24.09.2019 - 16:34 Uhr
VilseckOberpfalz

Wallfahrt durch das Sperrgebiet

Ottilie Gebhardt wird auf dem Areal des heutigen Übungsplatzes geboren. Die 84-Jährige erinnert sich an Erzhäusl und seine Gastwirtschaft, die Ausflügler zum Schwarzen Berg und die Wolfschützenkapelle, zu der heute noch die Gläubigen pilgern.

von Autor MORProfil

1910 bei der Gründung des Übungsplatzes und 1938 bei der Erweiterung des Militärareals mussten über 3500 Menschen aus 68 Ortschaften, Gehöften und Weilern ihre angestammte Heimat verlassen. Die 84-jährige Ottilie Gebhardt wurde noch auf dem Areal des heutigen Übungsplatzes geboren und erinnert sich an das Erzhäusl, die Wolfschützenkapelle und den Schwarzen Berg.

Das Erzhäusl war eine Einöde mit zwei Wohngebäuden am Fuße des Schwarzenbergs und lag idyllisch mitten in den tiefen Tannen-, Kiefern- und Fichtenwäldern. Den Namen hat sie vom Erztagebau, der ehemals rund um das Gehöft stattfand. Die Oberpfalz galt einst als der "Ruhrgebiet des Mittelalters". In Gruben wurde das eisenhaltige Gestein im Tagebau gewonnen und in den Öfen und Hämmern der Gegend verarbeitet. Noch heute kann man in den Wäldern rund um das Erzhäusl die hügeligen Abraumhalden, die sogenannten Pingen genau erkennen.

Zum Erzhäusl gehörte eine kleine Gastwirtschaft. In einem Raum befand sich der Dienstsitz des damaligen Förster. Die Eltern von Ottilie Gebhardt bewirtschafteten die Gaststätte, die auch ein beliebtes Ausflugsziel war. "Die Leute kamen bis von Nürnberg und genossen die Bewirtung und vor allem die herrliche Natur", erinnert sich Ottilie Gebhardt. An manchen Tagen kamen sogar die Grafenwöhrer mit der militärischen Ringbahn des alten Platzes hierher gefahren. Es spielte die Blasmusik und es bot sich die Gelegenheit, auf den Schwarzen Berg mit seinem Aussichtsturm zu wandern, um dort einen Blick ins Zielgebiet zu werfen.

Der Schwarze Berg ist mit seinen 563 Metern über dem Meeresspiegel die zweithöchste Erhebung im Militärgelände. Seinen Namen hat er von den dunklen Wäldern, die um den Berg liegen und vom schwarzen Gestein, vom Erz, das man rund um den Berg findet. 1926 wurde während der Reichswehrzeit ein Beobachtungsturm aus Backsteinen gemauert und nach dem Artillerie-General Bleidorn benannt. Neben dem alten Turm steht heute auf dem Berg ein Stahlriese, der auch als Beobachtungsturm für die Luftwaffe genutzt wird.

1938, mit der Erweiterung des Übungsplatzes, wurde das Erzhäusl abgelöst und endgültig geräumt. Es stand noch bis nach den Zweiten Weltkrieg und verfiel dann zusehends. Heute sind nur noch ein Kellereingang und einige Grundmauern zu finden. Familie Gebhardt zog 1938 nach Grünwald, einem ehemaligen Dorf auf dem Gebiet der heutigen "Rose Barracks" und später nach Vilseck. Gearbeitet hat Ottilie Gebhardt als Sekretärin bei der US-Armee. Auch nach ihrer Pensionierung hält sie viele Verbindungen zu ihren Freuden in Amerika aufrecht, genauso wie die Erinnerungen an ihre Geburtsstätte, dem Erzhäusl.

Als letztes noch intaktes Kirchlein auf dem gesamten Übungsgelände ist die Wolfschützenkapelle ein historisches Kleinod. Sie ist der Heiligen Dreifaltigkeit geweiht und hat eine über 300-jährige Geschichte. Aus Dankbarkeit für die Errettung eines Jägers vor dem sicheren Tod wurde die Wolfschützenkapelle in der Mitte des 17. Jahrhunderts errichtet. Am Dreifaltigkeitssonntag pilgern nach wie vor Gläubige aus Vilseck und Umgebung zu dem Kirchlein im Sperrgebiet des Truppenübungsplatzes.

Es ist die einzige Wallfahrt in Bayern, die in einem Sperrgebiet verläuft. Eine Allee aus 100 Linden, die zum 100-jährigen Jubiläum des Bundesforstes gepflanzt wurden, säumt das letzte Stück des Weges. Das Gnadenbild im Innenraum der Kirche erinnert mit der schaurigen Szene an die Wolfschützen-Sage. Demnach wurde ein bei der Wolfsjagd vermisster Jäger nach Anrufung der Heiligen Dreifaltigkeit gefunden und vor dem Tod errettet. Der Bundesforst sicherte 1967 die schlichte Kapelle vor dem Verfall und pflegt diese seither. Bei der Wallfahrt in diesem Jahr berichtete Ottilie Gebhardt Revierförster Frank Gerstenmeier über das Erzhäusl, den Schwarzenberg und die Wolfschützenkapelle.

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