31.03.2021 - 11:06 Uhr
UrsensollenOberpfalz

Aus zehn mach eins: Als die Großgemeinde Ursensollen entstand

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Vor 50 Jahren schlugen die Wogen hoch: Stolze Landgemeinden mussten sich mit ihren Nachbarkommunen zusammenschließen. Ein Rückblick, wie das in Ursensollen gelaufen ist.

Hohenkemnaths Bürgermeister Johann Hummel bei der Einweihung der neuen AS 9 am 13. Oktober 1962. Links der damalige Pfarrer Hermann Josef Ebenhöch Hummel leitete von 1956 bis 1971 die Gemeinde Hohenkemnath.
von Josef SchmaußerProfil

Vom April 1971 bis zum Mai 1978 machte die Gebietsreform in Bayern aus dem kommunalen Fleckerlteppich ein modernes Verwaltungsparkett. Die Zahl der Landkreise und kreisfreien Städte wurde halbiert, die der Gemeinden um über 5000 reduziert. In vielen Fällen ging das alles andere als reibungsfrei - auch in Hohenkemnath nicht, das in der neuen Gemeinde Ursensollen aufgehen sollte.

Die erste Phase der Neugliederung sollte auf freiwilliger Basis erfolgen. Ein Lockmittel waren Sonderschlüsselzuweisungen, Eingliederungsverträge wurden geschlossen. Der damalige Landrat Dr. Hans Raß hatte die schwierige Aufgabe zu meistern, bei vielen Versammlungen die Bürger für das doch sehr einschneidende Vorhaben zu gewinnen. Die Ängste waren schon verständlich: Die Leute fürchteten, dass jahrzehntelang gewachsene Strukturen, die Nähe zum eigenen Bürgermeister, verlorengehen würden. Fast die gesamte dörfliche Infrastruktur würde wegbrechen.

Am 1. April 1971 schlossen sich in einem ersten Schritt die Gemeinden Hohenkemnath, Haag, Ullersberg, Zant und Garsdorf (ohne Hirschwald, Ober- und Unterbernstein – die drei Orte kamen zur Gemeinde Ensdorf) der Gemeinde Ursensollen an. Am 1. Juli 1972 folgte die Landkreisreform. Nun kamen die vorher zum Landkreis Neumarkt gehörigen Gemeinden Hausen (ohne Flügelsbuch, es kam zur Marktgemeinde Kastl) und Thonhausen zur Gemeinde Ursensollen. Ehringsfeld wurde von der aufgelösten Gemeinde Wolfsfeld Ursensollen zugeteilt, ebenso Winkl. Die restlichen Gemeindeteile von Winkl gingen an die Marktgemeinde Kastl.

Im dritten Schritt kam am 1. Januar 1978 noch die Ortschaft Kotzheim nach Auflösung der Gemeinde Götzendorf zu Ursensollen. Am 1. Mai 1978 wurde das neue Gemeindegebiet mit Wollentshofen, Darsberg und Ödallertshof (bis 1972 Gemeinde Thonhausen) abgerundet. So war aus zehn ehemaligen Gemeinden das neu gebildete Konstrukt Großgemeinde Ursensollen mit 38 Gemeindeteilen und 72,90 Quadratkilometern Fläche entstanden. Bürgermeister war Michael Kuhn aus Ursensollen.

Dem ersten Aufschrei folgte bald die Einsicht der Vernunft. Ein Volksbegehren gegen die bayerische Gebietsreform unterstützten nur 3,7 Prozent der Bürger. Heute profitiert das moderne Bayern von der schlankeren Kommunalverwaltung. Doch vor 50 Jahren war der Schmerz über die verlorene Eigenständigkeit vielerorts groß.

Vom Misthaufen zur Trauung

Ein älteres Ehepaar aus der Gemeinde Ursensollen erzählte einmal, dass es an einem Freitagvormittag einen Trauungstermin bei einem der Bürgermeister aus einer ehemaligen Gemeinde hatte. Der Bürgermeister war Landwirt und gerade beim Mistaufladen. Flugs band er sich sein „Vierder“ (Arbeitsschürze) ab, stieg aus den Gummistiefeln, wusch sich die Hände, schlüpfte in Pantoffel und betrat mit dem Brautpaar die Gemeindekanzlei – das Wohnzimmer des Bürgermeisters. Die Trauung wurde flott vollzogen. Beim Verlassen des Hofes nach der Zeremonie konnte das frisch vermählte Paar das Gemeindeoberhaupt schon wieder auf dem Weg zu seinen Gummistiefeln sehen. Er band sich wieder sein Vierder um und ging weiter seiner Arbeit auf dem Misthaufen nach.

Wie schon erwähnt, hatte der damalige Landrat Dr. Hans Raß hatte die schwierige Aufgabe, bei vielen Versammlungen die Bürger für das doch sehr einschneidende Vorhaben zu gewinnen. Bei einer Versammlung im Gasthaus Hirsch in Hohenkemnath redete der Landrat mit Engelszungen auf die Versammlung ein, sich doch freiwillig dem neuen Konstrukt Großgemeinde anzuschließen. Ein Kindergarten wurde Hohenkemnath versprochen. Der „Schloss-Franz“, ein ganz besonderer Hohenkemnather, nervte den Landrat mit mehreren seiner berühmten Zwischenrufe, ob den „unser Herr Bürgermeister“ auch seine verdiente Pension bekäme. „Ja, natürlich! Er bekommt seinen Ehrensold. Er war schließlich seit 1956, damit zwei Perioden, im Amt.“ Der Franz gab keine Ruhe. Noch mehrmals rief das Hohenkemnather Original dazwischen. „Kann man den Mann nicht rausschicken?“, fragte der sichtlich genervte Landkreischef. „Naa, der bleibt!“, brummelte ein Gast. „Wenn Sie schou lang nimmer da san, dann sitzt da Franz immer nu am Stammtisch!“

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