29.07.2020 - 20:34 Uhr
VilseckOberpfalz

Endzeitstimmung in Vilseck wegen US-Abzug: "Dann ist die Stadt tot"

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4500 US-Soldaten sollen aus Vilseck abgezogen werden. Für die Stadt, ihre Geschäftsleute und ihre Einwohner, die "von den Amis leben", ist die Nachricht ein großer Schock. Ein Stimmungsbild vor Ort.

"Wir leben vom Ami", sagt Hotelchefin Sabine Kederer.
von Julian Trager Kontakt Profil

Die Nachricht, die ihre Stadt vermutlich komplett verändern wird, haben viele Vilsecker am späten Mittwochnachmittag noch gar nicht mitbekommen. Erzählt man ihnen davon, werden die meisten erst mal ruhig, dann ringen sie um Worte. Einer Frau, die in einem Geschäft am Marktplatz arbeitet, steht das Wasser in den Augen. Es ist ein schwarzer Tag für die Kleinstadt im Kreis Amberg-Sulzbach.

Zwei Stunden vorher hat US-Verteidigungsminister Mark Esper in Washington bekanntgegeben, dass das zweite Kavallerieregiment aus Vilseck abgezogen werde - das betrifft etwa 4500 Soldaten. Was bedeutet das für die 6000-Einwohner-Stadt, für die Vilsecker?

Für Philipp Spyropoulos ist die Nachricht ein Schock, viele seiner Stammkunden sind Amerikaner. "Dann ist die Stadt tot", sagt der Besitzer der Eisdiele La Piazza über eine Zukunft ohne US-Armee vor Ort. Seine gute Laune lässt er sich aber trotzdem nicht nehmen, ganz cool verziert er zwei große Eisbecher.

Vor seinem Laden sitzen drei Männer. "Dann ist alles hin", sagt einer. Vor allem die Wirtschaft. "Es ist schon schön, dass die Amerikaner da sind, denn dann ist die Arbeit da." Aber mei, der Trump macht halt, was er will, meint er.

Wenn die wegfallen, seh ich schwarz.

Sabine Kederer, Besitzerin des "Hotel Angerer" in Vilseck

Nicht nur das Geld wird fehlen

Die USA sind in Vilseck sehr präsent. Die Kneipen hier heißen "Cheers", "KB's Western Saloon", Pilspub No Name" oder "Rose & Crown". Auf der Straße hört man ständig englisch, in den Läden stehen die Infos in zwei Sprachen.

Sabine Kederer hat es im Radio gehört. Die Besitzerin des "Hotel Angerer" ist geschockt. "Das ist unsere Wirtschaft, das ist unser Leben", sagt sie. "Wir leben vom Ami." Kederer meint das liebevoll, man kenne sich ja. Die Kinder gehen zusammen in die Schule, Soldaten heiraten Einheimische, bauen hier Häuser. Nicht nur das Geld der Amerikaner werde fehlen, sagt sie, aber natürlich werde es fehlen.

80 Prozent der Gäste in ihrem Hotel seien US-Bürger oder Leute, die arbeitsmäßig etwas mit den Amerikanern zu schaffen haben. "Wenn die wegfallen, seh ich schwarz", sagt Kederer. "Wir haben ja keine Touristen hier." Die lokale Politik habe es nicht geschafft, Wirtschaft oder Industrie anzulocken. Die Hotelchefin ist, das sagt sie selbst, keine Freundin des Bürgermeisters, der noch auf eine Abwahl von US-Präsident Donald Trump im November und eine Kehrtwende hofft. "Der sieht das zu rosa", sagt Kederer, die auch zugibt, es selbst vielleicht etwas zu schwarz zu sehen. "Aber es geht um unsere Existenz." Das Hotel im Familienbetrieb gebe es seit 1666, werde nun in der 14. Generation geführt.

Sollten die USA ihre Pläne tatsächlich wahr machen, "wird das heftig für die ganze Region", glaubt Kederer, "nicht nur für uns". Alle werde es treffen: Bäcker, Metzger, die Lieferdienste, den großen Supermarkt.

My Lingh ist mit ihrem Nagelstudio "American Nails" seit einem Jahr in Vilseck. Auch sie hat Angst vor der Zukunft, 90 Prozent ihrer Kunden sind aus den USA. "Wenn die Amerikaner weg sind, wird es sehr schwer", sagt sie und versucht zu lächeln.

"Dann können wir zusperren"

Auf der anderen Straßenseite steht die gut gelaunte Claudia Specht. Die Chefin der Kneipe "Rose & Crown" kommt frisch aus dem Urlaub, sie sagt: "Für mich ist es nicht so schlimm, weil ich hauptsächlich deutsche Kunden habe." Aber andere Bars könnten dann wohl zu machen.

"Wir leben von den Amerikanern. Ohne sie können wir zusperren", sagt der Besitzer eines Restaurants, in dem vor allem US-Soldaten essen und trinken. "Wenn sie abziehen, ist es vorbei."

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