29.09.2021 - 11:40 Uhr
WaldsassenOberpfalz

Über die Kunst auf der Suche nach dem Ich

Werner Müller ist ein Multitalent, der in jedem Lebensalter seine künstlerischen Phasen anders entdeckt. Seit er im Dezember 2020 Rentner geworden ist, probiert er sich wieder intensiver aus in alten, bewährten und modernen Techniken.

Manchmal legt der Künstler Werner Müller ein Werk auch über Monate hinweg auf die Seite. "Wenn ich es von der Ferne aus betrachte, dann fehlt mir etwas", sinniert er darüber nach, was er verbessern könnte. Das macht er solange, bis der zündende Funke komm, und dabei spielt es keine Rolle, ob Monate oder Jahre vergehen.
von Ulla Britta BaumerProfil

Wer sich bei Werner Müllers Atelier in Waldsassen einen lichten Raum mit großen Fenstern vorstellt, wird enttäuscht sein. Der Künstler hat es sich in seinem Haus im zweiten Stock in einem kleinen Zimmer bequem gemacht. Ein Tisch für Pinsel, Farben und Arbeitsmaterial, eine Staffelei, ein Stuhl und sein Keyboard reichen ihm für seine Schaffenskraft. Auch stehen bei Müller keine Unmengen an fertigen Kunstwerken herum. „Ich habe mal einen Berg an Bildern auf die Müllhalde nach Pleußen gefahren“, sagt Müller und bleibt dabei ganz gelassen. Lachend erzählt er, dass die Deponieleute entsetzt gewesen seien und gemeint hätten, er könne doch seine Bilder nicht wegwerfen. „Die haben mich dann gefragt, ob sie was mitnehmen dürfen.“

Musik und Malerei

Werner Müller, 65 Jahre alt und seit Dezember glücklicher Rentner nach langen Dienstjahren als Starkstromelektriker und Jalousiebauer, nimmt es mit sich und seinem Rang als Künstler nicht todernst. Er macht gern Kunst, hat das Talent dazu, kann aber auch loslassen und Jahre lang ganz gut ohne künstlerisches Schaffen leben. Kreativität wurde ihm in die Wiege gelegt. In Kunst und Musik habe er durchwegs Einser ins Zeugnis bekommen, erinnert sich Müller an seine Schulzeit. „Nur im Gymnasium hat mir ein Kunstlehrer mal eine Drei und im Zeugnis eine Zwei gegeben. Keine Ahnung warum“, erzählt er, dass ihn das damals irgendwie geärgert habe.

In jungen Jahren hat Müller nicht intensiv Kunst betrieben. Mit neun Jahren lernte er Akkordeon im Waldsassener Bornschlegl-Orchester. Später widmete er sich dem Spiel auf dem Keyboard. Seine ersten künstlerischen Gehversuche machte der Autodidakt mit Bauernmalerei. Denkt er an seine Bundeswehrzeit zurück, erscheint ein verschmitztes Lächeln auf seinen Lippen. „Pin ups“, sagt er, seien in den Zimmern verboten gewesen. „Ich habe dann gefragt, ob ich selbstgemalte Kunstwerke aufhängen darf.“ Dass seine Kunst ausgerechnet ein schöner Frauenakt wird, damit haben seine Vorgesetzten allerdings nicht gerechnet. „Die haben zuerst heftig geschluckt und es dann durchgehen lassen.“ Das war der Moment, als Werner Müller die ersten Auftragsarbeiten bekam – von seinen Kameraden. Sein Talent wurde aber auch anderweitig geschätzt: Für die Bundeswehr-Werkstatt schuf Müller zweimal in Folge ein großflächiges Wandkunstwerk.

