24.10.2021 - 17:44 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Das große Geschäft mit Fußballdaten: Spieler drohen mit Klagen

Unternehmen verdienen mit Daten wie Laufdistanzen und Passquoten viel Geld. Hunderte britische Fußballer wollen nun dafür entschädigt werden. Es ist eine milliardenschwere Branche, die bis in die Oberpfalz reicht.

Unsere Bildmontage zeigt: Daten der verschiedensten Art werden erhoben und miteinander verknüpft.
von Sebastian Böhm Kontakt Profil

Thomas Müller, Position Mittelfeld, spielt beim FC Bayern und hat in München einen geltenden Vertrag bis zum Jahr 2023. Er ist 32 Jahre alt, 186 Zentimeter groß und wiegt 76 Kilogramm. Bisher hat er jedes Spiel in dieser Bundesliga-Saison bestritten, er hat drei Tore erzielt, sechs Vorlagen gegeben und wurde sechs mal ausgewechselt. In neun Partien ist er in insgesamt 707 Minuten 88,67 Kilometer gelaufen, das sind durchschnittlich 11,29 Kilometer pro Spiel.

Nicht einmal eine Minute hat es gedauert, online diese Daten über Thomas Müller zu finden - und das ist nur eine dünne Schicht an der Oberfläche des Daten-Angebots zu diesem Spieler. Aber nicht nur Fans interessieren sich für diese Daten, es wird schon seit vielen Jahren Geld mit ihnen verdient – verdammt viel Geld. Es ist eine milliardenschwere Industrie um Torschüsse, Passquoten und Laufdistanzen entstanden.

In Großbritannien drohen nun allerdings Hunderte Fußballspieler mit Klagen gegen Firmen, die mit diesen Spielanalysedaten Geld verdienen. Die Sportler wollen für ihre Daten künftig bezahlt werden – und haben dafür 17 von 150 avisierten Unternehmen angeschrieben, mit der Ankündigung, notfalls auch vor Gericht zu gehen. Laut dem britischen Sender "BBC" wollen 850 Spieler für die vergangenen sechs Jahre kompensiert werden, in denen mit ihren Leistungsdaten gehandelt wurde. Sie fordern außerdem eine jährliche Provision. Angeführt werden die Fußballer von Russel Slade, der ehemals den walisischen Klub Cardiff City trainiert hat. Als Grundlage für die Vorwürfe dient die Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO).

"Es ist unglaublich, wo sie überall genutzt werden. Es gibt über 7000 Informationen über einen einzelnen Spieler aus einem Fußballklub aus einer niedrigen Liga", sagte Slade der "BBC". Und über die erste und zweite Liga würde er da noch gar nicht sprechen. "Ich habe mich immer mehr damit beschäftigt und gesehen, wie unsere Daten genutzt werden, auf wie vielen Kanälen sie ausgespielt werden, wie viele unterschiedliche Unternehmen sie nutzen. Ich finde, dass wir Spieler das Recht haben sollten, mitentscheiden zu dürfen, wer sie nutzen darf", erklärte der ehemalige walisische Nationalspieler Dave Edwards, der einer der 850 beteiligten Spieler ist. "Es gibt Firmen, die diese Daten ohne die Zustimmung von Spielern aufzeichnen und verarbeiten. Das ist nicht richtig", legte Slade noch einmal nach.

Leipzig und Salzburg als Kunden

Auch in der Oberpfalz gibt es ein Unternehmen, welches mit Fußballdaten Geld verdient: die "International Soccer Bank" (ISB) - eine Fußballdatenbank, die Vereine und Verbände mit Millionen von Daten über Fußballspieler beliefert. Zu den Kunden gehören beispielsweise die Vereine RB Leipzig und Red Bull Salzburg. Die ISB hat ihren Firmensitz in Neustadt an der Waldnaab. Die Brüder Jürgen und Thomas Kost haben sie aufgebaut. Beide waren lange Scouts beim Premiere-League-Klub Arsenal London. Aber auch in der Nordoberpfalz sind sie stark verwurzelt. Jürgen Kost trainierte zuletzt den 1. FC Schwarzenfeld, früher auch den TV Nabburg und den TuS Schnaittenbach.

