28.08.2019 - 17:55 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Dompteur der "Alphatiere"

„Bisweilen interessant“ sei es, im Stadtrat zwischen den unterschiedlichen Charakteren der Bürgerliste zu vermitteln. Fraktionschef Christian Deglmann bezeichnet die Seinen als „Alphatiere“.

Deutliche Fingerzeige: Fraktionsvorsitzender Christian Deglmann kündigt im Interview 40 Kandidaten für die Stadtratsliste der Bürgerliste an – aber keinen eigenen OB-Kandidaten.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Jede Menge davon fänden sich auch wieder auf der Stadtratsliste für 2020, kündigt er an – ohne Namen zu nennen. Nur eine Personalie ist offiziell: Benjamin Zeitler. Der OB-Bewerber der CSU ist auch der Wunschkandidat der Bürgerliste. Auch im Gespräch mit den Redakteuren Ralph Gammanick und Josef Wieder legt sich Deglmann mächtig ins Zeug für Zeitler.

ONETZ: Was macht die Stadtratsliste?

Christian Deglmann: Wir sind in den letzten Zügen. Ich gehe davon aus, dass wir das in den nächsten Tagen abschließen können, um uns dann auf den Wahlkampf einzuschwören.

ONETZ: Wie viele Kandidaten stehen bereit?

Christian Deglmann: Wir treten definitiv mit 40 Kandidaten an.

ONETZ: Ohne FDP-Bewerber und Freien Wählern?

Christian Deglmann: Die sind nicht dabei, die machen ihre eigenen Listen. Die Verständigung unter den kleinen Fraktionen ist gut. Es hat durchaus etwas mit Strategie zu tun, dass man mit eigenen Listen antritt.

ONETZ: Es bleibt dabei, dass Sie keinen eigenen OB-Kandidaten bringen?

Christian Deglmann: Ja, weil wir glauben, dass Benjamin Zeitler ein guter Kandidat ist. Wir unterstützen ihn - vorbehaltlich der Gespräche, die in den nächsten Tagen anstehen. Wir werden uns mit ihm treffen und auch einen Plan für die Zukunft mit Themen und Schwerpunkten entwerfen.

ONETZ: Die CSU ist bisher nicht auf Sie zugekommen wegen der Unterstützung, die sie schon mal angeboten hatten?

Christian Deglmann: Dr. Zeitler ist auf uns zugekommen und hat um Gespräche gebeten.

ONETZ: Was ist das für ein Gefühl, wenn man als Bürgerliste der CSU sagt, welchen OB-Kandidaten sie nominieren soll?

Christian Deglmann: Im Nachhinein haben wir Recht bekommen. In der CSU haben sich die Geister durchgesetzt, die ähnliche Blickwinkel auf die Kandidatenlandschaft hatten wie wir.

ONETZ: Sie haben sich ja eher um das Thema gekümmert als die CSU selbst.

Christian Deglmann: Wir haben aktiv Ausschau gehalten nach einem Oberbürgermeister. Barbara Klepsch (sächsische Staatsministerin, ehemalige Annaberger Oberbürgermeisterin, d. Red.) wäre natürlich eine absolute Granate gewesen für die Stadt Weiden. Wir hatten aber ein ganzes Spektrum an OB-Kandidaten, und irgendwann ist das Gespräch auf Zeitler gekommen. Er ist prädestiniert dafür: gut vernetzt, schlauer Kerl, politisch gewieft und gut organisiert. Der weiß, wo es hingeht. Und er hat Visionen für die Stadt. Das ist etwas, das ich bei Jens Meyer noch nicht erkenne. Er hat nie einen Impuls gesetzt für Weiden.

ONETZ: Haben Sie den Eindruck, die CSU ist nach dem Wechsel an der Fraktionsspitze stärker geworden?

Christian Deglmann: Weder stärker noch schwächer. Was ich an Markus Bäumler schätze: Er ist ein unheimlich kooperativer Kollege.

ONETZ: Wie viele Sitze strebt die Bürgerliste an?

Christian Deglmann: Das müssen wir dem Wähler überlassen. Wir wünschen uns so viel möglich, um auch einen gewissen Einfluss und ein entsprechendes Gewicht in spätere Allianzen einbringen zu können.

