18.08.2021 - 15:05 Uhr
EnsdorfOberpfalz

Die Zwillinge, die nicht mal im selben Landkreis geboren wurden

Sie sind die wohl ungleichsten Zwillinge der Oberpfalz: Josef und Georg Müller wurden vor 85 Jahren an verschiedenen Tagen geboren, an verschiedenen Orten – in verschiedenen Landkreisen. Auch im späteren Leben gibt es einige Unterschiede.

Josef Müller (links) und sein ein Tag jüngerer Zwillingsbruder Georg. Beide teilen eine außergewöhnliche Geschichte.
von Julian Trager Kontakt Profil

Der Oberpfälzer Bezirksheimatpfleger Thomas Appl kennt ein paar kuriose Zwillingsgeschichten, aber die seien "harmlos" gegenüber dem, was vor nun ein bisschen mehr als 85 Jahren in Thanheim bei Ensdorf (Kreis Amberg-Sulzbach) geschah. So etwas habe er noch nicht gehört. "Das ist absolut kurios und außergewöhnlich", sagt Appl, als ihm die Geschichte erzählt wird, und schiebt hinterher: "Das mag man sich gar nicht vorstellen."

Josef und Georg Müller sind Zwillinge, haben aber weder den gleichen Geburtstag noch den gleichen Geburtsort – die beiden wurden nicht einmal im gleichen Landkreis geboren. Die Geschichte, die ihnen ihre Tanten erzählt hatten, ging am 29. Juli 1936 los: Am Nachmittag stand die Mutter noch auf dem Feld, Getreidemähen. "Unsere Geburt war für sie eine große Herausforderung", sagt Josef, der ältere Zwilling. Abends kündigte sich die Geburt an, die Hebamme aus Ensdorf wurde verständigt und gegen halb Neun kam der Sepp am Schwabenhof im Kreis Amberg-Sulzbach auf die Welt. Aber das war noch nicht alles, vermutete die Hebamme.

Weil es damals noch keinen Ultraschall gab, brauchte man einen Arzt. Ein Mediziner aus Schwandorf stellte dann fest, dass da noch ein Kind kommen musste. "Er hatte aber scheinbar nicht alle nötigen Hilfsmittel für eine Geburt dabei", erzählt Josef Müller. "Also nahm er kurzerhand die Mutter mit seinem Privatauto, einen Opel P4, nach Schwandorf ins Krankenhaus." Kurz nach 3 Uhr nachts kam dort der Schorsch zur Welt.

Der Sepp muss daheim bleiben

Der kleine Sepp musste daheim am Schwabenhof beim Vater bleiben, die Transportmöglichkeiten im Opel des Arztes waren nicht ideal. "Am nächsten Morgen wurde es Zeit, dass ich zur Mutter ins Krankenhaus nachgeliefert wurde, weil ich sonst nicht überleben konnte", sagt Josef Müller.

Bis in die 1950er waren Hausgeburten in der Oberpfalz die Regel, erklärt Bezirksheimatpfleger Thomas Appl. "Im Krankenhaus wurde man nur geboren, wenn es im Ort ein Krankenhaus gab." Die Kindersterblichkeit war zu der Zeit schon deutlich kleiner. Ende des 19. Jahrhunderts und Anfang des 20. Jahrhunderts habe das noch anders ausgesehen, gerade dort, wo die Wasserversorgung nicht so gut gewesen sei – was auch auf die Oberpfalz zutreffe, vor allem das Oberpfälzer Jura. "Da hatte die Oberpfalz mit die höchste Kindersterblichkeit in ganz Deutschland", sagt Appl. Ab den 1920ern und 30ern sei es besser geworden, obwohl noch einige Kinder starben, gerade wenn Frauen mehrere Kindern bekamen.

