03.08.2018 - 15:35 Uhr
WackersdorfOberpfalz

Der Film kommt heim

„Wackersdorf“ hat sich auf dem Münchner Filmfest wacker geschlagen. Es hat den Publikumspreis abgeräumt. Den ersten Praxistest bestanden.

In Schwarzhofen wurde einen Tag lang für ein Fest gedreht, bei dem Hans Schuierer eine Nachfolgelösung für die zu Ende gehende Braunkohle-Industrie in der strukturschwachen Region verspricht.
von Irma Held Kontakt Profil

(eld) Und es ist ein kritisches Publikum. Während bei den "Filmnächten an der Naab" Bilder über die Leinwand flimmern, kehren bei einem Teil der Zuschauer Bilder aus längst vergangenen Tagen zurück: aus der Zeit der Auseinandersetzung um die geplante Wiederaufarbeitungsanlage. Eines ist gewiss: Es wird so bald nicht wieder vorkommen, dass ein hier zutiefst verortetes Thema mit Altlandrat Hans Schuierer als Protagonisten Stoff für einen zweistündigen Film mit englischen Untertiteln liefert. Dieser wird großteils vor Ort gedreht. Viele Bürger geben die lebenden Kulissen ab.

Einer davon ist der Schwandorfer Stadtrat Peter von der Sitt. "Selbstverständlich schaue ich mir den Film an", sagt er auf Nachfrage von Oberpfalz-Medien, so als ob sich die Frage eigentlich gar nicht stelle. Er hat noch Karten für den 10. August ergattert. Bei den Aufnahmen in Schwarzhofen wirkt er mit und sein Verein, der FC Schwandorf, ist in die Dreharbeiten eingebunden. "Bei uns im Wirtshaus wurde das Weißwurstessen mit dem Minister gedreht und auch der Staatssekretär ist mit dem Hubschrauber auf dem FC-Platz gelandet." Dieses Treffen zwischen dem jungen Polit-Karrieristen und Schuierer gab es tatsächlich. "Allerdings hat es nicht auf dem Sportplatz stattgefunden, sondern im Landratsamt", erklärt dazu Regisseur Oliver Haffner. Gesichter aus der Region sind viele zu sehen, allein 800 kommen zum Casting. Da ist zum Beispiel der Vorsitzende des OWV-Schwandorf Erwin Mayer, der seit wenigen Tagen pensionierte Stadtbibliothekar Alfred Wolfsteiner, der Fronberger Christian Forster oder der nach der WAA-Zeit geborene Max Morodan. Drei Tage schlüpft der Schwandorfer in die Rolle eines Polizisten, sein Vater sitzt in der Anfangsszene im Wirtshaus und seine Schwester, unter anderem in einer Schulklasse. Max Morodan ist neugierig, ob er oder einer aus seiner Familie im Film zu sehen ist bzw. sind. Gut für ihn, dass es am 12. August eine weitere Open-Air-Vorstellung gibt, am 10. muss er arbeiten.

Einer, der nicht mitgespielt hat, hinter den Kulissen aber eine tragende Rolle einnimmt, ist Wolfgang Nowak. Er ist das nicht nachlassende und nimmermüde Gedächtnis der Anti-WAA-Bewegung. Wer immer sich damit beschäftigt, an dem 68-Jährigen ist kein Vorbeikommen. In seinem Keller liegen Pläne, Flugblätter, Zeitungsausschnitte und vieles mehr. Die Fotos sind Zeitdokumente par excellence. "Mir hat der Mut gefehlt", lautet seine Antwort, warum er weder an den Filmset noch zum Filmfest gefahren ist. "Alle, die etwas über die WAA machen wollen, kommen zu mir." Das reicht ihm und macht ihn stolz.

Im Grunde sei er immer gegen einen Spielfilm gewesen, bis Oliver Haffner und Ingo Fließ vor der Tür standen. Jetzt ist die WAA wieder ein Thema. "Zur Zeit läuft es gut. Auf den Film kann ich noch warten." Anders verhält es sich bei Peter von der Sitt. "Ich will endlich diesen Film sehen. Keine Ahnung, ob ich drin bin. Das ist mir auch egal. Ich freue mich auf den Film". Für die Vorstellungen am 10. und 12. August sind jeweils 100 Tickets ab 19 Uhr an der Abendkasse im Stadtpark erhältlich. Für den 10. August gibt es keine Karten mehr im Vorverkauf. Am 20. September kommt "Wackersdorf" in die Kinos. www.kino-schwandorf.com/kino/programm

Regisseur Oliver Haffner will mit dem Film der Region Respekt zollen.