ONETZ: Rücken die Bürgerliste und die CSU wieder enger zusammen?

Christian Deglmann: Wir unterstützen den Kandidaten Benjamin Zeitler, aber ich bin mir sicher, dass wir auch zusammen mit der SPD Themen bearbeiten können, ebenso wie mit der CSU. Unsere Unterstützung gilt erstmal der Person Dr. Zeitler, weil wir glauben, sie ist die richtige Person zur richtigen Zeit am richtigen Fleck.

ONETZ: Was werden die Themen der Bürgerliste im Wahlkampf sein?

Christian Deglmann: Die werden wir bei einer Klausurtagung Ende September Anfang Oktober herausarbeiten. Sicher wird die wirtschaftliche Entwicklung der Stadt der Hintergrund sein, vor dem wir unsere politischen Themen aufreihen. Eines könnte die Gewerbesteuer sein.

ONETZ: Sie wollen sie senken?

Christian Deglmann: Ja, klar. Heben bringt ja keinen Mehrwert. Es gibt gute Beispiele in der Region, wo das gemacht wurde und es aktuell ziemlich gut funktioniert.

ONETZ: Für die wirtschaftliche Entwicklung spielt sicher auch das Gewerbegebiet West IV eine große Rolle.

Christian Deglmann: Das ist das Zukunftselexier, die Lebensader. Da wird sich die Entwicklung der Stadt entscheiden. Schade, dass es die Stadtspitze bis dato nicht geschafft hat, dieses Thema zum Abschluss zu bringen. Wir sind mittlerweile zehn Jahre in der Entwicklung. Und je länger wir warten, desto größer ist die Gefahr, dass das Thema aus München - Flächenfraß - in irgendeinem politischen Pamphlet zurückgespielt wird auf die Stadt Weiden und wir irgendwann dastehen ohne Flächen.

ONETZ: Warum dauert es so lange?

Christian Deglmann: Das ist der Stadtspitze geschuldet. Wir sehen es an verschiedenen Projekten links und rechts der Autobahn, was da in wesentlich kürzerer Zeit an Gewerbegebieten entsteht - in Wernberg oder Luhe-Wildenau. Wir fangen immer wieder neu an, brauchen immer wieder ein anderes Gutachten. Mir fehlt da der rote Faden, der Kopf an der Spitze, der den Takt vorgibt.

ONETZ: Was wäre mit einem "Gewerbegebiet Flugplatz"?

Christian Deglmann: Das ist per se okay, was die Grünen da vorschlagen. Es hat nur einen Riesennachteil: Es ist kleinparzelliert, und es gehört lauter Privateigentümern. Bringen Sie die mal dazu, ihre Flächen zu adäquaten Preisen zu veräußern. West IV hat den Vorteil, dass die Stadt alles in einer Hand hat. Ansiedlungspolitik kann man da aktiv gestalten.

ONETZ: Bei Halmesricht ist es doch auch gegangen.

Christian Deglmann: Oh, Wunder. Vielleicht deshalb, weil eine gewisse Privatperson involviert war. Wenn das nur die Stadtspitze angepackt hätte, wäre es in dieser Nachhaltigkeit nicht verfolgt worden.

ONETZ: Wird das NOC funktionieren?

Christian Deglmann: Ich hoffe, dass es stimmt, dass der Ankermieter seinen Einzug nur verschoben hat. Wir brauchen dieses Einkaufszentrum. Ich wünsche mir, dass es die Innenstadt belebt und wir uns anderen Baustellen widmen können.

ONETZ: Hat es die richtige Größe für Weiden?

Christian Deglmann: Da jetzt nachzukarten, macht keinen Sinn mehr. Wir haben uns jahrelang gestritten, um jetzt zu sagen, es ist doch zu groß? Das bringt niemandem was.

ONETZ: Was halten Sie von der neuen Sedanstraße? Ihr Fraktionskollege Stefan Rank hat ja eindringlich vor der jetzigen Lösung gewarnt.

