03.06.2020 - 17:14 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

22-Jährige aus dem Kreis Neustadt kämpft gegen gigantischen Tumor im Kopf

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Elisabeth Schwarz will Krankenpflegerin werden. Dann wird die junge Frau aus dem Landkreis Neustadt/WN selbst zur Patientin. Die Schockdiagnose: Hirntumor. Seither kämpft die 22-Jährige. Denn Elisabeth hat Pläne.

Das MRT zeigt einen großen weißen Fleck: Das ist der gigantische Tumor im Schädel von Elisabeth Schwarz.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

„Mitleid und diese seltsamen Blicke“: Das kann Elisabeth gar nicht leiden. Deshalb will die heute 22-Jährige aus dem Landkreis Neustadt/WN auch nicht, dass ihr echter Name genannt wird. Über ihren Kampf gegen den fast Tennisball großen Tumor in ihrem Kopf will die junge Frau aber wohl erzählen. Und darüber, wie gut sie sich beim Chefarzt der Neurochirurgie der Kliniken Nordoberpfalz AG in Weiden, Privatdozent Dr. Hischam Bassiouni, aufgehoben fühlt.

Der Arzt kämpft unter anderem in einer 12-Stunden-Operation gegen den Tumor und um Elisabeths Leben. „Erst danach habe ich erfahren, wie schwierig das war. Es stand 50/50“, erzählt Elisabeth.

Nach Sehstörung Diagnose Hirntumor

Dabei fängt im Juli 2019 alles ganz harmlos an. Die Krankenpflegeschülerin der Kliniken AG steckt an der „New Life“-Gesundheitsakademie im Endspurt. Die 21-Jährige schreibt Abschlussprüfungen. „Plötzlich fühlte ich mich so kraftlos und erschöpft. Mein Kreislauf war total durcheinander.“ Das ist der Prüfungsstress, diagnostiziert Elisabeth. „Dann aber kamen Sehstörungen, ich habe Schwarz gesehen.“ Der Besuch beim Augenarzt soll helfen. Doch der schickt die junge Frau sofort weiter: in die Notaufnahme des Weidener Klinikums. Verdacht auf zu viel Hirnwasser. Nach einem MRT steht fest: Nicht Hirnwasser setzt Elisabeth zu, sondern ein Hirntumor. Und was für einer, ein Gigant.

Patientin zu jung, Tumor zu groß

„Giant“ jedenfalls nennt der Chefarzt der Neurochirurgie am Klinikum Weiden, Dr. Bassiouni, das Akustikus-Neurinom von Elisabeth, „das man in dieser Größe selten sieht“. In der hinteren Schädelgrube auf der linken Kopfseite hinter dem Ohr sitzt der mit über fünf Zentimeter Durchmesser fast Tennisball große, aber gutartige Tumor, der laut Bassiouni „nicht nur in dieser Größe, sondern auch in diesem Lebensalter vollkommen außergewöhnlich ist“. Elisabeth ist 21. Betroffen seien meist 40- bis 60-Jährige. Auch Elisabeths Symptome seien völlig atypisch. „Eigentlich tritt bei solch einem Tumor zunehmende Schwerhörigkeit, Schwindel und ein Tinnitus, also ein Dauergeräusch in den Ohren, auf.“ Elisabeth plagen Sehstörungen. „Das war eine Fernwirkung: Wegen der Größe des Tumors konnte das Nervenwasser nicht mehr richtig abfließen. Der Druck auf den Hirnstamm war ernorm.“ Doch was nun? „Da gibt es nur eine Behandlung: Operation“, sagt der Chefarzt. „Sie ist definitiv lebensgefährlich.“ Sieben Tage später öffnet er Elisabeths Kopf.

Diagnose Hirntumor: Wer erkrankt? Wie kann man vorbeugen?