Um zu überleben, musste der Sepp also am Tag nach der Geburt daheim ins Krankenhaus zur Mutter. "Der Vater brach mit einem gebrauchten Kinderwagen von Thanheim aus Richtung Schwandorf auf", sagt Josef Müller, der die Erzählungen vor Jahren mal aufgeschrieben hat. Unterwegs half die Haselbacher Tante dem Vater, den Buben zu Fuß ins gut 15 Kilometer entfernte Schwandorfer Krankenhaus zu schieben. Bei der Mutter und beim Bruder angekommen, wurde der Sepp zum ersten Mal gestillt und versorgt, dann durfte er mit im Krankenhaus bleiben.

Familie Müller betrieb eine Landwirtschaft am Schwabenhof, der nur ein paar Kilometer von der Grenze zum Schwandorfer Landkreis entfernt liegt. Das Geld war meistens knapp, berichten die Zwillinge. Auch nach ihrer Geburt ging es ums Geld – es mussten ja zwei Hebammen bezahlt werden. "Wie die Leistungen am Ende mit unseren Eltern abgerechnet wurden, kann heute ohne Zeitzeugen niemand mehr nachweisen", schrieb Josef Müller in seinen Erinnerungen. Aber: "Wir sind ohne Probleme aufgewachsen."

Motoröl und Paco Rabanne

Die von Geburt an ungleichen Zwillinge passten sich mit der Zeit nicht unbedingt aneinander an. Der mehrere Stunden jüngere Georg ging ins Humanistische Gymnasium. Josef, der fünf Zentimeter kleiner ist als sein Bruder, wurde Handwerker. Der Sepp hatte anfangs allerdings das größere Auto, einen VW Käfer. Der Schorsch fuhr ein Goggomobil, ein Kleinstwagen eines damaligen Dingolfinger Herstellers.

Am 30. Juli in diesem Jahr feierte die Familie die 85. Geburtstage der Zwillinge. Bei einer Rede witzelte eine von Georgs Töchtern über die Unterschiede der beiden Brüder, die sich eben nicht nur äußerlich nicht ähnlich sehen – Josef hat eine Glatze, Georg einen Lockenkopf. Der Sepp sei ein Handwerker, ein Schmiermaxe, trug meistens Blaumann oder alte Hosen, hatte Motoröl an den Händen. Der Schorsch sei immer sauber angezogen, steht auf den feinen Duft und trägt Paco Rabanne an den Händen. Josef, der in Ensdorf lebt, sei der Künstler, der Bastler, der zwei Meisterprüfungen erfolgreich abgelegt hat. Georg, der in Schwandorf lebt, sei der Planer, der Kaufmann.

Die zwei Brüder nahmen vor Jahren auch mal an einer Studie der Universität Trier teil, erzählt Josef. "Da ging es um Neigungen von Zwillingen." Denn die beiden haben doch auch Gemeinsamkeiten: Beide sind seit 60 Jahren Jäger, beide haben ein eigenes Revier. Und beide teilen sich eine außergewöhnliche Geschichte.

Drillinge und Zwillinge für Paar in Illschwang

Illschwang
"Wir sehen uns auch äußerlich nicht ähnlich": Der jüngere, Georg, ein Lockenkopf. Der ältere, Josef, hat eine Glatze.
Hintergrund:

Zur Person: Josef Müller

  • Geboren am 29. Juli 1936 in Thanheim (Kreis Amberg-Sulzbach).
  • Handwerker, Meister als Landmaschinenmechaniker und Heizungsbauer.
  • Eigene Heizungsbaufirma, bildete dort mit seinen Mitarbeitern 18 Lehrlinge aus.
  • Seit 53 Jahren mit seiner Frau Edeltraud, geborene Geier, verheiratet.
  • Lebt in Ensdorf, zwei Kinder, zwei Enkelkinder.
Hintergrund:

Zur Person: Georg Müller

  • Geboren am 30. Juli 1936 in Schwandorf (Kreis Schwandorf).
  • Kaufmann im Ruhestand.
  • Seit 60 Jahren mit seiner Frau Irmgard, geborene Lehmann, verheiratet.
  • Lebt in Schwandorf, zwei Kinder, fünf Enkelkinder.

 

 

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