Von Ikonenmalerei zu Surrealismus

Nach der Bundeswehr kam die Familie, Müller wurde Vater von zwei Kindern und musste Geld verdienen. Für Kunst, sagt er, sei da kaum Zeit geblieben. Später habe er sich sehr für Ikonenmalerei interessiert. Erste Präsentationen seiner Werke in der Sparkasse Waldsassen und in der Galerie des Künstlers Klaus Sackstrauß folgten im Jahr 1982. Müller suchte dann aber Ausgleich von der hohen Kunst der Ikonenmalerei mit einer anderen Kunst-Variante, dem Surrealismus. Gleichzeitig interessierte ihn auch die Restauration. „Aber das war ein großes Feld.“

In zwei Ausstellungen 1997 und 1989 öffnete der Künstler Werner Müller erstmals seine Seele für andere und outete sich als ein Mensch, der ständig auf der Suche nach seinem eigenen Ich ist. Die Ausstellung „Gefühle/Assoziationen“ im Kunstraum des Kurmittelhauses Sibyllenbad war mit 24 Bildern eine Fortsetzung seiner Ich-Frage, die bis heute nicht aufgehört hat. Das sei die Zeit gewesen, in der er sich aufs Neue mit Kunst auseinandergesetzt habe, so Müller. Sein Interesse galt dem Impressionisten ebenso wie dem Expressionismus. Müllers großes Vorbild ist der berühmte Künstler Franz Marc. Müller erzählt von einer seelisch schwierigen Lebensphase, durch die ihn die Kunst besonders intensiv begleitet habe. „Damals entstanden meine bisher besten Werke.“

Neue Techniken und Materialien

Müllers Werkzeug ist der Pinsel, seine Farbstärken sind Acryl und Öl. Gern mischt er beides, begonnen mit Acryl als Untergrund, um mit Öl Geschaffenes zu verfeinern und zu vervollständigen. Um sich neu auszuprobieren oder um die eigenen künstlerischen Neigungen besser selbst zu verstehen, nutzt Müller immer wieder neue Techniken und Materialien. Seine Neugierde an der künstlerischen Auseinandersetzung mit sich selbst bleibt ungebrochen. „Manchmal verliert man den Blick aufs Wesentliche“, erklärt er das ständige Suchen und Austesten. Sein Talent macht es ihm leicht: Müller kann Bleistift ebenso wie Acryl und Öl. Er versucht sich ganz neu in Keramik und liefert nach einigen Nächten des Schaffens interessante Ergebnisse. Seine Skulptur „Schwere Zeiten“, gefertigt für die Gemeinschaftsausstellung im Kunsthaus Waldsassen, habe seinen renommierten holländischen Künstlerkollegen Robin Seur, der in Friedenfels lebt, derart fasziniert, dass er sie Müller vom Fleck weg abgekauft hat.

Seit Monaten Kunst im Fokus

Als angehender Rentner wurde Müller im wahrsten Sinne des Wortes von der Muse geküsst. Losgelöst vom beruflichen Alltag und frei im Herzen einzig für die Kunst widmet er sich seit Monaten unterschiedlichen künstlerischen Arbeiten. Mehrere Arbeiten in Acryl, Öl, Mischtechnik, Puring-Technik und Keramik sind seit Januar entstanden.

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Info:
  • Werner Müller ist gebürtiger Mitterteicher und wohnt seit langem in Waldsassen.
  • Der 65-jährige Rentner war beruflich als Starkstromelektriker und Jalousiebauer tätig.
  • verwitwet, Vater zweier Kinder
  • Mitglied im Verein Kunsthaus Waldsassen e. V., Teilnahme bei Gemeinschaftsausstellungen.
  • Sehr engagiert bringt Müller sein technisches Verständnis bei Veranstaltungen mit ein, begleitet vor Konzerte technisch und betreut auftretende Bands, Musiker und Künstler.
  • Mitunter übernimmt Müller bei Vernissagen oder Theateraufführungen im Kunsthaus auf dem Klavier den musikalischen Part.
  • Sein Talent als Bühnendarsteller zeigte Müller unter anderem bei der Faust-Inszenierung unter Regie von Manfred Grüssner.

 

 

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