Weiden in der Oberpfalz

Lebensgefährliche Operation

Die Familie muss lang um Tochter und Schwester bangen, bei der der Tumor im Kopf vermutlich bereits seit dem 11. Lebensjahr gewachsen ist. Die OP dauert 12 Stunden. „Das ist sehr anstrengend und obendrein eine große Verantwortung, die Patientin ist erst 21“, sagt der Mediziner, trotz all seiner Erfahrung. Er operierte bereits zig Neugeborene erfolgreich. Am Ende kann der Neurochirurg auch Elisabeth helfen.

Der Chefarzt hat einen Großteil des Tumors vor allem am Hirnstamm entfernt. Ein kleiner Rest aber bleibt, der Tumor ist zu verkapselt im Stammhirn, umrankt heftigst und undurchsichtig Hör- und Gesichtsnerven. Und wie geht es Elisabeth? „Ich bin aufgewacht, mein Gesicht fühlte sich ganz komisch an. Mein Mundgefühl war taub, meine Augenbrauen konnte ich nicht mehr hochziehen.“ Die junge Frau erfährt, dass sie wegen des Tumorrests erneut unters Messer muss. Doch erst mal ist sie glücklich und erleichtert, schließt Familie und Freund in die Arme. „Ich war dankbar. Dr. Bassiouni und die Oberärztin Dr. Ta-Chih Tan, ach, alle waren toll.“ Elisabeth soll sich erholen. Doch nur einen Monat später folgt der nächste Schock.

Tumor entfernt, aber Hörnerv durchtrennt

Bei einem Kontroll-MRT zeigt sich, der Resttumor ist in der kurzen Zeit erneut deutlich gewachsen. Dr. Bassiouni erklärt: „Normalerweise wachsen solche Tumore über Jahre. Das war schon wieder absolut außergewöhnlich.“ Es muss also schnell gehen. Der Neurochirurg öffnet bei einer zweiten Operation im Weidener Klinikum Elisabeths Hirn und kann den Tumor restlos entfernen. „Allerdings konnte der Hörnerv links nicht erhalten werden.“ Ein Gesichtsnerv wurde fast durchtrennt. „„Bei dieser Größe des Tumors waren die Nerven als solche trotz Elektromonitoring während der Operation nicht mehr als solche zu erkennen“, erklärt der Arzt. Die Folge: Elisabeth hört auf der linken Seite nicht mehr. Und sie kann ihr linkes Auge nicht ganz schließen. Sie hat eine leichte Gesichtsasymmetrie.

Notoperation vor Geburtstag

Außenstehende erkennen das kaum, Elisabeths Freund steht nach wie vor zu ihr. Die 21-Jährige aber belastet das Schönheitsmakel. Sie erzählt von einem Cross-Face-Lift, für das Gewebe aus dem Unterschenkel genommen wird. Und bis dahin? „Will ich keine mitleidigen Blicke. Ich bin eine starke Person. Das hätte alles ganz anders ausgehen können. Die nächsten OPs sind nur noch ein Klacks.“ Elisabeth weiß noch nicht, dass es bald wieder sehr ernst um sie stehen wird.

Es ist Anfang März: Während sich das Coronavirus ausbreitet, macht sich in Elisabeths Gehirn plötzlich Luft breit. Die 21-Jährige muss erneut ins Klinikum, wird dort ausgerechnet zwei Tage vor ihrem 22. Geburtstag notoperiert. Die leitende Oberärztin der Kinderneurochirurgie, Dr. Ta-Chih Tan, entfernt das Pneumocephalus. Es soll nicht ihr letzter Eingriff sein.

Ein paar Tage später zeigt sich bei der MRT-Kontrolle, dass sich bei Elisabeth ein Wasserkopf, medizinisch Hydrocephalus, gebildet hat. Dr. Tan operiert und setzt einen VP-Shunt ein, der Gehirn und Bauchhöhle verbindet. Er leitet Flüssigkeit ab „und wird mein Leben lang in meinem Körper bleiben. Diesmal war Dr. Tan meine Lebensretterin“, erklärt Elisabeth abklärt wie eh und je – und kämpft weiter.

