08.01.2021 - 11:51 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Vor dem Distanzunterricht: Frust, Stress und eine Überraschung

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Die Faschingsferien fallen aus, ab Montag sind wieder alle Schüler im Distanzunterricht. Auf Schüler, Eltern und Lehrer kommen harte Wochen zu. Der Frust sitzt tief. Und längst nicht alle Schulen in der Region fühlen sich gerüstet.

Am Montag enden die Weihnachtsferien. Die Klassenzimmer in der Region bleiben dennoch leer. Es ist wieder Distanzunterricht für alle angesagt.
von Florian Bindl Kontakt Profil

Neues Jahr, neues Glück? Für die Schulen scheint das zunächst nicht zu gelten. Statt einer Entspannung und der ersehnten Rückkehr in den Präsenzunterricht steht ab Montag erst einmal wieder Home-Schooling an. Wie lange? Unklar. Frust ist da programmiert. "Es ist ärgerlich, wenn es zuerst heißt, die Schulen bleiben auf jeden Fall offen – und jetzt ist wieder alles anders", ärgert sich Markus Staschewski. Er ist Lehrer am Gymnasium Neustadt und Bezirksvorsitzender des Bayerischen Philologenverbandes. Er fragt sich: Wären die Schüler nicht im Klassenzimmer besser aufgehoben? "Die Infektionsgefahr ist doch zu Hause viel größer." Aus seiner Sicht wäre es "viel sinnvoller, wieder auf ein Hybridmodell mit Wechselunterricht zu setzen". Die Klassen würden dann wie schon Ende des Jahres in höheren Jahrgangsstufen geteilt, im Klassenzimmer wäre mehr Platz.

Die größte Schwierigkeit sieht Staschewski aber bei den digitalen Plattformen, die im Heim-Unterricht unabdingbar sind. Schon im Dezember hatte das Schülerportal mebis des Kultusministeriums mit dem großen Andrang zu kämpfen. Die Server kollabierten. Nun sind ungleich mehr Schüler auf die Lernplattform angewiesen – nämlich alle. "Ich habe recht wenig Hoffnung, dass das reibungslos klappt", so Staschewski. "Es werden immer scheinbar einfache Forderungen gestellt: Die Schüler sollen sich morgens anmelden. Und dann funktioniert das WLAN nicht. Schon haben die Lehrer keinerlei Zugriff mehr auf die Schüler."

Elf Wochen Unterricht am Stück

Der Stress ist gewaltig, keine Frage. "Wir sind am Limit. Dass jetzt auch noch die Faschingsferien ausfallen, ist kontraproduktiv. Schüler wie Lehrer brauchen Erholung." Nun stehen stattdessen elf Wochen Unterricht am Stück an. "Das war auch für uns eine Überraschung", gibt Katja Meidenbauer, BLLV-Vorsitzende der Oberpfalz und Rektorin an der Grundschule Bechtsrieth, zu. "Natürlich gibt es die Argumentation, da könnte man jetzt Stoff nachholen. Aber es gibt ja nicht umsonst die Ferien, das wissen alle Schüler und auch Eltern." Es werde zweifelsfrei eine Herausforderung für alle. Elf Wochen Unterricht unter ungewissen Vorzeichen, das sei "eine lange Strecke".

Gleichzeitig trägt Meidenbauer, allen damit verbundenen Schwierigkeiten zum Trotz, den Distanzunterricht mit. "Das Infektionsgeschehen macht es einfach notwendig. Wir wissen ja auch nicht, wie sich die neue, noch ansteckendere Virus-Mutation entwickelt. In Sachen Gesundheitsschutz ist die Entscheidung der Politik deshalb konsequent", sagt sie. "Lehrer und Schüler sind sicherer, wenn sie nicht in der Schule sind." Als Grundschullehrerin sieht sie aber freilich das fehlende Miteinander im Unterricht mit Sorge. "Gerade für Grundschüler, die erst Lesen und Rechnen lernen müssen, wäre Präsenzunterricht ganz wichtig. Es ist herausfordernd."

