26.10.2021 - 12:02 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

CO2-Abgabe: Porzelliner kämpfen in Berlin um Zukunft ihrer Betriebe

Porzellanherstellung in der Oberpfalz und in Oberfranken hat eine lange Tradition. Damit das auch in Zeiten der CO2-Abgabe so bleibt, machen Porzelliner in Berlin Druck. Arbeitnehmer und Unternehmer ziehen dabei an einem Strang.

Ein Blick in den Tunnelofen. Beim Geschirrbrand ist Erdgas für einen physikochemischen Prozess notwendig.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Beim Ringen um die Ausgestaltung des Klimaschutzes und den ökologischer Umbau der Wirtschaft ist der bayerischen Porzellanindustrie der Fürsprecher in Berlin abhanden gekommen: Noch im Sommer hatte die CSU Arbeitnehmern und Arbeitgebern versprochen, deren Anliegen bei den Koalitionsverhandlungen zu berücksichtigen. Nun aber sitzt die Partei nicht am Verhandlungstisch. Entmutigen lassen sich die Porzelliner nicht: Sie wenden sich an Grüne und FDP – und werden im Bundesumweltministerium vorstellig.

Darum geht es: Seit dem 1. Januar wird ein Preis von 25 Euro je Tonne CO2 fällig, bis zum Jahr 2025 steigt dieser nach den derzeitigen Regeln auf mindestens 55 Euro und höchstens 65 Euro. Für besonders energieintensive Unternehmen gibt es Ausnahmen und Kompensationen, damit diese international wettbewerbsfähig bleiben. Das hat die scheidende schwarz-rote Bundesregierung mit ihrer Mehrheit im Sommer beschlossen. Auf der Strecke blieb dabei aber die heimische Porzellanindustrie.

Unterschriftenliste an Bundesumweltministerium

Deshalb fordern Unternehmen und Arbeitnehmer von einer neuen Bundesregierung, die Regelungen nachzubessern. Dazu wollen Vertreter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) aus Nordostbayern und die Betriebsräte der Oberpfälzer und oberfränkischen Porzellanbetriebe an diesem Freitag im Bundesumweltministerium eine Unterschriftenliste der gut 2000 Beschäftigten der Branche übergeben. Zudem wollen sie Staatssekretär Jochen Flasbarth im Gespräch darlegen, warum es besondere Regelungen für die Feinkeramik geben muss. Das Treffen ist Teil des "Aktionstag Transformation" der IG BCE und der IG Metall.

Aus technologischen Gründen führt in der Porzellanindustrie beim Geschirrbrand noch viele Jahre kein Weg am Einsatz von Erdgas vorbei. Es wird nicht nur benötigt, um die hohen Temperaturen in den Öfen zu erreichen, sondern ist vor allem für einen physikochemischen Prozess beim Brand notwendig. Es ist Teil des Prozesses und dient nicht nur als Energieträger. Bis Erdgas etwa durch Wasserstoff ersetzt werden kann, dauert es noch mindestens zehn Jahre, erwartet der Vorstandsvorsitzende der BHS tabletop, Philipp Diekmann. Entsprechende Forschungsprojekte an Hochschulen laufen. Bislang gibt es zudem weder ausreichend grünen Wasserstoff noch die dafür notwendige Infrastruktur. Ein Probleme, dass auch andere Industriebrachen trifft, die auf Wasserstoff umstellen wollen.

Erdgas für Geschirrbrand unverzichtbar

Zwischen 80 und 90 Prozent der Energie werden von den Porzellanherstellern für die Öfen benötigt, sagen Diekmann von BHS Tabletop und Carsten W. Hense, Geschäftsführer Operations bei Rosenthal. Bei einem Preis von 65 Euro je Tonne CO2 müsste etwa BHS Tabletop einen siebenstelligen Betrag jährlich aufbringen, bei Rosenthal wäre es jährlich ein sechsstelliger Betrag. Auch bei den Porzellanfabriken Christian Seltmann würde ein entsprechender Betrag fällig, sagt Christa Kopf, Betriebsrätin bei Seltmann. Diekmann verweist darauf, dass die Abgabe zunächst einmal gezahlt werden müsse. Wann und wie viel wegen möglicher Kompensationen zurückfließe, zeige sich erst später. Auf jeden Fall blieben rund 50 Prozent der Kosten an den Betrieben hängen.