Zwei Eingriffe für die Schönheit

Denn zwei Schönheitsoperationen stehen noch aus. Nur gut zwei Wochen nach den Not-Eingriffen wird das Augenlid der jungen Frau operiert. Es schließt wieder. Zehn Tage später macht sich ein Facharzt für Plastische und Ästhetische Chirurgie aus Regensburg, Privatdozent Dr. Andreas Kehrer, an die Gesichts-OP. Elisabeth mag das Ergebnis. Überhaupt sei sie viel erwachsener geworden: „Ich muss nicht mehr überall dabei sein.“

Chefarzt Dr. Bassiouni meint: „Die Wahrscheinlichkeit für Elisabeth wieder völlig zu genesen, ist sehr hoch. Denn der Tumor war zwar groß, aber gutartig; er war zwar hartnäckig, aber wir haben ihn ganz entfernt.“ Zaghaft schmiedet die junge Frau auch wieder Pläne: Die Abschlussprüfung will Elisabeth nachholen und nach wie vor Krankenpflegerin werden. „Jetzt interessiere ich mich aber mehr für die Neurochirurgie“, sagt sie lachend. Selbst vor dem Coronavirus hat die 22-jährige Risikopatientin keine Angst. Zu sehr genießt Elisabeth einfach das, was sie gerade hat: „Das zweite Leben, das mir die Ärzte am Klinikum Weiden geschenkt haben.“

Info:

Zur Person: Der Mann, der Patienten nicht so leicht aus dem Kopf geht

Vier bis fünf Mal pro Woche operiert der Chefarzt der Neurochirurgie, Privatdozent Dr. Hischam Bassiouni, seit 2017 Patienten an den Kliniken Weiden und Amberg unter anderem am Kopf, etwa drei Mal davon wegen Hirntumoren. Der Arzt, der Elisabeth Schwarz nach deren eigener Aussage das Leben gerettet hat, ist in Kairo geboren. Davon erzählt der Privatdozent im schönsten Tagesschau-Sprecher-Hochdeutsch. Kein Wunder. Der 54-Jährige wuchs als Sohn eines ägyptischen Geologie-Professors und einer deutschen Mutter in Hannover auf. Seit 2017 ist er Chef der damals neu gegründeten Neurochirurgie am Klinikum Weiden. Studiert hat Bassiouni, der mit seiner Frau in Sulzbach-Rosenberg lebt, in Kairo und in Göttingen. Warum Neurochirurgie? „ Erstens weil bereits mein Krankenpflegepraktikum gezeigt hat, die Neurochirurgie liegt mir. Zweitens ist das Gehirn für mich ein weitgehend unerforschter, hochspannender Kosmos.“

Nach Stationen in Aachen oder Essen wirkte Bassiouni als leitender Oberarzt in Kaiserslautern, wo er unter anderem Säuglinge und Kleinkinder der Soldaten der Ramstein Airbase behandelte. Sein jüngster Patient war ein Frühgeborenes. „Wenn Sie so einen kleinen Menschen operieren, sind Sie der einsamste Mensch der Welt. Die Verantwortung potenziert sich.“ Aber auch die Dankbarkeit. Bis heute erhält Bassiouni immer am Tag der OP des Frühgeborenen eine Grußkarte der Eltern. Auch in der Fachwelt wird er sehr geschätzt: Gerade wirkte er als einziger Deutscher und Vertreter der Kliniken Amberg/Weiden bei einer Veröffentlichung im höchstrangigen Neurochirurgischen Fachjournal neben Größen namhafter US-Uni-Kliniken wie Harvard mit.

Das ist der Chefarzt der 2017 am Klinikum Weiden neu gegründeten Neurochirurgie, Privatdozent Dr. Hisham Bassiouni.

Seit 2017 gibt es die Neurochirurgie am Klinikum Weiden

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