Erheblich entspannter sieht Thomas Reitmeier, Schulleiter der Wirtschaftsschule Eschenbach, die Lage. Klar, die Pandemie fordert bestimmte Einschränkungen, denen auch die Schulen Folge leisten müssten. Aber man sei mittlerweile bestens geschult und vorbereitet. "Wir klagen nicht und sind technisch gut ausgestattet." Jeder Schüler habe Zugänge für mebis und Office365, bei Bedarf sind ausreichend Leihgeräte wie Tablets oder Laptops verfügbar. "Wenn mebis wieder ausfallen würde, haben wir Alternativen, um mit den Klassen zu kommunizieren, kein Problem." Hätten Schüler einmal keine Internetverbindung oder technische Probleme, "dann können Eltern in der Schule anrufen und wir finden eine Lösung", gibt sich Reitmeier zuversichtlich.

"Druck vom Kessel"

Und die Eltern? Auf sie kommt nun schließlich wieder die Doppelbelastung als Arbeitnehmer und Kinderbetreuer zu. Einen pauschalen Tipp, wie mit dieser Situation umzugehen sei, hat der Elternbeiratsvorsitzende am Weidener Elly-Heuss-Gymnasium, Frank Holzförster, nicht. "Dafür ist die Lage in den einzelnen Familien viel zu unterschiedlich." Ältere Schüler kämen, so Holzförster, mit dem Distanzunterricht meist recht einfach zurecht. "Wie aber bringe ich mein 10-jähriges Kind morgens um 8 Uhr zum Arbeiten? Da ist das Kultusministerium recht weit von der Realität in den Familien entfernt. Es hilft aber nichts, sich darüber aufzuregen. Wir müssen annehmen, wie es jetzt ist."

Eindringlich warnt Holzförster aber davor, zu große Panik vor möglichen Wissenslücken der Kinder durch ausgefallenen Unterricht zu haben. Zwar müssten die Anforderungen für Abschlussprüfungen möglicherweise modifiziert werden. Eine Gefahr, dass den Absolventen aber dadurch Zukunftsperspektiven verloren gingen, sieht er überhaupt nicht. "Hier dürfen die Eltern ruhig etwas den Druck vom Kessel nehmen. Wir brauchen später einmal Leute, die mit Schwierigkeiten umgehen können." Die Pandemie und die Querelen des Distanzunterrichts seien dafür Training genug.

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Mut zur Wissenslücke

Freilich, Unterricht sollte im Klassenzimmer stattfinden. Als eine Art Lern-Kollektiv. Jeder Pädagoge würde bestätigen, dass sich so die größten und nachhaltigsten Lernerfolge erzielen lassen. Dass das momentan nicht möglich ist, ist nicht gut. Wer aber nun meint, ein, zwei Monate Home-Schooling könnten dem Sprössling jedwede Karrierechance torpedieren, der verkennt die Realität. Erstens: Die Universitäten, Berufsschulen und Ausbildungsstätten werden auch im Herbst 2021 Absolventen aufnehmen..
Und zweitens: Lässt denn jede versäumte Minute Unterricht gleich die kognitiven Synapsen eines Schülers zerbröseln? Viel wichtiger als zu wissen, in welche Richtung sich die Zyklonen am indischen Subkontinent bewegen oder was es mit dem Terrassenpunkt eines Graphen auf sich hat, ist es doch, auch unter Druck Lösungen zu entwickeln. Bei Problemen nicht den Laptop zuzuklappen, sondern kreativ zu werden. So gesehen mag die Zeit im Home-Schooling für den ein oder anderen Schüler die lehrreichste seiner Laufbahn sein.

Florian Bindl

Hintergrund:

Was ab Montag an Bayerns Schulen gilt

  • Ab Montag, also nach den Weihnachtsferien, findet der Unterricht für alle Jahrgangsstufen und Schularten von zu Hause aus statt.
  • Präsenzunterricht ist vorerst und bis mindestens 29. Januar nicht angedacht. Danach ist eine stufenweise Rückkehr der Schüler, etwa im Wechselunterricht, möglich. Ein genauer Zeitrahmen dafür steht noch nicht fest.
  • Die Faschingsferien, die in der Woche zwischen dem 15. und 19. Februar angesetzt waren, entfallen. Ziel ist es in dieser Zeit, versäumten Stoff nachzuholen.
  • In allen Schularten werden die Abschlussprüfungen zeitlich verschoben. Details sollen mit den jeweiligen Verbänden abgesprochen werden. In Realschulen und Gymnasien werden die Schulaufgaben in den Klassen 5 bis 10 reduziert.

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