19.11.2020 - 15:34 Uhr
WaldershofOberpfalz

Besucher wettern über "Affenkäfig" auf der Kösseine

Kösseinehaus-Wirtin Regina Rothenberger muss sich viele Klagen über eine Treppe anhören. Was sagt der Fichtelgebirgsverein dazu?

Wie ein Fremdkörper wirkt die metallene Treppe, die als Fluchtweg von der ersten Etage des FGV-Unterkunftshauses auf der Kösseine hinunter auf die Terrasse führt. Dadurch fehlen gut zehn Sitzplätze im Freien.
von Autor FPHProfil

„Sonnenterrasse mit Gefängnisblick“, „Geht es noch hässlicher?“, „Affenkäfig auf der Kösseine“ – die Wirtin des FGV-Unterkunftshauses auf einem der schönsten Gipfel des Fichtelgebirges, Regina Rothenberger, kriegt von ihren Gästen einiges zu hören, seit die metallene Fluchttreppe an das Kösseinehaus angedockt worden ist. „Und ich kann den Leuten ja nicht mal widersprechen“, meint sie. „Es ist definitiv keine Bereicherung für das wunderschöne Haus in dieser bezaubernden Landschaft.“

Selbstverständlich müsse Sicherheit sein, meint die Wirtin. „Wir müssen das ja auch nicht bezahlen“, schiebt sie hinterher und ist auch dankbar dafür, dass es eine Fluchttreppe für ihre Übernachtungsgäste gibt. „Doch die Treppe wirkt so, als würde ein Elefant im Porzellanladen Ordnung schaffen.“ Seit die Treppe steht, mokierten sich zahlreiche Gäste darüber. Und ihren Unmut würden sie bei ihr abladen. „Ich hab’ schon gar keine Lust mehr, vor die Tür zu gehen, weil mich fast jeder darauf anredet.“

Im Moment muss das die Wirtin auch nicht, zumal wegen der Corona-Pandemie auch das Kösseinehaus zwangsgeschlossen ist. Allerdings ist sie häufig oben, um nach dem Rechten zu sehen. Den Wanderern und Radlern stellt sie auf Vertrauensbasis Getränke vor die Tür. Und die sind dankbar für dieses Angebot, wenn sie nach der Anstrengung einen Schluck zu trinken bekommen.

Es ist definitiv keine Bereicherung für das wunderschöne Haus in dieser bezaubernden Landschaft.

Regina Rothenberger, Wirtin Kösseinehaus

Regina Rothenberger, Wirtin Kösseinehaus

Wenn Regina Rothenberger wieder öffnen darf, fehlten ihr durch die neue Treppe mindestens zehn Sitzplätze auf der Terrasse, beklagt sie. Sie versteht nicht, warum man die Fluchttreppe nicht hinter dem Haus hinunter hat führen können. Dass der Fichtelgebirgsverein (FGV) hier etwas plant, sei schon lange bekannt. „Ich hätte lieber ein Gästezimmer dafür geopfert, damit die Fluchttreppe auf der hinteren Seite hinunter geführt hätte.“ Und das sage sie nicht nur, weil sie Pächterin ist, „sondern weil die Kösseine einfach ein sensibler, wunderschöner Ort ist“. Jetzt hofft Regina Rothenberger dringend auf eine Lösung für den Winter, um in Corona-Zeiten wenigstens eine Außengastronomie betreiben zu können.

Der FGV rechtfertigt die neue Metall-Treppe mit seiner Verantwortung für die Gäste. Nach der Kritik will der Verein nachbessern. FGV-Hauptgeschäftsführer Stefan Lorke und Pressesprecherin Birgit Schelter nehmen zu Fragen Stellung:

Bei vielen Wanderern und Radlern ist die Bestürzung groß über die metallene Treppe. Wieso hat man so eine Ausführung gewählt?

