02.04.2020 - 16:12 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Nach Coronavirus im Altenheim: Senioren in Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN zwischen Besorgnis und Zuversicht

Das Coronavirus ist gerade für Ältere gefährlich. Wie gehen Bewohner und Personal der Pflegeheime Weidens und dem Landkreis Neustadt damit um? Viele überraschen mit Zuversicht und kreativen Notlösungen. Dennoch gibt es Sorgen und Engpässe.

Im Caritas Alten- und Pflegeheim St. Josef in Pressath lassen Bewohner und Angehörige den Kontakt nicht abreißen. Über ein gekipptes Fenster können die Besucher direkt mit den Senioren reden – ohne Ansteckungsgefahr.
von Tobias Gräf Kontakt Profil

Wie schnell sich das Coronavirus ausbreiten kann, wenn es erst einmal in eine Pflegeeinrichtung eingedrungen ist, zeigt der Fall des AWO-Seniorenheims in Windischeschenbach. Die Entwicklung dort wird in den zahlreichen anderen Heimen in Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN sorgenvoll verfolgt. Dennoch lassen sich die meisten Bewohner und das Personal der anderen Einrichtungen nicht entmutigen. Im Gegenteil: Die Pfleger und Betreuer leisten unter verschärften Hygienebedingungen täglich wertvolle Arbeit und geben sich optimistisch. Von Videokonferenzen über Skype, Online-Gottesdiensten und dem Plausch mit den Angehörigen vom Balkon aus – wir geben einen Überblick, wie die Heime reagieren.

Weiden

Im Eleonore-Sindersberger-Altenheim würden alle Mitarbeiter selbstgenähten Mundschutz tragen, um die 126 Bewohner zu schützen, berichtet Wolfgang Reuther. Veranstaltungen für die Senioren finden nur noch in den Wohngemeinschaften und nicht mehr über alle Etagen hinweg statt, sagt der Leiter der Einrichtung. "Sogar unsere Mitarbeiter essen in Schichten, damit der Kontakt soweit es geht reduziert wird", erklärt Reuther. Das Heim hat momentan einen Aufnahmestopp verhängt, weil vier Pflegeplätze für das Klinikum bereit gehalten werden, sollten dort die Betten knapp werden. Dies Stimmung sei "noch gut", sagt Reuther. "Wir erklären den Bewohnern regelmäßig die Situation und machen Videokonferenzen, damit sie mit den Angehörigen sprechen können. Und wenn Angehörige Süßigkeiten am Eingang für die Oma abgeben, verteilen wir die natürlich auch."

Elfriede Stoppe hält die Verbindung zur Außenwelt: Die Sekretärin im Weidener Eleonore-Sindersberger-Altenheim nimmt Briefe für die Bewohner entgegen. Auch Süßigkeiten werden öfter abgegeben.

Eschenbach

Im Haus St. Laurentius in Eschenbach arbeitet Daniela Jenke gegenwärtig einen Pandemie-Dienstplan aus. Die Heimleiterin will damit die Versorgung der 35 Bewohner für den Fall sicherstellen, dass sich einzelne Mitarbeiter infizieren und dann nicht mehr zur Arbeit kommen könnten. Damit es nicht soweit kommt, halten sich alle streng an die Vorschriften: "Wir haben alle hygienischen Maßnahmen ergriffen, die möglich sind", informiert Jenke. Weil in St. Laurentius ausschließlich Demenzkranke untergebracht sind, sei die Situation angespannt. "Die zu isolieren geht gar nicht. Wir sind sehr beunruhigt, die ganze Belegschaft hat Angst", sagt die Leiterin.

Pressath

Im Caritas Alten- und Pflegeheim St. Josef in Pressath erinnert Pflegedienstleiter Christian Fuchs seinen Mitarbeitern ständig an die Hygieneregeln: "Ich sage ihnen immer, wie sie sich zu verhalten haben, auch im Privaten." Doch Fuchs weiß: "Man kann Glück oder Pech haben. Ein gewisses Risiko bleibt." In St. Josef finden keine Gruppenveranstaltungen mehr statt, selbst beim Essen wird der Sicherheitsabstand von 1,5 Meter zum Sitznachbarn eingehalten, berichtet der stellvertretende Heimleiter. Weil das Haus bereits seit Mitte März für jegliche Besucher verschlossen ist, versuchen die Pfleger für Abwechslung zu sorgen. "Wir haben inzwischen ein Tablet. Damit können die Bewohner mit den Angehörigen skypen oder chatten." Auch analoge Besuche der Angehörigen seien möglich – mit Einschränkungen: "Wir stellen die Senioren mit Mundschutz an das Fenster. So können sie direkt mit den Angehörigen vor dem Fenster reden. Das freut die Leute sehr", berichtet Fuchs. Viele Senioren würden die Einschränkungen betrüben, doch Fuchs denkt mit Hinblick auf das Coronavirus positiv: "Wir bleiben optimistisch. Wir kriegen das nicht."

