04.09.2020 - 15:44 Uhr
Trautenberg bei KrummennaabOberpfalz

Glasschleif Trautenberg: Ein Rundgang durch die Industriegeschichte

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Die Oberpfalz ist untrennbar mit dem Glashandwerk verbunden. In Trautenberg bei Krummennaab produzierte bis 1964 das Schleif- und Polierwerk der Familie Pöllmann Spiegelglas. Beim Betreten des Gebäudes beginnt eine Reise durch die Zeit.

Rundgang durch die Glasschleif in Trautenberg an der Fichtelnaab: Besitzer Karl Pöllmann zeigt, wie das Handwerk an den Polier-Tischen von statten ging.
von Lucia Seebauer Kontakt Profil

Das Schleif- und Polierwerk in Trautenberg bei Krummennaab war eines der letzten Unternehmen in der Region, die ihre Glasproduktion niederlegte. Bis 1964 war sie im Einsatz. Heute steht das Gebäude an der Fichtelnaab seit 14 Jahren unter Denkmalschutz. "Es ist ein Lost Place", sagt Besitzer Karl Pöllmann.

Nur wenigen Menschen ist ein Rundgang in der ehemaligen Glasschleif möglich. Oberpfalz-Medien durfte einen Blick in die frühere Arbeitswelt von Schleif- und Poliermeistern erhaschen. Belebt wurde die Fabrik durch die Wasserkraft der Fichtelnaab, die das Grundstück bis heute noch mit Strom versorgt.

Schleif seit 1930 in Familienbesitz

Zuletzt wurde die Glasschleif 1912 erneuert. Heimatforscher Adalbert Busl aus Wiesau recherchiert seit zehn Jahren zum Glashandwerk in der Oberpfalz und ist Mitglied der Steinwaldia, welche die Glasschleif in Pullenreuth als Dokumentationszentrum betreibt. Im Zuge dessen hat er sich auch mit dem Trautenberger Schleif- und Polierwerk beschäftigt. Nach seinen Archivfunden war es zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Besitz der Glasfabrik Windischeschenbach. Diese gehörte zur Firma Christian Winkler & Sohn in Fürth. Die Fürther Kaufleute führten zu diesem Zeitpunkt den Handel mit Glas an. Karl Pöllmanns Urgroßvater arbeitete damals als Poliermeister in Trautenberg und kaufte die Fabrik 1930. Seither ist sie in Familienbesitz.

Das Betreten des Werks fühlt sich wie eine Reise durch die Zeit an. Fast alles ist noch so eingerichtet wie vor über 50 Jahren. Im Erdgeschoss wurde das Glas geschliffen, im ersten Stock wurde es poliert. "Das war typisch. Entweder waren Schleif und Polier in einem Gebäude untergebracht oder es waren zwei Gebäude nebeneinander gebaut", erklärt Busl.

Jeder Schritt in dem Gebäude muss bewusst gesetzt werden. Überall sind Stolperfallen verborgen. "Meine Eltern haben das nach der Stilllegung als Rumpelkammer verwendet", sagt Pöllmann. Für den Besitzer allein wäre eine Sanierung des Werks finanziell und auch vom Arbeitsaufwand her nicht stemmbar. Vonseiten des Denkmalschutz oder den Behörden wurde ebenfalls bislang keine Hilfe angeboten. Der 53-Jährige Chemiker mit Hauptwohnsitz in Erfurt, führt mit der Taschenlampe durch das dunkle Labyrinth aus alten Maschinen, Schubkarren, Gießkannen und Brettern. In einer Ecke liegen alte Autoreifen, welche die Familie aus der Fichtelnaab geborgen hat. Alles ist rot. "Eisenoxid wurde als Poliermittel verwendet", sagt Pöllmann.

Noch heute haftet die sogenannte "Potte" überall im Raum und färbt willkürlich, wenn man nicht aufpasst, Schuhe, Kleidung und Hände ein. Im Erdgeschoss befindet sich der Kollergang. Hier wurde Gips gemahlen. Dieser wurde in einem separaten Häuschen gebrannt. Die Platten, die später zum Polieren benötigt wurden, sind am Dachboden getrocknet und gebrochen worden. Über eine Schütte kamen die Reste wieder ins Erdgeschoss. "Der Gips war ein Kleber, er wurde auf eine glatte Fläche, zum Beispiel Stein, aufgebracht, um das Glas zu polieren", erklärt Adalbert Busl. "Auf den Gips kam dann das geschliffene Glas. Und als es fertig poliert war, wurde das Glas vorsichtig mit einem Spatel angehoben. Der Gips wurde gelöst und wieder neu gebrannt."

