10.07.2020 - 17:50 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Alte Gipsformen gefährden das Grundwasser

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Bürgermeister Bernd Sommer erfuhr von der Nachricht erst durch den Anruf von Oberpfalz-Medien – und staunte am Telefon erst einmal: Die Stadt Waldsassen erhält 4 860 000 Euro für eine Maßnahme der Förderinitiative „Flächenentsiegelung“.

Auf rund 5,4 Millionen Euro ist die Bodensanierung der 1,8 Hektar großen Fläche an der Baumeister-Emil-Engel-Straße (im Hintergrund) veranschlagt. Die Stadt Waldsassen erhält dafür eine großzügige Förderung.
von Paul Zrenner Kontakt Profil

Der Rathauschef hatte schon eine Vermutung, um welches Projekt es sich handeln könnte. Ein Anruf bei Stadtbaumeister Hubert Siller brachte dann Gewissheit. Mit der Fördersumme soll die Bodensanierung der zurzeit noch landwirtschaftlich genutzten Fläche entlang des früheren Bahndamms und der Liststraße/Baumeister-Emil-Engel-Straße in Richtung Glashütte Lamberts finanziert werden.

Das war eine Glanzleistung - der Regierung und auch der Stadt, aber in dieser Reihenfolge.

Bürgermeister Bernd Sommer

Bürgermeister Bernd Sommer

Waldsassener wissen, dass sich das Gelände regelmäßig absenkt und sich auf der Fläche eine größere Mulde bildet: Der Bereich ist komplett aufgefüllt – mit Gipsformen aus der Porzellanindustrie. "Das wäre eine Belastung für die Zukunft", so Sommer im Hinblick auf eine mögliche Gefährdung des Grundwassers durch die Altlasten. Deswegen müsse man jetzt handeln.

Die Verteilung der Fördergelder im Landkreis Tirschenreuth:

Waldsassen

Der Stadtrat hatte erst in der Juni-Sitzung im nichtöffentlichen Teil den Antrag für die Förderung beschlossen. Wenig später wurden die Unterlagen abgeschickt, offenbar punktgenau zur Entscheidung über die Vergabe der Mittel. "Das war eine Glanzleistung – der Regierung und auch der Stadt, aber in dieser Reihenfolge." Sommer ist vor allem überrascht über das Tempo, mit dem der Antrag durchging.

In Waldsassen gab es in der Vergangenheit schon einmal eine aufwendige Bodensanierung:

Das 1,8 Hektar große Flurstück ist im Moment noch an einen Landwirt verpachtet, der die Fläche auch bewirtschaftet. Der Vertrag läuft aber laut Sommer in Kürze aus. Danach könnte die Aktion starten. Das Material wird ausgekoffert, auf einen Lkw verladen und dort sofort beprobt. Im günstigsten Falle, so Sommer, lässt sich das belastete Erdreich in der Deponie Steinmühle einlagern.

Information:

Deponiegebühren verursachen hohe Kosten

Die relativ hohen Kosten ergeben sich nach den Worten von Bürgermeister Bernd Sommer durch die Deponiegebühren. Denn diese steigen mit dem Grad der Belastung. Der Gesamtaufwand für die Bodensanierung liegt laut Sommer bei 5,4 Millionen Euro; die Differenz zur Fördersumme wäre dann der Eigenanteil der Stadt. Der Betrag könne in den Haushalten mehrerer Jahre verteilt werden. In speziell vorbereiteten Bereichen von Deponien ist der Untergrund für die Einlagerung von belasteten Materialien ausgelegt. Damit antwortet Bürgermeister Bernd Sommer im Vorfeld auf mögliche Einwände, sich das zu sparen und alles zu belassen, wie es ist. Aber das Gefahrenpotenzial für spätere Generationen, sagt Sommer, sei viel zu groß. Die rund 1,8 Hektar große Fläche, die zwei Flurnummern umfasst, soll später zur Grünanlage umgestaltet werden. Es ist auch an die Freilegung des Bachlaufes in diesem Bereich gedacht. Das Gewässer fließt vom Glasberg in Richtung Waldsassen und dann weiter zur Schwanenwiese.

Information:

Grundstück wird für Verbindung neben der Bundesstraße benötigt

Die Voruntersuchungen für die nun anstehende Sanierung der Fläche am ehemaligen Bahndamm und an der Baumeister-Emil-Engel-Straße liegen schon einige Zeit zurück. Auf dem Gelände waren bereits 2018 Probebohrungen unternommen und Sonden gesetzt worden, um die Beschaffenheit des Bodens zu untersuchen. Anwohner der Jakob-Steinfels-Straße berichten von weiteren Untersuchungen durch die Stadt im vergangenen Jahr. Beim Pflügen des Feldes im Herbst waren immer wieder alte Gipsformen ans Tageslicht gekommen. Nach Einschätzung von ehemaligen Porzellinern dürften die Formen, nachdem sie bei der Porzellanherstellung nach und nach immer weniger Wasser aufnahmen und somit nicht mehr verwendet werden konnten, bis in die 1960er Jahre dort abgelagert worden sein. Die Formen sind, wie es heißt, vier bis fünf Meter hoch geschichtet; das Erdreich darüber ist etwa einen Meter dick.

Die Fläche wird auch bei der Verlegung der Bundesstraße 299 gebraucht: Den Planungen zufolge wird dort, in der Verlängerung der Baumeister-Emil-Engel-Straße, ein neuer Verbindungsstrang zur Schützenstraße gebaut.

Das zu entsiegelnde Grundstück grenzt in östlicher Richtung zur Glashütte Lamberts hin an einen Feldweg: Dieser dient in der Verlängerung der Jakob-Steinfels-Straße als Verbindung zu der als „kleine Waldsassener Ortsumgehung“ genutzten provisorischen Straße auf dem Bahndamm.

Kommentar:

Auf Gips lässt sich keine Straße bauen

Es mag schon sein, dass die alten Gipsformen im Boden irgendwann mal Probleme für das Grundwasser bedeuten könnten. Aber die Dinger liegen seit vielen Jahren unter der Erde und haben bisher nichts angerichtet – was natürlich nicht auf ewig so bleiben muss. Schlüssiger klingt da die Vermutung, dass Bürgermeister Bernd Sommer mit der Aktion vorbereiten will, was sich parallel zum Verfahren der Bundesstraßen-Planung in seiner Zuständigkeit schon mal vorab erledigen lässt. Das heißt konkret: Mit der Aktion wird der Untergrund für eine künftige Ortsstraße präpariert. Denn auf Gips lässt sich nicht gut eine Straße bauen.

Paul Zrenner

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