02.08.2018 - 18:45 Uhr
VilseckOberpfalz

Pfarrer Kiefmann verstorben

Er hat im Frühjahr überregional für Schlagzeilen gesorgt, nachdem er überfallen und geschlagen worden war. Jetzt ist er tot. Der beurlaubte Pfarrer von Vilseck, Johannes Kiefmann, ist am Mittwoch im Alter von nur 37 Jahren verstorben.

Pfarrer Johannes Kiefmann vor dem Tor des Vilsecker Pfarrhofs. Die Aufnahme entstand am Rosenmontag, als er gegenüber Medienvertretern beschrieb, wo er am Tag vorher Opfer eines Überfalls geworden war.
von Markus Müller Kontakt Profil

(upl/ll) Ein handgeschriebener Zettel am Schwarzen Brett vor der Kirche in Sorghof bringt die Nachricht unter die Leute: "Verstorben: Pfarrer Johannes Kiefmann", steht darauf. Dazu das Datum 1. August 2018 und das Lebensalter des Geistlichen: 37 Jahre. Recht viel mehr ist in der Pfarrgemeinde zunächst nicht bekannt.

Im Laufe des Tages verdichten sich die Informationen: Offenbar ist Pfarrer Kiefmann in Gießen (Hessen) verstorben - eines natürlichen Todes, wie ihm nahestehende Personen berichten. Die genaue Todesursache kennen auch sie nicht. Einer vermutet Gehirnschlag, ein anderer Herzinfarkt. Der Geistliche aus Vilseck sei in der Universitätsstadt gewesen, um bei einer Beerdigungsfeier dabei zu sein, heißt es. Noch steht nicht fest, wann und wo nun seine eigene Beerdigung stattfinden wird. Möglicherweise in Oberviechtach (Kreis Schwandorf), wo sich Kiefmanns Familiengrab befindet.

Neue Aufgabe geplant

Erst in dieser Woche hatte es Neuigkeiten in der Causa Kiefmann gegeben. Das Bistum Regensburg bestätigte auf Anfrage von Oberpfalz-Medien, dass der Geistliche ab 1. September offiziell nicht mehr Pfarrer von Vilseck sein würde. Clemens Neck, der Pressesprecher des Bistums Regensburg, bestätigte: Kiefmann habe "mit Wirkung vom 1. September auf dieses Pfarramt verzichtet und um eine neue Aufgabe im Bistum gebeten". Sein neuer Wirkungsort wäre die Pfarreiengemeinschaft Wilting, Sattelpeilnstein und Sattelbogen (Kreis Cham) gewesen. Dort sollte der 37-Jährige Pfarrer Georg Praun als Pfarrvikar in der Seelsorgearbeit unterstützen.

Kiefmann war bereits aus dem Pfarrhof in Vilseck ausgezogen. Einen direkten Nachfolger erhält die Pfarreiengemeinschaft Vilseck/Schlicht erst einmal nicht. Es bleibt hier bei der Konstellation, die Generalvikar Michael Fuchs nach der Beurlaubung von Kiefmann Anfang Februar 2018 verfügt hatte: Dekan Walter Hellauer aus Sulzbach-Rosenberg ist als Pfarradministrator tätig, für die Seelsorge vor Ort ist Pfarrvikar Hrudaya Kumar Madanu zuständig. Zusätzlich wurde Diakon Dieter Gerstacker (vorher Hahnbach) ab 1. April für den dortigen Seelsorgedienst eingesetzt.

Überfall im Pfarrhof

Die Situation in Vilseck hatte Schlagzeilen gemacht, nachdem am Abend des Faschingssonntags Kiefmann einen Überfall auf seine Person bei der Polizei angezeigt hatte. Ein Unbekannter habe ihn bei der Garage des Pfarrhauses mehrere Schläge gegen den Kopf sowie Fußtritte verpasst und sei dann geflohen.

Onetz-Artikel: Faustschläge gegen Pfarrer Kiefmann

Hatte man das zuerst noch als eine von mehreren Gewalttaten nach dem Vilsecker Faschingszug sehen können, setzte die dann bekanntwerdende Auseinandersetzung Kiefmanns mit seiner Haushälterin die ganze Sache in ein anderes Licht. Zudem fühlte sich Kiefmann nach eigener Aussage bedroht, als in der Nähe der Kirche die Zahl "187" an eine Wand gesprüht wurde - im kalifornischen Strafgesetzbuch der Paragraf, der sich mit Mord befasst, sowie im US-Polizeifunk der Code für solche Fälle.