Prozessabläufe eng verzahnt

Beim Betrachten des Kollergangs fällt auf, wie eng die Prozessabläufe miteinander verzahnt waren. So war die Technik im Erdgeschoss mit den Polier-Tischen im ersten Stock verbunden. So konnte die Energie des Mahlwerks zu den Polier-Tischen geleitet werden. "Man brauchte die Wasserkraft auch, da die Dampfmaschinen noch nicht so effizient waren", erklärt Pöllmann. An den Fenstern entlang wurde das Glas geschliffen. Im Anschluss wurde es über eine Treppe nach oben zu den Polier-Tischen getragen. "Es wurden vor allem Spiegelglas und Spiegel produziert", weiß Pöllmann. 1953 arbeiteten bis zu zehn Menschen gemeinsam in der Schleif. Ein Arbeitstag konnte 16 Stunden dauern.

Mit der Einführung des Floatglasverfahrens ab den 1960er Jahren gingen die Auftragszahlen und Beschäftigten immer weiter zurück. Das zeigen auch Aufzeichnungen von Aufträgen der "Deutschen Tafelglas und Aktiengesellschaft" (Detag) in Weiden, die Winfried Kraus 1979 in einer Zulassungsarbeit aufgelistet hat. Damals wurde Verbundglas für die Autoindustrie hergestellt. Im Jahr 1959 wurden noch über 6000 Quadratmeter veredeltes Glas in Auftrag gegeben, 1963 waren es noch 348,6100. "Mein Vater beschloss bei der 'Deutschen Tafelglas und Aktiengesellschaft' (Detag) in Weiden zu arbeiten und die Glasschleif in Trautenberg ist seither still gelegt", sagt Pöllmann.

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Hintergrund:

Spiegelglas: Von Frankreich in die Oberpfalz

Spiegelglas war lange ein Luxusgut. Erst vor rund 200 Jahren wurde es für jedermann erschwinglich und zu einem wichtigen Alltagsgut. Erst im 18. Jahrhundert begann sich die Spiegelglasproduktion in Bayern und Böhmen zu verbreiten. Erst durch das Schleifen und Polieren wurde mundgeblasenes Glas zu Spiegelglas mit einer glatten Oberfläche.

Wann die Glasschleif in Trautenberg genau gebaut wurde, geben die historischen Quellen bislang noch nicht preis. Aber: "Die erste Glashütte gab es in Wildenreuth", weiß Heimatforscher Adalbert Busl. Christoph von Podewils hatte sie gebaut. Diese wurde dann 1716 vom französischen Adeligen Louis Anne de Saint Marie gepachtet. "Er konnte weißes Glas produzieren und brachte Fachkräfte mit."

Neben der Glashütte baute der Franzose ein Schleif- und Polierwerk. "Zu der Zeit wurde das Glas noch per Hand poliert und mit Wasser geschliffen", sagt Busl. Von da an hat sich das Handwerk in der Region verbreitet. "Die nächsten Werke gab es in Krummennaab, Erbendorf, Burggrub, Siegritz und Trautenberg." Erstmals wurde die Schleif in Trautenberg 1731 erwähnt. "Der damalige Besitzer Heinrich Ernst Ludwig von Hirschberg stellte einen protestantischen Arbeiter aus Kaibitz ein." Diese Information fand Busl zufällig in einer Kirchenakte.

Kurz Notiert:

Glashandel lange Zeit in jüdischer Hand

Lange war der Glashandel in jüdischer Hand. Die Kaufleute organisierten ein neues Geschäftsmodell und bauten ein weites Produktions- und Vertriebsnetz auf. Sie erkannten den Vorteil mit den Verkauf großer Stückzahlen. Das kennzeichnen auch die Begriffe "Judenmaß" (ca. 21 x 27 Zentimeter) und "doppeltes Judenmaß" (ca. 27 x 43 Zentimeter). Diese Formate gewannen im 18. und 19. Jahrhundert zunehmend an Bedeutung.

Zunächst fokussierte sich das Zentrum des Handels in Nürnberg, bis Mitte des 19. Jahrhunderts Fürth das Zepter übernahm. In Trautenberg wurde Glas vor allem aus Bayern und Böhmen bezogen. 1776 beschäftigte die Glasschleif 6 Arbeiter und produzierte 6000 Stück Glas Judenmaß (von der Moosburger Hütte in Böhmen) nach Nürnberg. 1870 gab es 5 Arbeiter, verarbeitet wurden 15 000 Stück Judenmaß aus Böhmen und Bayern, die gleiche Masse ging weiter nach Fürth zur Veredelung.

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