12.04.2021 - 10:50 Uhr
VohenstraußOberpfalz

Radikaler Wandel und Umbau der evangelischen Kirche in Vohenstrauß

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Über viele Jahrzehnte war die heutige evangelische Stadtkirche Heimat für Protestanten und Katholiken. 1928 endete diese Ära, wie ein Blick in die Chronik zeigt.

Aus dem Nachlass seiner Oma Barbara Pröls besitzt Wolfgang Pröls ein Foto von der damaligen Simultankirche. Die Aufnahme entstand um 1890 als der Turm eingerüstet war.
von Elisabeth DobmayerProfil

Die heutige evangelische Stadtkirche und damalige Simultankirche wandelte sich zwischen 1846 und 1928 zusehends. Der Friedhof rund um das Gotteshaus wurde aufgelöst. Bestattungen fanden ab diesem Zeitpunkt nur noch in dem von Pfalzgraf Friedrich 1596 angelegten Friedhof statt. Alte, wertvolle Epitaphe von Geistlichen, Bürgermeistern oder anderen bekannten Persönlichkeiten wurden an der Innenseite der Friedhofsmauer angebracht. Vier neue Glocken des Gotteshauses lieferte Glockengießer Friedrich Heinz aus Bayreuth. Drei davon waren neu, die vierte kleinere Glocke wurde aus der alten, unversehrt gebliebenen Kirchturmglocke und dem Glöckchen des Schulturms gegossen. Allerdings wurde diese dann fast nur als Sterbeglöcklein für die katholischen Pfarrgemeindemitglieder verwendet. Das Orgelwerk stammte vom Orgelbauer Büttner aus Nürnberg.

Heimatkundler forschten nach

Für den Altar wurde eine Kopie des Bilds „Die heilige Familie“ von Giulio Cesaro Procaccini von der Königlichen Zentral-Gemäldegalerie-Direktion der Alten Pinakothek in München als Leihgabe verwendet. Den Kreuzweg fertigte der bekannte Neustädter Kirchenmaler Thaddäus Rabusky. Die Fenster bestanden aus einfachen Glasplatten mit Holzrahmen. Den damaligen Kirchenraum kann man sich gar nicht mehr vorstellen, da es aus dieser Zeit keine Fotos oder Pläne gibt. Als die Katholiken den ersten feierlichen Gottesdienst feierten, konnte zugleich der hiesige Bürgersohn Schart seine Primiz begehen. 42 Jahre wurden nach dem Einzug beider Konfessionen nach dem Wiederaufbau regelmäßig Gottesdienste gefeiert. Allerdings wurden bis 1863 immer noch Beanstandungen der Bauabnahme beseitigt und sonstige Reparaturen ausgeführt. Welcher Teufel dann aber die beiden Kirchenverwaltungen beziehungsweise den Simultanausschuss und die Geistlichen ritt, die das Gotteshaus maßgeblich veränderten, wird wohl genauso im Dunkeln bleiben wie das ehemalige Aussehen der Inneneinrichtung. Dies konnten auch die Heimatkundler Heiner Aichinger und Rudolf Großmann nicht mehr nachvollziehen.

Pfusch am Bau vor über 180 Jahren

Vohenstrauß

Jedenfalls wurde von 1888 bis 1890 bis auf das hölzerne Taufbecken und die Kirchenbänke die komplette Inneneinrichtung inklusive der Kirchenfenster herausgerissen und ersetzt. Diese Neuanschaffungen erfolgten im neoromanischen Stil: Es kamen ein neuer Hochaltar mit der Kreuzigungsgruppe aus Stein sowie zwei Seitenaltäre mit einem Bild von Maria und Josef. Die Leihgabe des alten Altarbilds wurde der Pinakothek in München zurückgegeben. Eine geschnitzte Kanzel aus Eichenholz, die Kirchenbänke, ein zweireihiges Chorgestühl sowie eine etwa zwei Meter hohe Holzvertäfelung an der gesamten Kircheninnenwand wurde von Caspar Gina, der aus Südtirol über Böhmen nach Vohenstrauß kam, aus Föhrenholz gefertigt. Ein Mosaik mit Mettlacher Platten im Altarraum sowie eine neue Orgel der Firma Steinmeyer aus Oettingen kamen hinzu. Der neue Kreuzweg wurde von der Mayer’schen Kunstanstalt München gestaltet. Die zehn Apostelfenster, die damals auch noch eine bunte Umrahmung besaßen, kamen ebenfalls ins Gotteshaus.