Christian Deglmann: Da sieht man schon: Die Bürgerliste ist eine Gemeinschaft, in der unterschiedliche Meinungen toleriert und respektiert werden. Wir waren ja die Fraktion, die zusammen mit den Grünen diese "shared space"-Lösung in den Stadtrat eingebracht haben. Ich finde die Variante in Ordnung, glaube aber, dass wir dort am Ende eine Fußgängerzone sehen werden. Die Achse hinunter zum Rathaus würde hervorragend zum Stadtbild passen. Unsere Idee war auch immer, die Fläche Naabwiesenparkplatz - früher Kleingärten - nicht zu bebauen, sondern als Grünfläche/Park oder Kunstforum aufzuwerten. Das würde Großstadt-Flair nach Weiden bringen.

ONETZ: Was passiert dann mit dem ZOB?

Christian Deglmann: Den könnte man dort lassen.

ONETZ: Und für den Verkehr wäre der Verlust dieser Ache verkraftbar?

Christian Deglmann: Ich meine schon.

ONETZ: Was muss sich bei der Kliniken AG ändern?

Christian Deglmann: Gesundheit muss uns das Geld wert sein, das wir in die Kliniken AG stecken. Wir brauchen eine leistungsfähige, auf Top-Niveau ausgestattete Klinik, das ist ein absolutes Muss. In den letzten Jahren ist es seitens der Politik versäumt worden, entsprechende Weichenstellungen vorzunehmen. Wer häufig Aufsichtsratsvorsitzender war, muss ich Ihnen nicht erzählen: Kurt Seggewiß. Aufsichtsrat sein heißt zu beraten, aber auch zu kontrollieren. Ich frage mich, warum dieses Thema so plötzlich hochpoppt. Was ist in den letzten zehn Jahren passiert? Wer hat da richtig kontrolliert? Für manche Politiker ist das Amt einfach zu groß. Da gehört auch die Stadtspitze dazu. Die Kliniken AG ist sicher auch in den nächsten Jahren eine Mammutaufgabe.

ONETZ: Muss sich der Landkreis Neustadt stärker beteiligen?

Christian Deglmann: Klar, dass man einen Weg aus dieser Marginalbeteiligung von 1,5 Prozent finden muss. Aber wir reden darüber seit mehr als zehn Jahren. Das Thema kocht immer wieder hoch, wird besprochen, aber es wird nicht gehandelt. Dieses stringente Handeln nach dem Erkenntnisgewinn vermissen wir.

ONETZ: Sie sind gerade sehr angriffslustig. Im Stadtrat fällt uns aber auf, dass die Bürgerliste zahmer geworden ist. Täuscht der Eindruck?

Christian Deglmann: Wir haben bestimmte Rollen. Als Fraktionssprecher bin ich auch der, der sich mit den angegriffenen Personen bei dem einen oder anderen Thema arrangieren muss. Wir haben schon kritische Leute in der Fraktion. Ich erinnere an die verschiedenen Rüffel, die Theodor Klotz verteilt hat. Oder an die Wortbeiträge von Stefan Rank. Da braucht es eine integrative Person, die auch mal die Hand draufhält. Ich muss den Stefan Rank häufig bremsen, sonst würde er seinen Kollegen manchmal noch deutlicher die Meinung sagen. Auch wenn ich ihn oft verstehen kann.

ONETZ: Sie selbst haben früher oft die Stadtkämmerin angegriffen.

Christian Deglmann: Eine kritische Auseinandersetzung ist der Sache doch förderlich. Wir sind ja nicht dazu da, gemeinsam Kindergeburtstag zu feiern.

ONETZ: Und keiner ist nachtragend?

Christian Deglmann: Nein, die Diskussion findet im Stadtrat statt, spätestens beim Bierchen danach bin ich abgekühlt und wieder im ganz normalen Modus. Ich hoffe, dass es jeder andere Stadtrat genauso hält.

ONETZ: Nach wie vor gibt es Kritik, dass sich manche Diskussionen aus den Ausschüssen im Stadtrat wiederholen - weil Mitglieder der Bürgerliste nicht auf dem aktuellen Informationsstand sind.

