09.11.2018 - 14:49 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Spanische Grippe und viele Beschränkungen im Stiftland

Dramatische Ereignisse vor 100 Jahren: Die Revolution, der Sturz der Monarchie, die Ausrufung des Freistaates Bayern und schließlich das Ende des Ersten Weltkriegs. Welche Auswirkungen ergaben sich damals in Waldsassen?

Der Blick in die Rathausstraße in Waldsassen um 1918.
von Autor TMLProfil

Begonnen hatte die Katastrophe bekanntlich im Sommer 1914 mit dem Attentat von Sarajewo, was wenige Wochen später zum Ersten Weltkrieg führte. Aufgrund der Mobilmachung mussten am 3. August 1914 auch in der Klosterstadt die ersten rund 300 Reservisten per Bahn einrücken. Es folgten nun zahllose Beschränkungen und es ergaben sich herbe Schicksale, vor allem wenn die Kunde von Gefallenen, Verwundeten oder Vermissten eintraf. Die ersten zwei Gefallenen waren Andreas Roider und Anton Brunner, die beide am 20. August 1914 in Frankreich auf dem Feld der Ehre ihr Leben verloren.

Wegen der vielen Verwundeten kam es schon Mitte September 1914 auch in Waldsassen in der späteren Blaschke-Villa (Konnersreuther Straße 6) zur Einrichtung des ersten Lazaretts, wobei das Haus um 1996 abgebrochen wurde. Wenig später erhielt Waldsassen weitere Lazarette: Im Waisenhaus (Egerer Straße 28), im Harmoniesaal am Basilikaplatz und schließlich auch im Krankenhaus (Egerer Straße 30). Leider sind hier auch Soldaten ihren schweren Verwundungen erlegen. Die führenden Männer in der Stadt Waldsassen – 1914 ein aufstrebender Industrieort mit rund 4900 Einwohnern – waren Bürgermeister Josef Simon und Stadtpfarrer und Dekan Joseph Baeuml, die beide der Monarchie zugetan waren.

Verwundete im Lazarett im ehem. Waisenhaus, Egerer Straße 28, um 1915.

Anfangs waren die Männer mit viel Hurra in den Krieg. Doch bald folgten Ernüchterung und Enttäuschung, später Trauer und Zorn ‒ auch über die maßlose Kriegspropaganda, für die nahezu alles geopfert werden musste. Angefangen von den Zinndeckeln auf den Biergläsern bis hin zu den Kirchenglocken, von denen 1917 auch in Waldsassen einige abzuliefern waren.

Im Spätsommer 1918 hatte der Krieg schon mehr als vier Jahre gedauert und ungeheure Opfer gefordert. Längst war der anfänglichen Euphorie die Befürchtung gewichen, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei, was sich dann schon im September als bittere Erkenntnis ergab. Und trotzdem fielen tagtäglich bei all den Gefechten im Westen Väter und Söhne, Brüder und Freunde.

Offensichtlich waren weder der Kaiser in Berlin noch die Oberste Heeresleitung trotz der verzweifelten Situation in der Lage, den Krieg zu beenden. Zu den zahllosen Beschränkungen kam im September/ Oktober 1918 gar noch die Spanische Grippe hinzu, die auch das Stiftland nicht verschonte und auch hier zahlreiche Opfer forderte.

Bei der allgemeinen Kriegsmüdigkeit spitzte sich die Krise Anfang November 1918 schlagartig zu. Dies begann mit der Meuterei der Matrosen in Kiel und Wilhelmshaven und führte alsbald zum Umsturz. Am Abend des 7. November brach in München die Revolution aus, angeführt von dem Berliner Journalisten Kurt Eisner (1867 – 1919), der sich an die Spitze der USPD gesetzt hatte. Der bayerische König Ludwig III. musste mit seiner Familie noch am Abend des 7. November überstürzt aus München fliehen. Dabei kam es in der Nacht vom 7. auf den 8. November zum Sturz der Monarchie und zur Proklamierung des „Freistaates Bayern“.

Am 9. November erreichte die Revolution auch Berlin. Hier gab der Reichskanzler wahrheitswidrig bekannt, Kaiser Wilhelm sei zurückgetreten. Damit schaffte er vollendete Tatsachen. Neuer Reichskanzler wurde nun der Chef der SPD Friedrich Ebert; sein Kollege Philipp Scheidemann rief von einem Fenster des Reichstags die „Deutsche Republik“ aus. Am 11. November erfolgte endlich die Unterzeichnung des von den Alliierten verlangten Waffenstillstands. Damit war der Krieg endlich zu Ende, aber um welchen Preis sollte sich erst noch zeigen!

Als man all diese dramatischen Schlagzeilen in der Waldsassener „Grenz-Zeitung“ lesen musste, war man hin- und hergerissen und konnte Vieles kaum glauben. Bis dahin hatte jede Versammlung geendet mit einem „Hoch“ auf den König. Der war nun weg! Die Zeitung brachte auch einen Hirtenbrief des Münchner Erzbischofs Dr. Michael von Faulhaber, mit dem die Menschen dazu aufgerufen wurden: „Habt Vertrauen und ertragt die schwere Zeit ergeben in Gottes Willen, gerüstet mit Gottes Kraft, getröstet im Ausblick auf Gottes Segen …“

Auch in Waldsassen bildete sich nach dem Münchner Vorbild am 17. November ein Arbeiter-, Bürger- und Bauernrat, dem insgesamt 17 Männer aus Waldsassen und Umgebung angehörten. Ihr Sprecher war der Direktor der neuen Glashütte Rudolf Weinberger. Die Hauptsorge dieses Rates galt der Verbesserung der Versorgung mit dem Lebensnotwendigen sowie der Linderung der Wohnungsnot und der Behebung der Arbeitslosigkeit. Felddiebstähle waren Gang und gäbe!

Am 4. Dezember 1918 entbot die Stadtverwaltung den heimgekehrten Soldaten einen herzlichen Willkommensgruß; 18. Dezember entstand die Bayer. Volkspartei in Waldsassen, vergleichbar der späteren CSU. Ihr Motto: „Bayern den Bayern!“ Wenig später rüstete man schon für die bayerische Landtagswahl am 12. Januar und für die Wahl zur verfassungsgebenden deutschen Nationsversammlung am 19. Januar. Inzwischen waren auch die Frauen wahlberechtigt, war der 8-Stunden-Tag wirksam geworden und hatte man die geistliche Schulaufsicht abgeschafft.

Am 2. Weihnachtsfeiertag 1918 gab es den ersten Heimkehrerball im Hahn-Saal in Waldsassen, am Silvester-Abend schon den nächsten, ebenfalls im Hahn-Saal. Der Eintritt kostete jeweils 1 Mark. Die Menschen sollten und wollten wieder zur Normalität zurückkehren und ihre Sorgen vergessen. Doch das folgende Jahr 1919 mit der erneuten Revolution und der Münchner Räterepublik sollte noch weit davon entfernt sein.

Das im Jahr 1922 errichtete Kriegerdenkmal am Basilikaplatz zur Erinnerung an die im Ersten Weltkrieg 179 Gefallenen und 24 Vermissten aus Waldsassen.

Das einzige erhaltene Grabkreuz eines Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg in Waldsassen – geschaffen für Josef Kraus (1888-1918) – wurde später in die Friedhofsmauer eingefügt.

Sterbebildchen von Josef Rosner, Waldsassen, gefallen 1916.

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