17.05.2021 - 10:15 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Corona füllt dem Online-Handel die Kassen, erfordert aber flexible Strategien

Corona lässt den Online-Handel jubeln. Das stimmt. Doch ganz so einfach ist die Gleichung nicht. Denn auch bei den Internetgeschäften in Weiden und dem Landkreis Neustadt wirbelt die Seuche einiges durcheinander.

Gerda Berlitz überprüft Bessell- und Artikelnummer, bevor bei Bermaro die Pakete in den Versand gehen.
von Uwe Ibl Kontakt Profil

Kleidung, Fotopuzzles, -bücher, und -zubehör gibt es bei drei der großen Onlinehändler in der Region. Daneben lassen sich aber auch Fahrräder, Zelte, Luftballons, Bastelbedarf, Autositzbezüge und zahlreiche andere mehr oder weniger ausgefallene Produkte per Internet in Weiden und dem Landkreis Neustadt bestellen. Im Gegensatz zum stationären Handel hat der E-Commerce von der Corona-Pandemie profitiert. „Je schwerer die Einschränkungen, desto besser das Geschäft“, bringt es Franz Trescher auf einen einfacher Nenner. Der Geschäftsführer von Fotopuzzle.de in Altenstadt tut sich dennoch persönlich schwer mit Corona. "Das ist ein Thema, das sehr traurig macht."

Zu Beginn der Krise war die positive Geschäftsentwicklung für den Spiele- und Puzzlehersteller so nicht abzusehen. "In den ersten Wochen 2020 war das Volumen gedrosselt", erinnert sich Trescher ebenso wie Markus Sprinz. "Den Rückgang im April und Mai haben die anderen Monate mehr als wett gemacht", freut sich der Mitinhaber von Ukatex-Autositzbezuege.de. Nach dem ersten Lockdown habe der Online-Handel geboomt.

Autositze aus eigener Produktion

Vor zwei Jahren zog die Firma mit jetzt 13 Beschäftigten, darunter Näher, Schneider, Polsterer und Servicekräfte von Parkstein nach Weiden. Ukatex macht alles selbst von der Produktion bis zu Service und Vertrieb und verkauft online weltweit bis Australien und Südamerika, aber mit Schwerpunkt Europa. "Wir haben einen eigenen Shop, einen kleinen bei Ebay und legen Wert darauf, dass wir nicht bei Amazon sind", sagt Sprinz mit klaren Worten, was auch eine Reihe anderer Kollegen von dem Marktplatzriesen und seinen Konditionen für die Händler hält.

"Es hat mich total umgehauen, wie kostenaufwändig das Projekt Onlineshop ist."

Martin Baier

Hohe Kosten

Eine klare Zuordnung kann Martin Baier, Inhaber der gleichnamigen Pressather Firma mit 30 Mitarbeitern, nicht treffen, inwieweit die Zunahme von 20 bis 30 Prozent beim Online-Verkauf von Pilzen und Beeren auf den Corona-Effekt oder das normale Marktverhalten zurückzuführen sind. "Online könnte noch grandios zunehmen. Die Frage ist, wie viel man bereit ist, für das Marketing auszugeben." Er sei erstaunt über die gewaltigen Kosten sowohl technisch als auch rechtlich für die Erstellung des Onlineshops, mit dem er seit zwei Jahren seinen Vertrieb ergänzt hat. "Es hat mich total umgehauen, wie aufwändig das Projekt Onlineshop ist."

Legosteine weltweit

"Es war ein zweites Weihnachtsgeschäft", berichtet Tobias Spitzkopf. Der 35-jährige Weidener betreibt in Neustadt mit zwei Angestellten den Brickhunter.shop. "Es läuft", sagt er zum momentanen An- und Verkauf der Legoprodukte vom einzelnen Stein bis zu Raritäten, aber entweder hätten die Kunden in aller Welt weniger Geld oder sie hielten es zurück. Manch ein Stammkunde arbeite kurz und reduziere die Ausgaben fürs Hobby. "Andererseits hast Du Leute, die nun mehr Zeit haben." Auch für Kinder werde seit Corona mehr gekauft. "Da ich viele Bekannte in der Gastro- und Veranstaltungsbranche habe, die seit einem Jahr nicht mehr arbeiten dürfen, bin ich hochzufrieden."

Kerngeschäft am Boden

Vom Freizeitboom profitiert Bernhard Pscheidts outdoor-republic.de mit Rucksäcken – "die sind durch die Decke gegangen" – , Trinkflaschen und Trinkbeuteln. Zubehör für E-Bikes bescherte dem Neustädter E-Commerce-Unternehmen mit fünf Mitarbeitern Umsätze. Das ursprüngliche Standbein mit bedruckten Produkten wie Trinkflaschen, die man vom Novi-Lauf kennt, ist Pscheidt durch die Pandemievorschriften weitgehend weggebrochen. "Im Kerngeschäft kämpfen wir damit, dass es weder Sportevents noch Messen gibt."

Im ersten Lockdown sei sechs Wochen so gut wie gar nichts gegangen, musste Tobias Urbanek erfahren. "Online muss man mittlerweile dabei haben", meint der Weidener. Trotz des Wegfalls eines Kunden habe sich der Handel des Einzelkämpfers mit Dentalbedarf wieder normalisiert auf allen Schienen vom Katalog bis zum Internethandel.

