07.01.2021 - 10:33 Uhr
HirschauOberpfalz

Hirschau und Ehenfeld feiern quasi Goldene Hochzeit

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Der 1. Januar 1971 ist ein denkwürdiges Datum in der jüngeren Geschichte der Stadt Hirschau und der ehemaligen Gemeinde Ehenfeld. Denn die Kommune wurde vor 50 Jahren in die Stadt eingegliedert.

Vor 50 Jahren, am 1. Januar 1971, wurde die Gemeinde Ehenfeld in die Stadt Hirschau eingegliedert. Die Bürgermeister und Cousins Willi Bösl (links) und Sebastian Reich (rechts) waren die Architekten der Fusion. In seiner ersten Sitzung nach der Eingliederung verlieh der Stadtrat an Sebastian Reich, der 18 Jahre als Bürgermeister Ehenfelds Geschicke leitete, die silberne Bürgermedaille und den Ehrentitel Altbürgermeister.
von Werner SchulzProfil

Mit der Eingliederung Ehenfelds mit ihren damals 528 Einwohnern (heute: 598) avancierte die 4826 Einwohner zählende Stadt Hirschau, die aktuell insgesamt 5354 Einwohner hat, zur ersten Stadt im einstigen Landkreis Amberg mit über 5000 Einwohnern. Hirschau war damit die stärkste Landkreisgemeinde. Für die Kaolinstadt bedeutete der Beitritt Ehenfelds den Auftakt zur Gemeindegebietsreform, die erst 1978 mit der lange umstrittenen Eingliederung Massenrichts ihren Abschluss fand.

Ministerpräsident Alfons Goppel hatte 1967 in seiner Regierungserklärung die Gebietsreform als „wichtigste innenpolitische Aufgabe dieser Legislaturperiode“ bezeichnet. Innenminister Bruno Merk war Initiator dieses Vorhabens, das zu heftigen politischen Auseinandersetzungen führte. Kein Wunder: Die Gebietsreform verringerte in der Zeit von 1972 bis 1978 die Zahl der kreisangehörigen Gemeinden von 6962 im Jahr 1970 um mehr als zwei Drittel auf 2051. Ziel der Reform war es, leistungsfähigere Landkreise und Gemeinden zu schaffen.

Kein Selbstläufer

Genau das wollten auch die beiden Architekten der Eingliederung Ehenfelds nach Hirschau – die Bürgermeister und Cousins Willi Bösl und Sebastian Reich. Einen Verbündeten hatten sie in Landrat Hans Raß. Trotzdem war die Zusammenlegung alles andere als ein Selbstläufer. Ein Beleg dafür ist die Sitzung des Ehenfelder Gemeinderats vom 31. Juli 1970, bei der Bürgermeister Bösl zu Gast war. Im Protokoll steht zu lesen: Gemeinderat Heuberger stellte fest, dass Hirschau für Ehenfeld nicht der richtige Partner sei, weil Ehenfeld durch den Anschluss zur Bedeutungslosigkeit herabsinken werde. Außerdem gab er zu bedenken, dass durch den Anschluss eventuell auch der Kindergarten und die Schule aufgelöst werden könnten. Am Ende wurde mit 7:1 Stimmen beschlossen, dass der Gemeinderat mit der Eingliederung nach Hirschau vorbehaltlich der Zustimmung der Mehrheit der Gemeindebürger einverstanden ist.

Diese Mehrheit schien durchaus fraglich. Deutlich wurde das in einer Versammlung der Ehenfelder CSU Anfang September 1970, bei der Bürgermeister Bösl die Vorzüge einer Zusammenlegung aufzeigte. Dennoch lautete das Fazit, das Lokalreporter Hans Überschaer in seinem Bericht in der Amberger Zeitung zog: „Trotz der offensichtlichen Vorteile lehnten die Ehenfelder einen eventuellen Zusammenschluss ab.“

Tiefschwarzes Ehenfeld

Auch in Hirschau waren nicht alle Feuer und Flamme für den Beitritt des parteipolitisch tiefschwarzen Ehenfeld. Einige streuten die Befürchtung, Hirschau würde durch diese „Heirat“ nur Schulden übernehmen. Tatsächlich brachte Ehenfeld ein Gesamtvermögen von 557 000 Mark mit in die Ehe. Dem standen Schulden von 263 736 Mark gegenüber.

Nach einigem Hin und Her über den richtigen Zeitpunkt für die Abstimmung legte das Landratsamt den 6. Dezember 1970 fest. Im Vorfeld gingen die Verhandlungen über die Beitrittskonditionen weiter. Die Ehenfelder Gemeinderäte formulierten einen Katalog mit 20 Punkten. So sollte die Stadt Hirschau die durch die Zusammenlegung entstehenden Schlüsselzuweisungen in Höhe von 248 385 Mark zusätzlich zu den bisher gewährten Zuweisungen voll für die bisherige Gemeinde Ehenfeld verwenden.

