05.08.2021 - 21:45 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Flutkanal-Prozess: Nebenklage fordert lange Haft

Die ersten Plädoyers der Anwälte zeigen, wie viel Konfliktstoff im Flutkanal-Prozess steckt. Der erste Verteidiger fordert Freispruch, der Nebenklagevertreter eine noch härtere Strafe als der Staatsanwalt: bis zu 15 Jahre Haft.

Nebenklagevertreter Rouven Colbatz fordert harte Strafen im Flutkanal-Prozess für die drei Angeklagten.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Die Atmosphäre im Saal vor der großen Strafkammer des Schwurgerichts Weiden ist am Donnerstag giftig. Die Sitzung wird häufig nach fünf bis zehn Minuten stundenlang unterbrochen, weil neue Beweisanträge der Rechtsanwälte der drei Angeklagten Gerhard Z., Ariane I. und Alex B. (Namen geändert) bewertet werden müssen.

Da sie durch die Bank abgelehnt werden, stehen Revisionsandrohungen und Vorwürfe im Raum, im Verfahren gehe es "rechtswidrig" und "hanebüchen" zu. Trotzdem können von 17 bis 20 Uhr noch Rouven Colbatz und Christian Krauße wie geplant plädieren. Kraußes Mandant ist Alex B., der Fahrer der Gruppe, die am 11. September 2020 in Sulzbach-Rosenberg zu einer Zechtour nach Weiden aufbrach, die für einen 21-Jährigen mit dem Tod im Flutkanal endete.

Krauße fordert Freispruch für B. Der habe die Situation an jenem Abend nicht richtig eingeschätzt und leide darunter. Es ändere nichts an der Tragik, wenn er, wie vom Staatsanwalt gefordert, viereinhalb Jahre ins Gefängnis gehe. Krauße zeichnet die Rolle seines Mandanten als ungewollt unglücklich nach. Erst sei er der Fahrer der Gruppe, der nicht einmal ein Getränk für seinen Service spendiert bekomme, dann ziehe er sich aus der Shisha-Bar, in der die anderen drei trinken, zum Auto ins Parkhaus zurück, um den anderen nicht den Abend zu verderben. Weil die Kumpels nicht genug Geld dabei haben, muss er obendrein noch für einen Teil der Zeche geradestehen.

Lachen falsch interpretiert

Da darf man schon mal schlecht drauf sein. Hinzu komme eine belegbare Schulterverletzung. Als Moritz G. gegen 22.21 Uhr ins Wasser fiel, wo er drei bis fünf Minuten später ertrunken sein soll, habe B. auf dem Weg oberhalb des Flutkanals gewartet. Weil zur gleichen Zeit Ariane I. und Gerhard Z. sich unmittelbar am Ufer beim volltrunkenen Moritz befanden, habe der Fahrer manches nicht einordnen können. Als Ariane I. Instagram-Videos vom hilflosen Moritz macht und dabei lacht, habe er das Lachen so interpretiert, dass dort am Fluss alles halb so wild sei.

Eine Garantenstellung, sprich eine Beschützerpflicht für Moritz, habe B. als Fahrer nicht automatisch gehabt. Im Übrigen habe sich das Angeklagten-Trio nach dem Wassersturz des 22-Jährigen sehr wohl auf die Suche gemacht und sei nicht mir nichts, dir nichts nach Hause gefahren. Das belegten Aufzeichnungen der Videokamera am Parkhaus Friedrich-Ebert-Straße. Krauße: "Alex B's Verhalten war nicht monströs."

Oh doch, hatte Rouven Colbatz eine Stunde vorher erklärt. Was die drei Angeklagten vor Gericht so alles erzählt hätten, entpuppe sich zum Teil als "schockierend, befremdlich und völliger Quatsch". Die Aussage, die Videos seien nur entstanden, weil man die Taschenlampenfunktion am Handy nicht gefunden habe, gehöre in diese Kategorie.

"Gleichgültig und empathielos"

Colbatz plädierte auf Totschlag durch Unterlassen. Das bedeutet unterlassene Hilfeleistung mit Vorsatz. Darauf stehen 5 bis 15 Jahre hinter Gittern. Das ist mehr als Staatsanwalt Bernhard Voit eine Woche zuvor gefordert hatte, indem er auf Aussetzung mit Todesfolge plädierte.

Mildernde Umstände hat Colbatz im Prozessverlauf nicht ausgemacht. "Sie hätten Moritz auch in den Kanal reinschmeißen und anschließend Ihr Video drehen können. Das wäre aufs Gleiche rausgekommen. Die Jagd nach Instagram-Posts und -likes steht bei Ihnen an oberster Stelle, das ist strafverschärfend," warf er den Angeklagten vor. Im Gegenteil, das Trio habe im Saal sogar einen fidelen Eindruck gemacht und sei zum Schäkern aufgelegt gewesen. Hätten die Angeklagten ihr Handy statt zum Filmen dazu benutzt, um Hilfe zu holen, hätten sie versucht, Moritz aus dem Wasser zu ziehen oder hätten sie verhindert, dass er dort hineinfällt, könnte der junge Mann noch leben.

Stattdessen hätten die Angeklagten das "Feuer der Hölle angefacht, die die Eltern von Moritz nun durchleben". Gleichgültig, empathielos seien alle drei. Egal, wie das Gericht entscheide: "Sie haben Moritz auf dem Gewissen."

Mögliche Wende im Flutkanal-Prozess

Weiden in der Oberpfalz
Hintergrund:

So geht es weiter

  • Verhandelt wird der Ertrinkungstod von Moritz G. aus Sulzbach-Rosenberg. Er war zusammen mit zwei jungen Männern aus Sulzbach und einer jungen Frau am 11. September in Weiden auf Zechtour. Nach einem Streit ist er in den Flutkanal gefallen und ertrunken. Den drei Begleitern wird Totschlag durch Unterlassen (Mindeststrafe 5 Jahre) bzw. Aussetzung mit Todesfolge (3 Jahre) zur Last gelegt, weil sie keine Rettungsversuche unternommen haben sollen.
  • Die nächsten Verhandlungstermine sind am 13 und 18. August. Das Urteil wird am 20. August erwartet.

 

 

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