01.09.2021 - 12:44 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Alfred Kunz ist Profi in der Stammbaumforschung

Warum bin ich, wer ich bin? Solche Fragen führen auf die Spur der Vorfahren. Auch bei Alfred Kunz begann die Leidenschaft so. Heute ist der Weidener Profi in Sachen Stammbaumforschung. Ein Gespräch über Wurzeln und die Suche danach.

Familienforscher Alfred Kunz bei der Arbeit im Stadtarchiv Weiden.
von Redaktion ONETZProfil

Von Florian Staufer

Geschichte war sein Lieblingsfach, aber die „große Geschichte beeinflusst immer auch das Leben der kleinen Leute“. Und dafür hat er sich schon immer interessiert, sagt Alfred Kunz. So hat der 68-Jährige vor etwa 30 Jahren mit der Familienforschung begonnen. Die erste Hürde war die Sütterlin-Handschrift, in der bis in die 1950er Jahre in Deutschland geschrieben wurde – auch Einträge in offiziellen Dokumenten wie Heiratsurkunden. Die Verwendung von Schreibmaschinen in den Amtsstuben der Oberpfalz ab 1954 war für Kunz’ Forschungsarbeit in den Archiven eine wirkliche Erleichterung, vor allem bei der Erstellung der eigenen Familiengeschichte. Diese kann der Weidener bis ins Jahr 1560 nach Wiesau im Landkreis Tirschenreuth zurückverfolgen. Sein Nachname findet sich bereits 1399 im ältesten Salbuch des Klosters Waldsassen. Besonders stolz ist er auch auf verwandtschaftliche Bande mit dem Komponisten der Bayern-Hymne, dem Schwandorfer Konrad Max Kunz.

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich das Interesse an der Familienforschung wohl verstärkt, was Kunz an der Flut an Unterstützungsanfragen festmacht. Auch Josef Gerl, Archivar im Bischöflichen Zentralarchiv Regensburg, erstickt seit letztem Jahr wieder in E-Mails. Die coronabedingten Dachboden- und Kellerentrümpelungen haben offensichtlich eine Fülle alter Fotos zutage gebracht und Fragen nach der eigenen Herkunft aufgeworfen.

Alte Fotos sammeln

Wer seiner Familiengeschichte also jetzt selbst nachspüren und so wie Alfred Kunz ein „Gefühl für die Vorfahren“ bekommen möchte, muss dazu aber erst einmal nicht in staubige Archive abtauchen, sondern fängt am besten zuhause an: alte Fotos sammeln, abgebildete Personen bestimmen und natürlich – solange noch die Möglichkeit dazu besteht – ältere Verwandte befragen, wer das auf den Bildern denn sein könnte. Denn „wenn ein alter Mensch stirbt, stirbt eine Bibliothek“, so Kunz. Wichtig ist für den Forschenden immer, die gesammelten Daten auch zu sichern.

Bedeutende Eckpunkte sind für die Familienforschung Geburts-, Heirats- und Sterbedaten. Dazu sind die ersten Anlaufstellen in der Regel die Standesämter, deren Aufzeichnungen bis zu ihrer Entstehung im Jahr 1876 zurückreichen. Möchte man in der Geschichte weiter zurückgehen, muss man Kirchenbücher bemühen, die für katholische Pfarreien im Bischöflichen Zentralarchiv Regensburg und für evangelische im Landeskirchlichen Archiv Nürnberg abgelegt sind. Neben alten Handschriften kommt hier als weitere Herausforderung für den Suchenden die lateinische Sprache hinzu, in der die Dokumente häufig verfasst sind.