Onetz-Artikel: Beurlaubter Pfarrer fühlt sich bedroht

Eskalation bei einem Gespräch

Das Vorspiel zur Eskalation reicht mehr als ein Jahr zurück. Nach Schilderung von Kiefmann begann es, als er im Sommer 2017 eine Hausangestellte entlassen habe. Danach habe er sich heftigen Anfeindungen ausgesetzt gesehen. Bei einem "klärenden Gespräch" habe er sich provozieren lassen und sei laut geworden. Davon gebe es auch Audio-Aufnahmen. Leute, die diese in Vilseck kursierenden Aufnahmen gehört haben, werten diese Darstellung angesichts der Worte, die der Geistliche bei den Gesprächen in den Mund nahm, und den Drohungen, die er dabei ausstieß, als stark beschönigend.

Jedenfalls war die Wirkung der ganzen Sache stark genug, dass Kiefmann sich im Pfarrbrief vom 5. August 2017 dazu äußerte: Es habe "in der letzten Zeit in unserer Pfarreiengemeinschaft viele Gerüchte gegeben, die auch um meine Person kreisen. Dankenswerterweise haben sich um die Aufklärung dieser teilweise schwer durchschaubaren Gerüchte juristische Fachleute angenommen. Ich darf betonen, dass ... ich an Leib, Seele und Geist gesund bin."

War das noch etwas kryptisch, wurde Kiefmann im Pfarrbrief vom 30. Oktober deutlicher. Hier teilte er zunächst mit, dass am 2. Oktober "in Regensburg mit den Gremienvertretern der Pfarreiengemeinschaft eine klärende Sitzung" stattgefunden habe. Weiter schrieb er: "In den letzten Wochen gab es ziemlich viel Unruhe in unserer Pfarreiengemeinschaft. Auslöser war ein persönlicher Streit, bei dessen Entstehen ich nicht unschuldig war. Über Schuld entscheiden auch die weltlichen Gerichte und eine höhere Instanz. Für die unangebrachten Äußerungen, die ich in diesem Zusammenhang getan habe, bitte ich die Beteiligten um Entschuldigung. Ich weiß, dass ich manchmal sehr emotional werde und damit andere verletze. Ich bemühe mich, das auch mit externer Hilfe in den Griff zu bekommen."

Vermittlerin brachte keinen Frieden

Eine "Supervisorin", also eine Vermittlerin, werde mit der Pfarrei zusammenarbeiten und dabei auch eng mit der Gemeindeberatung der Diözese kooperieren. Den gewünschten Frieden brachte das aber nicht in die Pfarrgemeinden zurück. Es kam zu Rücktritten von Ehrenamtlichen und schließlich zu einem Gespräch der Kritiker Kiefmanns mit dem Generalvikar in Regensburg. Sie brachten eine Versetzung des umstrittenen Geistlichen ins Gespräch, was aber bei den Verantwortlichen des Bistums zunächst nicht auf Gegenliebe stieß. Nach Kiefmanns Aussage wurde er stattdessen gefragt, ob er nicht von sich aus zurücktreten wolle. Er wollte nicht.

Danach war das Mittel der Wahl die Beurlaubung des Pfarrers. Die sprach der Generalvikar in einem Schreiben vom 2. Februar aus. Als Gründe nannte er laut einer Mitteilung der Pressestelle die Zuspitzungen der letzten Wochen in dem "Mitte vorigen Jahres entstandenen persönlichen, nicht seelsorglichen Konflikt in der Pfarreiengemeinschaft und dessen fortwährende Eskalation".

Onetz-Artikel: "Fortwährende Eskalation" - Bistum erläutert Gründe für Beurlaubung von Pfarrer Kiefmann

Dessen Folgen seien "auch durch das Verhalten des Pfarrers zunehmend zur Belastung in der seelsorglichen Zusammenarbeit und Akzeptanz" geworden. Zudem häuften sich gesundheitliche Einschränkungen bei Kiefmann. Die Beurlaubung war laut Clemens Neck mit der Aufforderung zu einem Amtsverzicht verbunden, der Kiefmann aber zunächst nicht nachkam.