Birgit Schelter: Aus Erfahrung der Psychologie weiß man, dass Veränderungen im Leben den Menschen unbewusst Angst machen. Ein Gast, der vor dem Oktober 2020 noch nie auf der Kösseine war, wird die Rettungstreppe völlig anders wahrnehmen als ein Gast, der seit Jahrzehnten dort verkehrt. Wir mussten uns hier an die bayerische Bauordnung anpassen. Eine nachträglich angebaute Fluchttreppe wirkt – egal in welcher Ausführung – immer wie ein Fremdkörper, der nicht gefällig in das Blickfeld passt.

Viele Menschen lieben die Kösseine und nennen sie gar das „Tafelsilber des Fichtelgebirges“. Sie sind der Auffassung, dass man gerade hier in einem so sensiblen Gebiet nur mit Samthandschuhen hätte handeln dürfen.

Stefan Lorke: Die Kösseine ist zurecht ein wahrer Schatz im Fichtelgebirge. Die Sensibilität für den Gipfel und das Kösseinehaus ist dem Fichtelgebirgsverein als Eigentümer des Hauses selbstverständlich wohlbekannt. Gerade deshalb haben wir lange diskutiert und überlegt, wie man den erforderlichen Rettungsweg gestalten kann, um allen Anforderungen gerecht zu werden. Nur, wer kann eine Treppe bauen, die unsichtbar ist?

Selbstverständlich weiß ein jeder um die Brandschutzverordnung. Warum wurde die Treppe dann eigentlich erst jetzt verwirklicht?

Schelter: Der FGV hat 2019, unter Zuhilfenahme von Fachleuten, damit begonnen, den Brandschutz auf den Häusern zu überprüfen und hat dann die Vorschläge der Fachleute Zug um Zug umgesetzt.

Lorke: Der bisherige Zustand war nicht mehr zeitgemäß. Wir haben ja eine Verantwortung für unsere Übernachtungsgäste. Wir möchten so etwas wie 2015 in Schneitzlreuth, wo Urlauber auf einem Bauernhof übernachtet haben – ohne Brandschutz – nicht erleben. Der Inhaber wurde wegen fahrlässiger Tötung zu drei Jahren Haft verurteilt. Sechs Menschen kamen damals ums Leben, und es gab 20 Verletzte. So etwas wollen wir nicht auf dem Gewissen haben.

War ein Fachmann beauftragt, was die Planung und Durchführung anbelangt?

Schelter: Mit der Planung und der Durchführung der Rettungstreppe waren ein langjähriger, versierter Architekt aus den Reihen des Fichtelgebirgsvereins sowie Handwerksmeister beauftragt. Auch der Verfasser der Flucht- und Rettungspläne ist seit Jahrzehnten in diesem Metier tätig.

Wurden mögliche Spielräume mit den zuständigen Genehmigungsbehörden diskutiert?

Lorke: Das ist keine schöne Lösung, das ist uns klar. Wir hatten auch ein Gespräch mit der Feuerwehr, was sie sich im Rettungsfall vorstellt. Eine gewerbliche Fluchttreppe wäre hier nicht möglich gewesen, war die Aussage. Zu gefährlich.

Schelter: Natürlich wurden hausintern auch andere Rettungswege diskutiert und vielfach überlegt. Letztlich wurde der jetzige Rettungsweg als der vernünftigste angesehen, auch, weil Gäste über diesen am schnellsten aus dem Haus gelangen können. Eine senkrechte Steigleiter wie in der Industrie wurde vom Kreisbrandrat als absturzgefährdend eingestuft.

Wie groß war die Anstrengung, nach der bestmöglichen Lösung für das Haus zu suchen, und wurden vergleichbare Bauten an anderen Häusern besichtigt?

Lorke: Selbstverständlich haben wir uns Anregungen und Ideen geholt. Den Rettungsweg über die Ostseite des Hauses laufen zu lassen, hätte die Aufgabe von sechs Betten bedeutet, was zu Einbußen für die Pächterin und den FGV geführt hätte. Außerdem wären die Kosten dafür dreimal so hoch gewesen.

Wie hoch waren denn die Kosten für die Treppe?