Das älteste katholische Kirchenbuch in der Regensburger Sammlung datiert von 1555 und stammt aus Vilseck. Grundsätzlich gibt es aber laut Archivar Gerl kaum Dokumente vor 1600. Erst ab der Zeit nach dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648), der gerade auch über die Oberpfalz viel Unheil und Zerstörung brachte, gibt es wieder eine bessere Datenlage. Wer im Bischöflichen Zentralarchiv – das sich als Dienstleister für Forschende versteht – Auskünfte einholen möchte, muss nach E-Mail-Anmeldung derzeit wegen coronabedingter Einschränkungen und gehäufter Anfragen rund vier Wochen auf einen Recherchetermin warten. Dabei gelten für kirchliche wie auch für staatliche Archive unterschiedliche Schutz- und Sperrfristen. So sind zum Beispiel Taufbücher nach 120 Jahren, Trauungsbücher nach 100 Jahren und Sterbebücher erst nach 40 Jahren öffentlich im Regensburger Archiv einsehbar. Wer aber Auskünfte über einen Verwandten in gerader Linie einholen möchte, kann auch schon vorher beispielsweise die Abschrift einer Heiratsurkunde gegen Gebühr anfordern.

Suche im Staatsarchiv Amberg

Sehr einfach wird man auf der Suche nach dem eigenen Namen auch in Telefon- und Adressbüchern fündig. Tiefer gräbt man dagegen zum Beispiel in Steuer- und Huldigungslisten im Staatsarchiv Amberg, in Stadt- und Marktarchiven oder in kommunalen Ratsprotokollen. Daneben stellen auch Heimatbücher und Ortschroniken wichtige Quellen für den eigenen Familienstammbaum dar.

Unzählige Familienstammbäume wurden während der NS-Zeit erstellt, als die Suche nach den „Ahnen“ vor allem dem so genannten „Ariernachweis“ diente, den zum Beispiel SS-Mitglieder, Beamte, Ärzte oder Juristen erbringen mussten. Aus diesem Grund spricht man in Fachkreisen heute lieber von „Familienforschung“ oder „Genealogie“ als von „Ahnenforschung“.

Neben regionalen Vereinen wie der „Gesellschaft für Familienforschung in der Oberpfalz e.V.“ (GFO) gibt es auch kommerzielle Anbieter im Internet, zum Beispiel „Ancestry“ oder „MyHeritage“, die von der Stammbaumerstellung bis zum Abgleich der genetischen Herkunft bei der Spurensuche nach den Vorfahren helfen. Alfred Kunz, der als Vorstandsmitglied und Schriftleiter der GFO selbst unzählige Chroniken durchforstet, Daten abgeschrieben und auf seiner Homepage familienforschung-kunz.de veröffentlicht hat, schätzt solche Plattformen durchaus. Dass hier Gebühren anfallen, ist nur verständlich, da Zugriff auf umfangreiches Datenmaterial ermöglicht wird.

Seinen kriminalistischen Spürsinn hat Kunz in 40 Jahren Polizeiarbeit perfektioniert, auch wenn er zu manch interessantem Fall noch im Ruhestand zur Verschwiegenheit verpflichtet ist und daher ältere Vorfälle dokumentiert: neben den Spuren der Vorfahren auch die Geschichte der Gendarmerie in Bayern.

Total verschiedene Zwillinge

Ensdorf
Die Suche nach den eigenen Vorfahren beschäftigt viele Menschen.

Auf der Spur der Urururgroßeltern

Info:

Gesellschaft für Familienforschung in der Oberpfalz e.V (GFO)

  • Gründung: 1991 in Regensburg.
  • Ziel: Förderung und Unterstützung der Familienforschung in der Oberpfalz.
  • Mitgliederstand: 276 Personen aus ganz Deutschland, in regionalen Arbeitskreisen organisiert.
  • Angebot für Mitglieder: Antworten auf Fragen zur Familienforschung und Wappenkunde, Einführung in historische Quellen der Familienforschung, Fachexkursionen zu Archiven und Ausstellungen, Vereinsbibliothek in Schwandorf, Erfahrungs- und Informationsaustausch mit anderen Forschern.
  • Mitgliedsbeitrag: 25 Euro pro Jahr.
  • Publikationen: u.a. regelmäßige Veröffentlichung der Forschungsergebnisse von Mitgliedern.

 

 

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