In diesem VW-Bus kommt es zum Schulterschluss zwischen dem Landrat (dargestellt von Johannes Zeiler), der inzwischen vom Befürworter zum Gegner geworden ist, und der engagierten Vertreterin der Bürgerinitiative Monika Gegenfurtner (Anna Maria Sturm). Vertreter des Widerstands verfolgen das Treffen mit Skepsis.

Filmische Wiederaufarbeitung des Widerstands:

Wiederaufarbeitung des Widerstands

Genauso lange wie sich Bürger gegen den Bau der WAA bis zur Aufgabe des Projektes wehren, genauso lange dauert es von der Idee zum fertigen Film - sieben Jahre. Diese kommt von Regisseur Oliver Haffner. Der Münchener empfand das "Bayern der 80er Jahre eher als düstere Zeit". Haffners Vater verhinderte als Gemeinderat in Philippsburg eine von der Firma Exxon geplante Anlage zur Wiederaufarbeitung abgebrannter Brennelemente. Dann zog die Familie nach München und Haffners acht Jahre ältere Schwester fuhr zu Demos nach Wackersdorf. Er, Jahrgang 1974, war zu jung dafür. Aber die Sorgen der Eltern um die Schwester, gingen nicht spurlos an dem Buben vorbei.

2011 kam das Unglück in Japan: "Fukushima und der schnelle Atomausstieg der Bundesregierung haben mich auf das Thema gebracht. Ich bin zu Ingo Fliess gegangen." Haffner rennt bei dem in Sulzbach-Rosenberg aufgewachsenen Produzenten offene Türen ein. "Er erinnerte sich an Landrat Hans Schuierer, der mir kein Begriff war. Ich habe das Thema und Ingo Fliess den Helden gefunden", sagt Haffner im Gespräch mit Oberpfalz-Medien.

Schnell wird ein Kontakt zum Schwandorfer Altlandrat hergestellt. "Hans Schuierer war von Anfang an unser Gesprächspartner." Dieser habe dem Team viele Türen in der Region geöffnet. "Wir haben unter anderem Wolfgang Nowak, Franz Schindler, Claus Bössenecker und Irene Maria Sturm getroffen. Das waren die wichtigen Gespräche!". Der heute 87-Jährige Schuierer bekommt das Drehbuch zu lesen, "wollte aber nie zensierend eingreifen und hat die künstlerische Freiheit akzeptiert".

Der Regisseur setzt sich außerdem mit dokumentarischem Material auseinander - "dennoch ist es ein fiktiver Film". Und ist erschrocken über die Gewalt-Eskalationen: "Ich hab's nicht glauben können." Eines ist für ihn aber klar: "Ich wollte der echten Gewalt keine inszenierte gegenüberstellen. Das Staats- und Demokratieverständnis ist das viel tiefere Thema, geblieben aber sind die ikonenhaften Bilder von der Gewalt." Deshalb wird dokumentarisches Material dramaturgisch exquisit in den Spielfilm eingearbeitet. Doch noch ist es nicht soweit, denn nach vier Jahren kommen Haffner Zweifel: "Ich dachte, ich kann den Film nicht mehr machen, weil ich all den Menschen und persönlichen Schicksalen gerecht werden möchte, auf die ich in der Recherchearbeit gestoßen bin - was bei einem fiktionalen Film ja nicht möglich ist. Das Hinzuziehen des unvorbelasteten Co-Autors Gernot Krää war ein guter Schachzug."

Das Projekt ist in der Region nur einem überschaubaren Kreis bekannt. Das ändert sich schlagartig im vergangenen Jahr als "if-productions" (die Produktionsfirma von Ingo Fliess) Komparsen sucht, aber auch Autos, Motorräder und Möbel. Das Interesse ist groß. Für Haffner der schlagende Beweis: "Das Thema ist noch richtig da. Die Wunden sind unverheilt." Im Herbst 2017 wird gedreht. Seit Anfang Juni ist "Wackersdorf" fertig. "Wir möchten mit diesem Film der Region und der Protestbewegung Anerkennung zollen." Dem Regisseur geht es auch darum: "Es haben in der Auseinandersetzung um die WAA Menschen zusammengefunden, die sonst nicht zusammengekommen wären. Das ist auch eine große zivilgesellschaftliche Inspiration für heute." (eld)

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