"Die neuen Messis, die neuen Ronaldos, die gibt es bereits", erklärt Jürgen Kost. Sein Unternehmen wolle die Vereine, also seine Kunden, dabei unterstützen, diese Superstars möglichst in einem Alter zu entdecken, in der sie für diese noch bezahlbar seien. Die ISB stellt eine Fülle von Daten über Spieler bereit und ihre Kunden können diese selbst interpretieren und daraus Schlüsse ziehen. Kost bestätigt auf Anfrage von Oberpfalz-Medien auch, dass sein Unternehmen nicht zu den angeschriebenen 17 Firmen gehört. Er mache sich auch keine Sorgen, da die ISB nicht gegen die geltenden Datenschutzregeln verstoßen würde.

"Es ist ein schmaler Grat", sagt Christian Volkmer. Er ist Datenschutzbeauftragter des SSV Jahn Regensburg und Geschäftsführer von "Projekt 29", einer Firma, die bei Datenschutzfragen berät. Zum einen seien für ihn die Proteste der Fußballer nachvollziehbar. Zum anderen müsse man bei dem Thema genau darauf schauen, welche Daten betroffen seien. "Bei den Gesundheitsdaten und Leistungsdaten haben die Fußballer sicher ganz gute Chancen", schätzt Volkmer ein. Denn diese seien durch die Datenschutz-Grundverordnung besonders geschützt – das würde sogar bei Personen des öffentlichen Interesses gelten. Bei Daten wie Position und Passquote sehe das schon wieder anders aus. Diese könne jeder Zuschauer ja nachvollziehen und zur Not auch selbst erheben.

Daten alleine sind nicht alles

"Ich halte mich eher von Daten fern", erklärt Alexander Bugera, der ehemalige Fußballprofi aus Amberg arbeitet aktuell als U-19-Trainer des 1. FC Kaiserslautern. Seiner Meinung nach helfen Daten bei der Beurteilung eines Spielers nicht so viel wie die meisten denken – besonders bei Nachwuchsspielern sei das der Fall. Da sei alles schon ein bisschen komplexer. "Pubertät, Probleme mit der ersten Freundin und so weiter", diese Themen würden auch die Leistung beeinflussen, seien aber aus reinen Zahlen nicht herauszulesen. "Ein Spieler kann eine super Ausdauer haben, wenn er nicht mit Druck umgehen kann, hilft ihm das nicht viel", sagt Bugera.

"Bis zu einem gewissen Maß kannst du viele Dinge messen", erklärt Jürgen Kost. Dennoch sei auch er kein Fan von zu schnellen Beurteilungen aufgrund einer oberflächlichen Datenbasis. Auch Laufdaten und Zweikampfquoten müssten in einen Kontext gestellt werden. "Ein intelligenter Spieler muss vielleicht auch nicht so viel laufen oder Zweikämpfe führen wie andere", sagt er.

Christian Volkmer finde es richtig, dass die 850 Spieler von der Insel diese Debatte nun führen wollen. Denn hier handele es sich um ein Thema, bei dem unbedingt eine Lösung gefunden werden müsse. "Eigentlich ist es ganz einfach: Die Spieler wollen gefragt werden", erklärt er. Mit einer schriftlichen Einwilligung wäre dieses Problem erledigt. Auch Geldkompensationen könnten helfen. "Laut der DSGVO ist das zwar nicht vorgesehen, es kann aber ein Anreizmodell sein."

Er verstehe sowieso nicht, warum der Datenschutz keinen guten Ruf genießt. "Wir haben irgendwann nicht mehr in der Hand, welche Schlüsse über uns gezogen werden." Der Datenschutz sei die "letzte große Barriere" vor diesen Dynamiken. Es passiere so viel mit ihren Daten im Hintergrund. Der Großteil der Spieler würde das gar nicht mehr verstehen und mitbekommen. "Diese Automatisierung gilt es jetzt eben zu vermeiden", sagt Volkmer.

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