Nicht billige Einrichtung

Der alte Kreuzweg des Kirchenmalers Rabusky kam in die Simultankirche nach Altenstadt. Wer diese bestimmt nicht billige neue Einrichtung finanzierte, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden. Aichinger und Großmann vermuten aber die konfessionelle Zusammensetzung der damaligen Bevölkerung, vielleicht waren aber die Kirchen und ihre Gemeindemitglieder zu neuem Reichtum gekommen. Während beim Wiederaufbau die Zahl der Katholiken verschwindend gering war, hatte sie nun bereits ihre evangelischen Mitchristen überholt. Die Industrialisierung in Vohenstrauß hatte begonnen und der Bahnanschluss war erfolgt. Eventuell könnte auch die erste Neueinrichtung bei den vielen Nachbesserungen beschädigt worden sein, vermuten die Heimatkundler, oder vielleicht war sie auch nur zweite Wahl? Für die beiden Vohenstraußer wären das die einzigen logischen Erklärungen für den radikalen Wandel und Umbau. Um die Jahrhundertwende kamen auch drei Epitaphe von Pfarrern aus dem Friedhof an die nördliche Außenwand des Gotteshauses.

Hoffnungslos überlastet

Ab 1902 brachten die Katholiken die Auflösung des nicht gerade beliebten Simultaneums ins Spiel. Zunächst bat man den Bischof in Regensburg, Ignatius von Senestrey, der aus Bärnau stammte, um wohlwollende Begleitung dieses Anliegens. Acht Jahre später, inzwischen war Bischof Antonius von Henle im Amt, bat man um Unterstützung eines Neubaus, da das alte Gotteshaus hoffnungslos überlastet sei. 1913 wurde schließlich ein fertiger Vertrag von beiden Kirchengemeinden unterzeichnet und ein Jahr später von der Regierung in Regensburg genehmigt.

Mittlerweile war die Zahl der Katholiken bereits auf das Doppelte angewachsen. Lediglich der Erste Weltkrieg und die Suche nach einem geeigneten Bauplatz verhinderten den sofortigen Neubau einer katholischen Kirche. 1927/1928 war es aber dann soweit und die katholische Stadtpfarrkirche bezugsfertig. Im Oktober 1928 wurde das Simultaneum offiziell aufgelöst und die katholische Hälfte an der Simultankirche mit 51.000 Reichsmark abgegolten. Die Beichtstühle, die beiden Seitenaltäre, das Missionskreuz und der neue Kreuzweg kamen in die katholische Kirche. Die beiden Seitenaltäre wurden weiß bemalt und erfüllten noch einige Zeit ihren Zweck, bis man die Altäre einlagerte und die beiden Seitenaltarbilder mit Maria und Josef in die Kalvarienbergkirche brachte. Der Kreuzweg aus dieser Zeit befindet sich noch heute in der katholischen Stadtpfarrkirche.

Hintergrund:

Auflösung des Simultaneums

  • 1902: Katholiken bringen Auflösung des Simultaneums ins Spiel
  • 1913: Beide Kirchengemeinden unterzeichnen Vertrag, ein Jahr später genehmigt ihn die Regierung in Regensburg
  • 1927/1928: Katholische Stadtpfarrkirche bezugsfertig
  • 1928: Im Oktober Simultaneum aufgelöst

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