Christian Deglmann: Die Kritik ist unangebracht. Wir sind die kleinste Fraktion mit den Grünen, denen der Vorwurf übrigens auch gemacht wird. Eine kleine Fraktion hat ein logistisches Problem, was das Meinungsbild in den verschiedenen Ausschüssen angeht. Auch in den großen Fraktionen wissen oft nur eine Handvoll Leute im Detail Bescheid. Von uns wird erwartet, dass wir jedes Detail von jeder Geschichte wissen. Wir bemühen uns redlich, alle Informationen zu erfassen und in der Fraktion zu spiegeln.

ONETZ: Bleiben Sie 2020 als Fraktionsvorsitzender bei der Stange?

Christian Deglmann: Wenn meine Kollegen das wollen. Mir macht Politik Spaß, und mir liegt die Stadt am Herzen. Weiden braucht die Bürgerliste, sonst wäre manches Thema anders verlaufen. Und wir werden sowohl von der einen als auch der anderen Seite immer wieder als Mehrheitsbeschaffer sucht. Das führt zu fruchtbaren Gesprächen.

ONETZ: SPD-Fraktionschef Richter hat bedauert, dass er immer Kompromisse schließen muss.

Christian Deglmann: Er spricht aus der Position der Macht. Und auch wenn er seine Distanz zum OB betont, so hat die SPD doch immer einen Meinungs- und einen Wissensvorsprung und spielt ihn in allen Belangen aus.

ONETZ: Wie schwierig ist es, eine Fraktion mit so unterschiedlichen Charakteren wie Klotz und Rank zusammenzuhalten?

Christian Deglmann: Wir haben tatsächlich ein breites Spektrum auf unserer Kandidatenliste, und ich will nicht verhehlen: Es gibt viele Alphatiere darunter, die es gewohnt sind, Meinungsführung zu übernehmen. Wenn Sie die unter einen Hut bringen müssen, ist das bisweilen... interessant. Dieses Problem ist in anderen Fraktionen nicht ganz so ausgeprägt. Deswegen ist die Bürgerliste in mancherlei Hinsicht Meinungsführer. Auch wenn die Mehrheit dann mal anders ausfällt. Diese offene Meinungsbildung spornt die Stadt aber auch an.

Christian Deglmann macht aus halben Sätzen ganze:

Punktpunktpunkt

•Fraktionschef zu sein, bedeutet für mich…

Deglmann: ...Verantwortung zu haben und alle verschiedenen Meinungen bündeln zu können.

•Und für die Fraktion bedeutet es...

Deglmann: ...hoffentlich keine Belastung.

•Mein größter Erfolg der letzten Jahre ist…

Deglmann: ...verhindert zu haben, dass die Realschule an Ort und Stelle nochmal neu gebaut wird.

•Mein größter Misserfolg ist...

Deglmann: ...es nicht geschafft zu haben, ein schöneres Realschul-Schwimmbad politisch durchzusetzen.

•Mein Lieblingskollege im Stadtrat ist…

Deglmann: ...Roland Richter, weil ich seine Wortgefechte schätze.

•Mein größtes politisches Ziel ist…

Deglmann: ...die Stadt Weiden voranzubringen.

•Meine schlimmste Befürchtung für die Wahl 2020 ist…

Deglmann: ...dass Jens Meyer Oberbürgermeister wird.

•Der beste Oberbürgermeister für Weiden wäre…

Deglmann: ...Benjamin Zeitler.

•Das Gewerbegebiet West IV bedeutet für Weiden…

Deglmann: ...Zukunft.

•Am Eröffnungstag des NOC denke ich an…

Deglmann: ...lange Jahre der Durststrecke.

•Die Stromtrasse Süd-Ost-Link ist für mich…

Deglmann: ...überflüssig.

•Wenn ich mir die sanierungsbedürftigen Schulen so ansehe...

Deglmann: ...dann weiß ich, wo unser Geld hingehen müsste.

•Ein neues Kino wäre für Weiden…

Deglmann: ...eine von vielen wünschenswerten Sachen für Weiden.

•Der Weidener Sport braucht…

Deglmann: ...Sportler.

•Nach 13 Jahren OB Seggewiß ist Weiden…

Deglmann:..naja, ich sag's mal gelinde: in einem maximal durchschnittlichen Zustand.

Sommer-Interviews mit den Weidener Fraktionsvorsitzenden, Teil 1

Weiden in der Oberpfalz

Für Sie empfohlen

 

Videos aus der Region

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.