Neustadt/WN

Im Caritas Alten- und Pflegeheim St. Martin in Neustadt zeigt sich Heimleiterin Stefanie Schricker besorgt. "Wir tun alles, was in unserer Macht steht, um das Virus draußen zu halten. Aber wir können gerade nicht mehr machen, als zu beten und zu hoffen, dass die Situation stabil bleibt." Sollte tatsächlich eine Corona-Infektion auftreten, würde sehr eng mit der Feuerwehr zusammengearbeitet. "Wir richten dann Isolationsbereiche für die betroffenen Bewohner ein und bekämen Hilfe von außen", sagt Schricker. Das Programm für die 84 Senioren sei "viel ruhiger geworden. Wir können kein Gemeinschaftsprogramm mehr machen", sagt die Heimleiterin. Stattdessen gäbe es sehr viel Einzelbetreuung. "Wir lassen niemanden allein und beten viel. Zudem halten wir den Kontakt zu den Angehörigen über alle Kanäle offen." Es würde viel telefoniert oder im Whatsapp-Chat geschrieben. "Wenn Besucher kommen, können unsere Bewohner jederzeit vom Balkon aus mit den Angehörigen direkt sprechen", sagt Schricker.

Floß

Neue Bewohner werden im Seniorenheim "Am Reiserwinkel" wegen dem Coronavirus momentan nicht mehr aufgenommen. "Im schlimmsten Fall holen wir uns damit das Virus ins Haus", begründet Carsten Fischer die Maßnahme. Der Heimleiter sagt, das strikte Besuchsverbot sei für die 67 Senioren im Haus "verheerend". "Die Bezugspersonen von draußen fehlen und gleichzeitig mussten wir das interne Programm stark zurückfahren. Das ist für die Bewohner nicht schön." Am Reiserwinkel-Heim trage das Personal inzwischen Mundschutzmasken und Handschuhe. Doch die Bestände schrumpfen. "Je länger die Krise dauert, umso höher ist der Verbrauch. Am offenen Markt bekommen wir momentan gar nichts mehr", sagt Fischer. Die Preise für Schutzartikel seien explodiert. "Ich hoffe, dass wir zumindest über die Führungsgruppe Katastrophenschutz vom Landkreis etwas bekommen." Fischer weiß, dass die Situation bedrohlich wird, wenn sich Mitarbeiter infizieren sollten: "Sollte bei uns die Hälfte des Personals ausfallen, bricht der Laden zusammen. Aber wir können ja nicht einfach heimgehen und Home Office machen. Unsere Bewohner müssen ja versorgt werden." Weil auch die Messe in der Kapelle nicht mehr stattfinden kann, lässt sich Fischer etwas einfallen: "Wir werden künftig den Gottesdienst von Pfarrer Römischer online zu übertragen." Der Heimleiter appelliert an das Gemeinschaftsgefühl: "Wir müssen das beste aus der Situation machen und gemeinsam durch die schwere Zeit gehen."

Seniorenheim Floss.

Waidhaus

An Mundschutz fehlt es im "Seniorenhaus im Naturparkland" nicht. Die 60 Bewohner haben eine Nähstube eingerichtet und sich Masken selbst genäht. Auch darüber hinaus wisse man sich zu helfen, berichtet Martin Kindel. "Wir desinfizieren viel, waschen die Hände, putzen mehrmals täglich die Türklinken", sagt die Einrichtungsleiterin. Kommen Bewohner aus dem Krankenhaus zurück, kommen sie 14 Tage zur Beobachtung in Quarantäne. "Wir mussten unser Gruppenprogramm stark reduzieren, machen aber viel Einzelbetreuung." Über Facebook, Skype und Briefe halte man Kontakt zu den Angehörigen. Dennoch sei es im Haus "viel ruhiger. Ich denke, dass wir als Heim bis in den Herbst hinein mit Einschränkungen werden leben müssen", wagt sich Kindel in einer Prognose.

Coronavirus im Seniorenheim Windischeschenbach

Windischeschenbach

Reaktionen auf den Corona-Ausbruch im Seniorenheim

Windischeschenbach

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