Schelter: Die Schlussrechnung liegt noch nicht vor. Wir rechnen mit einem knapp fünfstelligen Betrag. Mitgliedsbeiträge dürfen hierfür übrigens nicht verwendet werden.

Der FGV zählt 15.000 Mitglieder. Da gibt es doch Schreiner, Steinmetze und andere künstlerische Gestalter, die einen Beitrag dazu hätten leisten können?

Lorke: Die Kösseine ist ja nicht das einzige Objekt, das wir haben. Wir haben vier Häuser mit Bedarf an Investitionen. Überall steht etwas an. Erfahrungen mit Spendenaufrufen waren bislang eher negativ.

Schelter: Eine künstlerisch gestaltete Treppe wäre wohl wesentlich größer ausgefallen und immer noch ein Fremdkörper.

Warum hat man keinen Aufruf gestartet, um die Mitglieder bei solch einem sensiblen Thema zu befragen?

Schelter: Eine Mitgliederbefragung ergibt in der Regel kaum Rückmeldungen. Letztlich lag die Entscheidung beim Hauptausschuss, und es waren um die 30 Leute damit befasst. Diese Leute vertreten die Mitglieder der Ortsvereine.

Hat sich der FGV um eine Förderung bemüht, um hier eine Treppe zu gestalten, die auch in die Umwelt passt?

Schelter: Eine Förderung für derartige Projekte gibt es leider nicht – egal, in welcher Ausführung. Hinzu kommt, dass die tragenden Teile aus nicht brennbaren Teilen bestehen müssen. Ansonsten würde man einen Rettungsweg ad absurdum führen.

Wie viele Zimmer betrifft die Treppe und wie viele Personen, die im Notfall darüber flüchten könnten?

Lorke: Die Treppe dient der Sicherheit von 21 Gästen in fünf Zimmern.

Viele Menschen wünschen sich, dass die Optik korrigiert wird. Welche Möglichkeiten sieht der FGV hier?

Schelter: An der grundsätzlichen Optik können wir nichts mehr wesentlich ändern. Vielleicht verkleiden wir das Ganze mit Schindeln.

Lorke: Das war jetzt die Pflicht, es folgt noch die Kür. Wir werden uns Gedanken darüber machen, wie wir die Optik nach dem Winter lösen. Wer Anregungen oder Ideen hat, kann jederzeit gern bei uns nach telefonischer Vereinbarung in der Geschäftsstelle vorbeikommen.

Einen weiteren Bericht zum Kösseinehaus finden Sie hier

Waldershof
Hintergrund:

Kreisbrandrat Wieland Schletz nimmt FGV in Schutz

  • Kein Druck: „Der Fichtelgebirgsverein wollte den Brandschutz aus freien Stücken verbessern und gibt Geld dafür aus.“ Das unterstreicht Kreisbrandrat Wieland Schletz. Daher hätten sich die Verantwortlichen an ihn gewandt. „Da gab es keinen Druck von mir oder vonseiten der Behörden", stellt er klar. „Aber wenn jemand etwas verbessern will, wehren wir uns natürlich nicht dagegen.“
  • Sicherheit: Warum die Metalltreppe nun von einem Käfig umgeben ist, begründet der Kreisbrandrat damit, „dass wir dafür sorgen müssen, dass hier kein Blödsinn getrieben wird“. Schön sei die Treppe natürlich nicht, gesteht auch Wieland Schletz. „Aber man könnte sie durchaus noch mit einem Anstrich versehen.“ Eine Fluchtleiter mit einem halbrunden Schutzgeländer außen herum sei hier auf der Kösseine nicht geeignet, so Wieland Schletz weiter. „Das ist in Industriebetrieben möglich, wo arbeitsfähige, kräftige Männer beschäftigt sind.“ In einer Hütte wie auf der Kösseine müssten im Notfall ältere Personen oder Kinder auch bei schlechtem Wetter oder nachts über vielleicht angefrorene Sprossen hinunter klettern. „Das ist zu riskant.“

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.