der unterernährte Leichnam eines Mädchens gefunden worden.
von Manfred Hartung Kontakt Profil

Vor der 1. Strafkammer am Landgericht Weiden ging es am zweiten Verhandlungstag insbesondere um die geistige und seelische Verfassung einer 26-jährigen Mutter, die im Februar ihr drei Monate altes Baby verhungern und verdursten ließ. Über zehn Tage dauerte das Martyrium der kleinen Ilina, bis der geschwächte Körper aufgab.

Dauerhafte Unterbringung?

Beschuldigt wird die Mutter des Totschlags durch Unterlassen. Sollte die 1. Strafkammer am Landgericht Weiden unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Gerhard Heindl dem psychiatrischen Gutachten von Dr. Johannes Schwerdtner vom Bezirksklinikum Mainkofen folgen, könnte es am dritten und letzten Verhandlungstag, am kommenden Freitag, auf eine dauerhafte Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt hinauslaufen.

„Gefährdung anderer“

Der forensische Mediziner bestätigte, dass die Mutter bei der Tat nicht im Besitz ihrer geistigen Kräfte war und künftig eine Gefährdung anderer Menschen darstelle. Die 26-Jährige ist angesichts ihres Verhaltens seit Februar in der geschlossenen Abteilung der psychiatrischen Klinik in Taufkirchen untergebracht. Sie hatte dort mehrfach Pflegepersonal angegriffen und verletzt sowie zwei Suizidversuche unternommen.

Zunächst musste am Montag aber der – inzwischen ehemalige – Lebensgefährte in den Zeugenstand. Das Paar, in Zentralafrika geboren und in Spanien sesshaft, kannte sich seit zehn Jahren, seit sechs Jahren lebte es zusammen. Als die Freundin im Zuge einer Anwerbeaktion für Altenpfleger im Februar 2019 nach Deutschland wollte, ging er mit. Zunächst schaute alles nach einer rosigen Zukunft aus. Der 44-Jährige zeigte sich – sichtlich gezeichnet – vor Gericht fassungslos über das grausame Geschehen. Es sei eine glückliche und harmonische Beziehung gewesen. Er könne sich ihr Verhalten und ihre Wesensveränderung nicht erklären. Keinerlei Vorzeichen hätten auf das Drama hingewiesen.

Kontakt reißt ab

Beide seien über die Geburt des Töchterchens hocherfreut gewesen. Seine Gefährtin habe immer gut für Ilina gesorgt, die Wohnung sauber gehalten, gekocht und eingekauft. Als er im Februar 2020 für einige Zeit zurück nach Spanien musste, sei nach vier Tagen der Kontakt abgerissen. Er habe sich zunächst keine allzu großen Sorgen gemacht, weil eine Hebamme zur Betreuung zur Seite gestanden habe.

Zwei Krankenpfleger aus Taufkirchen machten zum Teil sehr schmerzhafte Erfahrungen mit der renitenten Patientin. Die Angeklagte war nach der Festnahme dort untergebracht. Als sie beruhigende Medikamente nicht oral nehmen wollte, sollte mit einer Spritze nachgeholfen werden.

Schläge für Pflegepersonal

Es habe immer wieder Ausraster gegeben, sagten die Fachkräfte im Zeugenstand. Die Nasen der beiden Männer machten Bekanntschaft mit der Faust der Patientin, eine Brille ging zu Bruch. Bei einem der Pfleger sind Bissspuren am Arm noch heute zu sehen. Und der Vorfall ist schon ein paar Monate her.

Die Patientin sei während der ganzen Zeit stets „schwer einzuschätzen“ gewesen. Mal habe sie mit der Wand geredet, mal habe sie unbekleidet im Zimmer getanzt, mal habe sie behauptet, das gesamte Klinikpersonal bestehe aus Kannibalen, die sie aufessen wollen, wenn sie zunehme. Deshalb esse sie ganz wenig, um dünn zu bleiben. Am Freitag, 16. Oktober, geht es um 9 Uhr mit einer letzten Zeugenvernehmung weiter. Dann folgen Plädoyers und voraussichtlich die mit Spannung erwartete Urteilsverkündung.

Bericht über den Prozessauftakt

Tirschenreuth
Hintergrund:

Der Fall Ilina

Als die Beschuldigte im Februar 2019 mit ihrem Lebensgefährten nach Deutschland kommt, bezieht das Paar eine Wohnung in Tirschenreuth. Bald darauf wird die 26-Jährige schwanger. Am 14. November 2019 kommt Ilina per Kaiserschnitt zur Welt. Als der Partner Anfang Februar für geraume Zeit auf die Iberische Halbinsel zurück muss, nimmt das Schicksal seinen Lauf.

Ab dem 15. Februar 2020 versorgt sie das Baby nicht mehr ausreichend mit Nahrung und vor allem Flüssigkeit. Am Morgen des 26. Februar stirbt der drei Monate alte Säugling. Sie habe Stimmen gehört, wird sie später sagen, dass sie ihrem Kind nichts mehr zum Essen geben solle. Bei der Obduktion des Säuglings am 27. Februar wird hochgradiger Flüssigkeitsmangel und extreme Mangelversorgung festgestellt. „Die Beschuldigte leidet an einer akuten polymorphen psychotischen Störung mit Symptomen einer Schizophrenie“, trägt Oberstaatsanwalt Bernhard Voit am ersten Verhandlungstag vor. „Sie war daher nicht in der Lage, das Unrecht der Tat einzusehen und hat im Zustand der Schuldunfähigkeit gehandelt.“

Über das Klinikum Weiden und die Ermittlungsrichterin in Regensburg führt der Weg der 26-Jährigen nach der Tat in die Psychiatrie nach Taufkirchen. Eine Ersteinschätzung spricht vom vollkommenen Verlust der Steuerungsfähigkeit. Sie wird gewalttätig gegenüber dem Pflegepersonal und begeht zwei Suizidversuche. Ihre Stimmungslage ist dauerhaft massiv schwankend.

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