Nach den Ereignissen vom Faschingssonntag (11. Februar) und Kiefmanns Schritt an die Öffentlichkeit sowie der Reaktion des Bistums in einer schriftlichen Erklärung war es nach außen hin um die Geschichte ruhig geworden. Kiefmann durfte weiterhin im Vilsecker Pfarrhof wohnen, was er wohl zumindest zeitweise auch tat. Anfang Juli soll er ausgezogen sein. Eine Rückrufbitte der AZ ließ er unbeantwortet.

Das Bistum reagierte auf die Vorfälle auch mit der Aussetzung der Pfarrgemeinderatswahlen in Vilseck und Schlicht, die für den 25. Februar angesetzt waren. Diese Wahlen sollen zusammen mit der Wahl zur Kirchenverwaltung am 25. November nachgeholt werden.

Die Ermittlungen:

Überfall und Ton-Aufnahmen

In Sachen Überfall auf Pfarrer Kiefmann am Abend des Faschingssonntags sowie der aufgesprühten Zahl "187" wurde nach der Anzeige die Polizeiinspektion Auerbach tätig. "Wir konnten allerdings keinen Tatverdächtigen ermitteln", erklärt deren Leiter Manfred Weiß auf AZ-Nachfrage.

Neben diesem Verfahren gegen Unbekannt wurden die Geschehnisse um Kiefmann bei der Staatsanwaltschaft Amberg in einem weiteren Fall aktenkundig - nach einer Anzeige des Pfarrers wegen Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes. Sie bezog sich auf die ohne seine Erlaubnis angefertigten Audio-Aufnahmen von Telefongesprächen mit seiner (früheren) Pfarrhaushälterin und richtete sich gegen diese sowie einen ihrer Verwandten und zwei Vilsecker Mandatsträger.

Oberstaatsanwalt Thomas Strohmeier, der Pressesprecher der Behörde, liefert dazu weitere Informationen: Gegen zwei der Genannten sei erst gar nicht ermittelt worden, "weil die Strafantragsfrist schon abgelaufen war". Kiefmann hätte die Anzeige hier spätestens drei Monate, nachdem ihm Täter und Tat bekannt wurden, stellen müssen. Das sei aber bereits Ende Juli 2017 der Fall gewesen, so dass beim Strafantrag Ende Februar 2018 diese Frist schon verstrichen war.

Gegen die beiden anderen Genannten wurde das Verfahren eingestellt, da laut Strohmeier "kein hinreichender Tatverdacht bestand". In diesem Fall habe der Vorwurf gelautet, dass sie die Aufnahmen beim Gespräch der Kiefmann-Kritiker mit dem Generalvikar in Regensburg verwendet hätten. "Es konnte aber nicht mehr rekonstruiert werden, ob das tatsächlich so war."

So sei unklar geblieben, welche Audio-Datei konkret bei diesem Treffen abgespielt wurde und wer genau das tat. Nach Informationen der AZ erschienen damals elf Kiefmann-Gegner beim Generalvikar. Das Ganze sei offenbar auch sofort gestoppt worden, nachdem klar wurde, was man sich hier anhörte. Deshalb ist dieses Verfahren abgeschlossen, "und es hat auch niemand dagegen Beschwerde eingelegt", betont Strohmeier.

Allerdings entsprangen daraus weitere Ermittlungen wegen der Verletzung der Vertraulichkeit des Wortes. Denn auf den Aufnahmen war nicht nur Kiefmann zu hören, sondern auch mehrere andere. Strohmeier hat die Polizei angewiesen, die Personalien aller Betroffenen zu ermitteln und zu fragen, ob sie einen Strafantrag stellen wollen. In diesem neuen Verfahren wäre die Antragsfrist noch nicht abgelaufen, sofern die identifizierten Personen erst durch die Polizei von den Aufnahmen erfahren. Ein Verfahren gegen Kiefmann ist laut Strohmeier bei der Staatsanwaltschaft Amberg nicht anhängig.

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Angelika Oetken

Bei so einer Vorgeschichte und angesichts des relativ geringen Alters des Verstorbenen ist es doch wohl selbstverständlich, dass eine besonders sorgfältige Obduktion vorgenommen wird. Gießen ist eine alterwürdige Universitätsstadt, die ganz sicher über eine hoch spezialisierte Pathologie verfügt.

Wurde die Gießener Staatsanwaltschaft schon informiert?

Angelika Oetken, Berlin-Köpenick

05.08.2018