Eine Bedingung war auch „die Unterstützung des kirchlichen Kindergartens mit Schwesternhaus und die Zusicherung, dass der Kindergarten erhalten bleibt, wenn einmal die klösterlichen Kräfte abgezogen werden sollten“. Verlangt wurde außerdem die Weiterbeschäftigung von Gemeindeschreiber und Kassenverwalter Hans Falk, von Wasserwart und Schulhausmeister Georg Kirchberger und von Schulreinigungskraft Therese Heuberger. In diesen wie in den allermeisten der 20 Punkte wurde man sich einig.

Abstimmung mit Spannung erwartet

So wurde mit Spannung der Urnengang am 6. Dezember 1970 erwartet. 336 Ehenfelder waren dazu aufgerufen, von 278, also 82,7 Prozent, von ihrem Wahlrecht Gebrauch machten. Von ihnen votierten 157 (56,5 Prozent) für die Eingliederung nach Hirschau, 121 (43,5 Prozent) lehnten sie ab. Damit war die „Ehe zwischen Stadt Hirschau und Gemeinde Ehenfeld besiegelt“, wie die Amberger Zeitung am 16. Januar 1971 titelte.

Die erste Stadtratssitzung nach der Eingemeindung fand zunächst im Rathaus, dann in der Gastwirtschaft Meier in Ehenfeld statt. Dabei beschloss der Stadtrat einstimmig, Bürgermeister Sebastian Reich, der die Geschicke Ehenfelds von 1952 bis zum 31. Dezember 1970 leitete, die silberne Bürgermedaille und den Ehrentitel Altbürgermeister zu verleihen. Bürgermeister Willi Bösl betonte, dass unter Reich ein ganzer Katalog von Vorhaben verwirklicht worden sei. Er habe stets „das Wohl der Gemeinde und ihrer Bürger“ im Auge gehabt. Hirschau übernehme eine "sehr aufgeschlossene und modern denkende Gemeinde".

Das Innenministerium hatte verfügt, dass mit Wirkung zum 1. Januar 1971 drei Ehenfelder Gemeinderäte für den Rest der Wahlperiode dem Stadtrat als beratende Mitglieder angehören. Die Ehenfelder Ratsmitglieder hatten dafür Josef Hauer, Georg Hüttner und Isidor Lengfelder gewählt, die an der Sitzung erstmals in dieser Funktion teilnahmen. Bei den Stadtratswahlen am 11. Juni 1972 gelang Josef Hauer und Franz Kummer (beide CSU) der Einzug in das Gremium. Hauer gehörte dem Stadtrat bis 1978 an, Kummer bis 2002.

Ehenfeld im Stadtrat gut vertreten

Als weitere Ehenfelder schafften danach Sepp Falk (FW, 1990 bis 2014), Ludwig Reich (CSU, 1993 bis 1996), Franz Kustner (CSU, 1996 bis 2014), Franz Birner (CSU, 2008 bis 2020) und Georg Kummer (FW, 2008 bis 2013) den Sprung in den Stadtrat. Mit Christian Gnan (CSU, seit 2014), Manuel Falk (CSU, seit 2020) und Matthias Dotzler (FW, seit 2020) haben aktuell drei Bürger aus der ehemaligen Gemeinde Ehenfeld Sitz und Stimme im Hirschauer Stadtrat. Franz Kummer und Sepp Falk gestalteten von 1978 bis 1996 beziehungsweise von 2002 bis 2014 überdies die Stadtpolitik als stellvertretende Bürgermeister entscheidend mit. Seit 2014 steht mit Hermann Falk ein Ehenfelder sogar als Erster Bürgermeister an der Stadtspitze.

Hans Heubergers Befürchtung, Ehenfeld werde nach der Fusion mit Hirschau in der Bedeutungslosigkeit versinken, hat sich nicht nur in personeller Hinsicht als Fehlprognose erwiesen. Der Kindergarten wie die Grundschule existieren nach wie vor. Und was insbesondere Franz Kummer ganz wichtig war: Der Ortsname Ehenfeld ist bis heute nicht aus der postalischen Anschrift seiner Bewohner verschwunden. Um das zu erreichen, verzichtete man auf die Einführung von Straßennamen. Allerdings mussten dafür die Hausnummern systematisiert werden. Nummern unter 200 findet man seit dem 1. Juli 1993 westlich der Kreisstraße AS 18 im Dorf, ab 200 östlich der AS 18 im Bereich der Schule und nördlich davon sowie ab 300 im Baugebiet Zeilerweg südlich der Schule und westlich der AS 18.

Für Hirschau ein denkwürdiger Sonntag

Hirschau
Das Innenministerium verfügte, dass mit Wirkung vom 1. Januar 1971 die drei Ehenfelder Gemeinderäte (von links) Georg Hüttner, Josef Hauer und Isidor Lengfelder dem Hirschauer Stadtrat bis zum Rest der Wahlperiode als Mitglieder angehören. Dazu gratulierte ihnen Hirschaus Bürgermeister Willi Bösl (stehend). Mit im Bild (rechts) Gemeinderat Georg Reich aus Kindlas.

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