Kosten, die die internationale Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Hersteller beeinträchtigen. Die Konkurrenten in Großbritannien, der Türkei, auf der arabischen Halbinsel oder in Asien haben keine CO2-Auflagen und können daher entsprechend günstig produzieren. Eine Weitergabe der zusätzlichen CO2-Kosten an die Kunden sei wegen des Preiskampfs in der Branche nicht möglich. Zudem haben auch die Porzellan-Unternehmen wegen der Corona-Pandemie Einbußen hinnehmen müssen. Auch das belastet.

Millionen in Energieeffizinez investiert

In den vergangenen Jahren sind von den Porzellanherstellern Millionen in Energieeffizienz und modernste Technologie investiert – etwa in Blockheizkraftwerke und neue Öfen. Aufgrund der neuen Klimaschutz-Vorgaben ist das, was noch vor wenigen Jahren als herausragend und auf dem Stand modernster Technologie gefeiert worden ist, nun entwertet. Rainer Hoffmann, kommissarischer Leiter des IG-BCE-Bezirks Nordostbayern, warnt, dass am Ende durch eine derartige Politik Innovationen gestoppt würden, weil Unternehmen diese nicht mehr stemmen könnten oder wollten. Die große Sorge, die mitschwingt: Im schlimmsten Fall werden neue Investitionen im benachbarten Ausland erfolgen, denn dort gelten die CO2-Auflagen nicht. Die nordostbayerischen Porzelliner fordern eine faire Chance, verlässliche Politik und Planungssicherheit.

Im Gespräch mit Unternehmern, Gewerkschaftern und Betriebsräten bei der IG BCE in Weiden ist der Unmut deutlich spürbar. Großen werde geholfen, etwa der Automobilindustrie, Kleine vergessen. Ein Betriebsrat sagt bitter: "In unserer Branche gibt es halt nur 2000 Arbeitsplätze." In den Betrieben sei Unsicherheit spürbar, berichten Vorstände und Betriebsräte. Das belaste auch die Suche nach Nachwuchs. Dabei ist Geschirr ein nachhaltiges, langlebiges Produkt, es könne 100 Jahre lang genutzt werden. Zudem ist Porzellan ein Kulturgut mit Strahlkraft – wenn die Politik nicht mehr wolle, dass in Deutschland produziert werde, solle sie es klar sagen, so der Tenor. Dann müsse die Politik dies aber auch klar sagen und entsprechende Mittel zur Transformation bereitstellen, sowie etwa im Kohle-Bergbau.

Brief an Petitionsausschuss

Michael Ott, Gesamtbetriebsratsvorsitzender von BHS Tabletop, hat an die Petitionsausschüsse im bayerischen Landtag und im Bundestag geschrieben. Aus München bekam er zu hören, dass der Landtag nicht zuständig sei. Aus dem Bundestag erhielt er die Nachricht, falls er in sechs Wochen nichts mehr höre, habe sich die Angelegenheit erledigt. Ott hat sofort zurückgeschrieben, denn erledigt ist die Frage der CO2-Belastung für die Porzelliner erst, wenn sie Gewissheit haben, dass sie eine faire Chance bekommen, auch in Zukunft zu bestehen.

Ringen um die Zukunft

Weiherhammer

Klimaschutz und Porzellanindustrie

Weiden in der Oberpfalz
Jochen Flasbarth, Staatssekretär im Bundesumweltministerium, spricht auf einer Pressekonferenz.
Hintergrund:

Aktionstag Transformation

  • Warum: Die Gewerkschaften IG BCE und IG Metall fordern von der Politik und Unternehmen den klimaneutralen Umbau der Industrie aktiv voranzutreiben und Beschäftigten und Standorten eine Zukunftsperspektive zu geben.
  • Wann: Am Freitag, 29. Oktober, veranstaltet die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) unter dem Motto „Wandel fair gestalten: Mit. Mut. Machen“ bundesweit Aktionen in den Betrieben und in der Öffentlichkeit.
  • Was: Es gibt unter anderem Kundgebungen, Podiumsdiskussionen, virtuellen Sprechstunden oder „aktiven“ Mittagspausen. IG-Metall-Chef Jörg Hoffmann diskutiert in Berlin im Regierungsviertel mit Spitzenpolitikern über die ökologische Transformation.
  • Das Ziel: Die IG BCE will unter anderem gute und gerechte Arbeits- und Lebenschancen für Beschäftigte in der Industrie erhalten, transformationsbedingte Entlassungen verhindern sowie Industriestandorte erhalten, ausbauen und modernisieren.

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.