22.06.2020 - 14:27 Uhr
WaldershofOberpfalz

Aufkleber-Flut und hoher Schaden

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Seit rund zwei Jahren verunstaltet ein Ultra-Fan des Regensburger Zweitligisten SSV Jahn ganz Waldershof mit Aufklebern. Mittlerweile ist der Anhänger auch als Sprayer gefürchtet.

Dem Bushäuschen aus Beton gegenüber der Siedlung hat der Jahn-Anhänger vor einiger Zeit einen Besuch abgestattet.
von Autor FPHProfil

Markus Kremser ist schier am Verzweifeln. Wo immer der Leiter des Waldershofer Bauhofs im Stadtgebiet unterwegs ist, sieht er rot-weiß: Fast an jedem Pfosten, öffentlichen Müllkübeln und selbst an Verkehrszeichen heften Aufkleber mit dem Emblem oder anderen Motiven von Jahn Regensburg. „Ja, seit zwei Jahren stellen wir eine wahre Aufkleber-Flut fest. Nach einer kurzen Pause ist der Fan jetzt wieder extrem aktiv, leider.“

Was kurios klingen mag, ist es für andere ganz und gar nicht. So tritt der bislang unbekannte Ultra-Anhänger immer öfter als Sprayer auf. Jüngst hat er eine weiße Mauer an einem Privathaus mit den fast einen halben Meter hohen roten Buchstaben „SSV“ beschmiert und dadurch einen hohen Schaden verursacht. Die betroffenen Eigentümer haben Strafanzeige gestellt.

Genau dies würde wahrscheinlich auch Markus Kremser tun, sollte er den Fan auf frischer Tat erwischen. Der Bauhofleiter (zusammen mit Artur Dziumbla) hat sogar einen Verdacht, wer der Aufkleber-Rowdy sein könnte: ein ziemlich junger Mann. Doch bislang hat dieser offenbar immer im Verborgenen zugeschlagen, wenngleich Waldershof mittlerweile für alle sichtbar einer Jahn-Regensburg-Ultra-Hochburg gleicht.

Der Oberpfälzer Zweitligist hat erst vor wenigen Tagen den Klassenerhalt gesichert. Trotz der anstehenden vierten Saison in der zweithöchsten Fußball-Spielklasse hat der Verein aber bei Weitem nicht das Fan-Potenzial wie die in noch tieferen Gefilden dümpelnden Traditionsclubs FC Nürnberg oder 1860 München. Von der Anhängerschar eines FC Bayern kann der Jahn sogar nur träumen.

Dennoch, vor allem für junge Fußballfans aus der Oberpfalz, ist Jahn mittlerweile eine echte Option. Der Verein gilt als familiär und traditionsbewusst.

Wie Kremser im Gespräch mit der Frankenpost sagte, sind seine Mitarbeiter vom Bauhof mit dem Entfernen der Aufkleber mehr als gut beschäftigt. „Ehrlich gesagt kommen wir gar nicht mehr hinterher. Daher kümmern wir uns vorrangig um die Verkehrszeichen. Der Fan hat schon einige Male zum Beispiel Vorfahrt-achten-Zeichen überklebt. Das ist eine Verkehrsgefährdung.“ Wann immer Zeit ist, kümmerten sich die Kollegen aber auch um die übrigen rot-weißen Sticker.

Kein festes Muster

Was schwierig ist: „Die Aufkleber sind von ziemlich schlechter Qualität und lassen sich nicht einfach so abziehen. Meist benötigen wir Putzmittel, so dass ein Mann gut fünf Minuten zu tun hat, bis ein einziges Teil entfernt ist“, sagt Kremser. Wenn er die Arbeitszeit berechnen würde, käme er auf ziemlich hohe Kosten. Erschwerend hinzu komme, dass der Täter nach keinem festen Muster vorgehe, sondern seine Fan-Treue völlig chaotisch kundtue. Mal seien die Aufkleber hoch oben auf einem Peitschenmasten angebracht, dann seien zum Beispiel öffentliche Müllkübel von oben bis unten mit Botschaften wie „Traditionsverein Jahn Regensburg“ oder „Die große Jahnfamilie wollen wir immer sein“ beklebt. Auch dem Bushäuschen aus Beton gegenüber der Siedlung hat der Anhänger vor einiger Zeit einen Besuch abgestattet. Mit blauer Farbe schmierte er in riesigen Buchstaben „SSV Jahn Regensburg“ über zwei Wände.

Die Aufkleber sind von ziemlich schlechter Qualität und lassen sich nicht einfach so abziehen.

Bauhofleiter Markus Kremser

„Das hat schon lange nichts mehr mit einem Spaß zu tun. Wir sagen nichts, wenn mal einer irgendwo einen Aufkleber hinpappt. Aber in diesem Ausmaß ist das für uns wirklich ein Problem“, sagt Markus Kremser. In der Tat hat der Ultra-Fan Waldershof nicht nur mit ein paar wenigen, sondern mit mehreren Hundert Aufklebern „verschönert“.

Ist der seit zwei Jahren währende Kampf gegen die Jahn-Aufkleberflut für den bekennenden Clubberer Markus Kremser eigentlich besonders schmerzhaft? „Nein, es geht um die Aufkleber und nicht um Jahn Regensburg. Ich habe nichts gegen den Jahn, immerhin ist es ja ein bayerischer Verein.“

Bericht über Sanierung und Aufgabengebiet des Waldershofer Bauhofs

Waldershof
Auch in der Ortsmitte von Waldershof gibt es viele Jahn-Regensburg-Aufkleber.
„Aufkleber nur da, wo sie legal sind“:

Auch die Verantwortlichen des SSV Jahn Regensburg sehen Aktionen wie in Waldershof kritisch. Auf Nachfrage hat der Verein Stellung bezogen: "Wir freuen uns zwar, wenn Jahn-Fans ihren Teil dazu beitragen, dass der SSV in der Region noch sichtbarer wird. Dies gilt aber nicht für Fälle, in denen im öffentlichen Raum Aufkleber an Stellen angebracht werden, an denen dies verboten ist. Der SSV Jahn steht im stetigen Austausch mit seinen 22 organisierten Fanclubs in der Oberpfalz und Niederbayern. Dabei wird auch auf diesen Umstand hingewiesen. Gleichwohl lässt sich natürlich nicht klar zuordnen, von welchen Personen entsprechende Aufkleber angebracht werden.

Der SSV Jahn freut sich über jeden Jahn-Aufkleber und sonstige Fanartikel, die überall dort angebracht werden, wo es legal ist, etwa am Auto.

Jahn Regensburg möchte über den sportlichen Alltag hinaus als würdiger Repräsentant und Botschafter für Ostbayern auftreten. Wir setzen uns entschieden gegen jede Form von Diskriminierung ein. Dies unter anderem, indem wir mit der Sozialinitiative „Jahn Sozial: Brücken für Regensburg“ zwölf regelmäßig stattfindende Projekte für Menschen betreiben, die sich in ihrem Leben mit Hindernissen verschiedenster Art konfrontiert sehen.

Die Zahl der Fans wächst stetig. Derzeit hat der Jahn 3500 Mitglieder. Der Zuwachs ist unter jungen Fußballfans ist besonders groß."

Überall Jahn-Aufkleber.
Aufkleber finden sich unter anderem auf Mülltonnen.
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