30.08.2020 - 08:26 Uhr
TirschenreuthOberpfalz

Der Völkl-Stadl, ein "Lost Place" in Tirschenreuth

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Er ist ein weiterer Baustein im neuen "Erlebnis- Bildungs- und KulturQuartier" rund um die Fronfeste: der von der Stadt neu erworbene Völkl-Stadl. Es ist aber nicht nur der alte Stadl, der da neben dem Gelände der alten Fronfeste steht.

Ein Blick in die „gute alte Zeit“, Ende der 50er Jahre. Aufgenommen von der Brauerei Schels aus sieht man vorne links den Völkl-Stadl mit Wagner-Werkstatt (der geöffnete große Türladen zur Regensburger Straße zeigt an, dass gearbeitet wird), daneben den kleine Garten. Die Fronfeste (Mitte) ist noch ein Gefängnis, bevor für mehr als 50 Jahre die Polizei einzieht. Im Kloster der Armen Schulschwestern (oben rechts) herrscht noch vielfältiges Leben, die Mädchenschule – untergebracht im Kloster und im jetzigen „MuseumsQuartier“ – ist noch die anerkannte Ausbildungsstelle für die jungen Damen.

Von Thomas Sporrer

Der Völkl-Stadl beherbergt auch einen wahren Schatz, eine alte Wagner-Werkstatt. Bis 1960 hat dort der letzte Wagner, der Völkl Anton gearbeitet. Dann wurde der Betrieb eingestellt und dort drinnen blieb irgendwie die Zeit stehen. Alte Handwerksgeräte, Maschinen, Holzstile, Hobel, Stemmeisen und dazwischen immer wieder viele Spinnweben sorgen für eine wunderbar morbide Stimmung. Ein sogenannter „Lost Place“, wie er im Buche steht.

„Das wird aber nicht so bleiben“, verspricht ein sichtlich erfreuter Bürgermeister Franz Stahl, der nach Jahren der Verhandlungen endlich den Vollzug, sprich den Kauf des Stadels, vermelden konnte. Schon in Vorbereitung auf die Gartenschau 2013 wurde der Stadl auf Kosten der Stadt neu eingedeckt und gesichert, zudem wurde der Fahrradparkplatz angelegt. Der Stadl selber könnte als Lager für Geräte dienen, die für die Pflege des Fischhofparks gebraucht werden. Für die alte Wagnerei, die sich mit im Stadl befindet, könne sich die Stadt aber eine Revitalisierung als „Schau-Wagnerei“ gut vorstellen. Besucher könnten dort dann dieses alte Handwerk wieder lebendig erleben.

"Eine wunderbare Gelegenheit"

Das geschieht dann in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis Historisches Handwerk im Oberpfalzverein. Herbert Konrad wurde als Leiter schon vom Stadtbaumeister Andreas Ockl kontaktiert. „Eine wunderbare Gelegenheit, die Werkstätte wieder so herzurichten, wie bis zum Ende der 50er Jahre dort noch gearbeitet wurde“, so Konrad begeistert. Natürlich müsse einiges herausgenommen werden, was nicht zur Wagnerei gehört, aber dann könnten dort regelrechte Vorführungen dieses alten Handwerks starten. Einen Fachmann dafür habe man zwar nicht mehr in den eigenen Reihen, aber da würde man sich schon schlau machen. „Der Arbeitskreis ist auf jeden Fall mit dabei“, versichert Konrad voller Freude.

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Tirschenreuth
Hintergrund:

Die Geschichte der Familie Völkl

Die erste bekannte neuzeitliche Erwähnung der Familie Völkl datiert Franz Krapf, Leiter des Historischen Arbeitskreises, auf das Jahr 1842. Dort taucht ein Baptist Völkl in der Hochwartstraße 134 im Grundsteuerkataster der Stadt auf. Sein Nachfolger ist dann ein Johann Baptist Völkl, der 1867 in Tirschenreuth geboren wurde und dort 1931 verstarb.

Er war der erste Wagner im Völkl-Stadl. Über ihn erzählt man sich laut Franz Krapf, dass er sich Ende des 19. Jahrhunderts in den Stadtrat hat wählen lassen, damit er das Grundstück hinter seinem Haus in der Hochwartstraße endlich erwerben konnte. Gesagt, getan. Nachdem er das Grundstück hatte und darauf dann den Völkl-Stadl errichten konnte, ließ er sich für den Stadtrat auch nicht mehr aufstellen. Er eröffnete das Wagner-Geschäft dann in der Werkstatt im Stadl in der hinter der Hochwartstraße gelegenen „Neuen Straße“, der späteren Regensburger Straße. Er war der Opa von Johanna Suchy und Marianne Stangl, beide geborene Völkl.

Johann Baptist Völkl hatte sieben Kinder (siehe Familienfoto aus der Zeit um 1930). Sein Sohn Josef war für die Übernahme der Landwirtschaft und der Wagnerei vorgesehen, ist aber 1945 in Italien gefallen. An seiner Stelle übernahm der 1904 geborene Anton Völkl den Betrieb. Johann Baptist Völkl war außerdem noch Zoiglwirt. Nach Aussage von Johanna Suchy gab es bis zum Zweiten Weltkrieg auch eine Zoigl-Stube im Anwesen. Gebraut wurde im Keller, später im Kommunbrauhaus der Stadt. Nach dem Krieg wurde der Zoigl-Ausschank eingestellt. In die Wirtsstube zogen für längere Zeit Heimatvertriebene ein.

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam die Wagnerei zunehmend durch die Verbreitung von Gummireifen unter Druck, auch mit Rechen und Hackstielen war nicht mehr viel Geld zu verdienen. Als schließlich auch die überall präsenten Leiterwagen niemand mehr brauchte, stellte Anton Völkl die Wagnerei um das Jahr 1960 endgültig ein. Die Werkstatt wurde geschlossen und fiel in einen Dornröschenschlaf.

Der Erbe des Bauernhofes und der ruhenden Werkstatt war sein Sohn Josef, geboren 1948 und verstorben 2018. Er lernte bei der Firma Hoyer Landmaschinen-Mechaniker. Mit der Landwirtschaft wurde er nicht glücklich. Seine Schwester Johanna Suchy beschrieb diese als sehr beschwerlich. Viele verstreute Grundstücke um die Stadt, ein Stall, der oberhalb des Stadls lag und es nötig machte, dass all das Futter in großen Schwingen immer den Berg hochgetragen werden musste. Johanna arbeitete bis 1973 in der Landwirtschaft mit, ohne versichert zu sein. Nebenbei hat sie aber auch im Café von Onkel und Konditormeister August Völkl, im Völkl-Café, als Bedienung gearbeitet. Dann ging sie nach München, lernte Krankenschwester und blieb dort bis zur Rente, heute lebt sie in Deggendorf.

Josef Völkl wollte sich aber nicht vom Stadl mit der Wagner-Werkstatt trennen. Erst nach seinem Tod verkaufte die Witwe alles nach langwierigen Verhandlungen schließlich im Jahr 2020 an die Stadt. Verändert wurde in den vergangenen Jahrzehnten an der Werkstatt aber nichts – nichts weggeworfen, nichts verscherbelt, nichts rausgerissen. Genau das macht die Werkstatt jetzt so wertvoll.

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