Wobei, das ist nicht ganz korrekt, Versmaß interessiert den dichtenden Rentner nicht. Er reimt und wenn es sich reimt, dann passt es. Punkt.
71 ist Oswald Schmidt dieser Tage geworden. Und er könnte immer noch Bus fahren, der Schein gilt noch. Durch die halbe Welt hat er schon Vereine kutschiert, Stammtische, Pfarrgemeinden, Gemeinderäte - und jedesmal gab es für die Mitfahrer am Ende eine Zusammenfassung der Reise in Gedichtform. Viele sind immer wieder mit ihm gefahren wegen dieser gereimten Erinnerungen und haben sich nie daran gestört, dass der Oswald beim Dichten kein Blatt vor den Mund nimmt. Das klingt dann am Ende eines Frauenbund-Ausflugs schon mal so: „Den ganzen Tag nur Völlerei - und doch geht immer noch was nei.“ Eine Völlerei, die auch am Busfahrer nicht spurlos vorübergeht: „Wenn man all die Fahrten macht, schlanke Linie, gute Nacht!“
Laptop ersetzt Schreibmaschine
Anfangs bekamen die Busreisenden die auf Schreibmaschine getippten Erinnerungen noch kopiert per Brief zugeschickt, ein rechter Aufwand, zuletzt ging das sehr viel einfacher per Mail.
Im Oktober vor drei Jahren hat Oswald Schmidt vor sich hin sinnierend einen Anfall von „Es hat sich ausgedichtet“. Da reimt er allen Ernstes: „Gedichtet über jeden Scheiß, so dass ich einfach nichts mehr weiß.“ Das war natürlich Unfug und von Anfang an nicht ernst gemeint, er hat seither schon wieder viele neue Blätter seinen beiden Gedichte-Ordnern hinzugefügt.
Überall nach Lust und Laune
Wo dichtet er denn so? Und wann? Am Stehpult vielleicht? Zu einer bestimmten Stunde? Da kann er nur lachen, der Schmidt Oswald. Er dichtet überall. Wenn es ihm gerade in den Sinn kommt. Aber er zwingt sich auch nicht. Wenn ihm nichts einfällt, was soll´s. Er muss ja nicht. Er lebt ja nicht davon. Das heißt, doch, manchmal muss er schon. Und gleich geht das Dichten nicht mehr so leicht von der Hand. Feiert ein Freund einen Runden oder ein Ehepaar in der Nachbarschaft Goldene Hochzeit, es wird regelrecht erwartet, dass Oswald Schmidt sich seinen Reim macht auf den Freund, auf das Paar. Und mancher hat sich auch schon ein Gedicht bei ihm bestellt. Musste dann aber auch mit dem Inhalt leben, denn reinreden lässt Oswald Schmidt sich nicht.
Der dichtende Busfahrer
Der gelernte Elektriker hat schon als Schüler gedichtet. Verse auf Zettel gekritzelt, die dann wieder weggeworfen wurden. Er dichtet eigentlich schon sein ganzes Leben lang, sagt er. Mit Ausnahme der Zeit als Elektriker. Da hatte er keine Zeit zum Reimen. Keine Zeit und keine Muße. Beides fand er wieder als Fernfahrer, als er entweder erzwungene Pausen hatte oder auf dem Beifahrersitz saß. Und seine Hoch-Zeit als Dichter hatte er dann ohnehin als Busfahrer, als Beruf und Berufung zusammenfielen.
Schmidts Gedichte-Ordner streifen so ziemlich jedes Thema, das man sich nur denken kann. Die Schmankerl darin sind die konkreten Beobachtungen, zum Beispiel am Oberen Markt in Weiden: „(…) Auch Muttis, die mit Kinderwagen von ein´m Geschäft zum andern jagen, doch nicht der Sprössling jung an Jahren, das Hundelein wird drin gefahren.“
"... und genieße meine Ruh"
Schmidt macht sich aber nicht nur lustig, er kommentiert ebenso pointiert politische Entwicklungen und wirtschaftliche Schieflagen wie er das Nichtstun besingt: „Ich seh schon, wie die Pflanzen sprießen, tu ab und an mal etwas gießen. Seh, wie mein Rasen höher wird; beim Nachbarn kurz und abrasiert. Ich seh dem Wildwuchs einfach zu und genieße meine Ruh.“
Schwarzer Corona-Humor
Und jetzt Corona. Ein Thema, so gar nicht lustig und trotzdem dazu angetan, es mit schwarzem Humor anzupacken: „Neulich ist mir doch passiert; ich war Coronaschutz-maskiert, mit meiner Frau, die auch vermummt, weil sonst man nicht in´n Laden kommt, sind wir durch´n Supermarkt gezogen, den Wag´n hat mei Frau geschoben, ich ging derweil zu Käs und Fisch und Frauchen zum Gemüsetisch. Da steht nach Weißwürsten mein Sinn; ich such mei Frau, geh zu ihr hin, und frage sie wie eh und jeh, ob sie auch auf Weißwürst steh? Da erwidert sie spontan: „Aber gerne, junger Mann!“ Ich stutze etwas und ich schau, da war des gar net meine Frau. Die war wie meine Frau maskiert, scheiß Corona, wieder blamiert!“





















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