Lagerverkauf eingestellt

Wegen Corona hat das Zehenhaus seinen Lagerverkauf in Weiden komplett eingestellt. "Wir konzentrieren uns auf den Onlinehandel mit Schuhen", sagt Geschäftsführer Florian Schrepel, der von Zuwachs bei den Umsatzzahlen im vergangenen Jahr berichtet. Acht Mitarbeiter sind bei ihm mit Versand, Service und Retouren beschäftigt.

Umsätze verdoppelt

Auf 500 bis 600 Quadratmeter sind die beiden Shops von Bernd Rose angewachsen. "Wir sind fast ausverkauft und kommen kaum mit dem Liefern nach", sagt er über den Verkauf hochwertiger Pelletsgrills, die der Weidener nach eigenen Entwürfen und Vorstellung bauen lässt. Der Umsatz habe sich 2020 mindestens verdoppelt. Seine nächste Konkurrenz sitzt in den USA. Problem: "Die Lieferketten werden langsamer und teurer." Auch bei seinem Unternehmen Bermaro, das unter lackier-bedarf.info im Internet zu finden ist, habe sich der Umsatz verdoppelt. Welchen Anteil daran die Optimierung des Shops und welchen Corona hat, kann Rose nicht sagen. "Unser eigener Shop macht mehr Umsatz, als der über Amazon", sagt Rose und spricht von Weiden als einem guten Standort für den Online-Handel.

Wandel in Kundenstruktur

17 Mitarbeiter beschäftigt Nadine Puff bei Prell, einem Spezialversand für Hobby und Basteln in Luhe. Gummibänder zum Maskennähen waren gleich zu Beginn der Pandemie gefragt, Fingerfarben hätten sich im weiteren Verlauf super verkauft. "Kindergärten haben weniger Kleber und andere Verbrauchsmaterialien bestellt", informiert die Geschäftsführerin. Für Schultüten gab es in der Zeit vor der Pandemie Sammelbestellungen von Kitas. Im vergangenen Jahr verschickte das Unternehmen sie an viele einzelne Kunden. "Die Zahl der Pakete war höher."

Unterm Strich ein blaues Auge

Seit 43 Jahren betreibt Foto Brenner schon Versandhandel von Weiden aus. "Der Einzelhandel ist nur eine Säule", verweist Uwe Fröhlich darauf, dass die zweite Säule des Geschäftsmodells die als Großhändler für andere Fotoläden ist. "Hier fehlt uns eine ganze Menge Umsatz, da die Kollegen ihre Geschäfte geschlossen haben." Der Foto-Brenner-Prokurist spricht von einem blauen Auge, mit man bisher davongekommen sei. "Strich drunter: Was wir beim Großhandel verlieren, holen wir online wieder raus." Schwierig sei die Situation bei Hochzeits-, Schul-, Industrie- und anderen Berufsfotografen, denen Aufträge wegbrechen.

Equipment wie Webcams, fürs Homeoffice, Steuerpulte, Drucker und deren Verbrauchsmaterialien waren beim ersten Lockdown gefragt, registrierte Fröhlich. Auch interessant: „In der Kurzarbeit und Zuhause haben die Leute Zeit, erinnern sich an ihre alten Hobbies und ergänzen ihre Fotoausrüstung.“ Anlässe, zum Fotografieren wie Hochzeiten und andere Familienfeiern seien weggefallen. „Der Effekt, dass viele feststellten, dass vor der Haustüre tolle Motive sind und es Spaß macht, die mit ordentlichen Kameras abzulichten, hat das wieder wett gemacht.“

Unsichere Lieferketten

Probleme bereiten dem Fachhändler mit seinen 25 Mitarbeitern Engpässe bei der Chipherstellung und zusammengebrochene Lieferketten. "Das macht es schwer, ein volles Sortiment für hochwertige Ausrüstung anzubieten."

Geschlossene Grenzen ins Nachbarland direkt vor der Haustür zwischen der Produktionsstätte mit knapp 30 Beschäftigten im tschechischen Bělá nad Radbuzou (Weißensulz) und der Übergabe an DHL in Nürnberg bedeuteten immer wieder auch Unsicherheiten für den Geschäftsbetrieb bei Fotopuzzle, berichtet Geschäftsführer Trescher.

Nahezu um das zweieinhalbfache auf 30 Millionen Euro sei der Umsatz 2020 bei fotopuzzle.de gestiegen. Neben Deutschland ist Großbritannien trotz Brexit mit guter Kaufkraft und hoher Internetaffinität wichtigster Markt. Im Herbst hat das Unternehmen einen Ableger in Pennsylvania in den USA gegründet. Die 35 Mitarbeiter am Hauptsitz Altenstadt sind bis auf einige wenige, die im Büro die Retouren bearbeiten, im Homeoffice. "Wenn wir die Krise gemeistert haben, wollen wir das Beste aus beiden Welten zusammenbringen sowohl das ungestörte Arbeiten, wie auch die Kommunikation über Ideen und das soziale Miteinander", blickt der Geschäftsführer in die Zukunft.

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Hintergrund:

DHL befördert immer mehr Pakete

  • 2019: tägliche Durchschnittsmenge an Paketen bundesweit etwa 5 Millionen; im Dezember erstmals an einigen Tagen 10-Millionen-Marke überschritten. Jahresmenge 1,400 Milliarden.
  • 2020: pro Tag im Durchschnitt circa 5,2 Millionen; Spitzentage zu Ostern mit rund 9 Millionen Sendungen und im Dezember etwa 11 Millionen Pakete. Jahresmenge 1,614 Milliarden.
  • 2021: tägliche Durchschnittsmenge etwa 5,9 Millionen; im Januar Spitzentage bei circa 10 Millionen Paketen bundesweit.

 

 

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