Mehr als eine Dreiviertelstunde verstrich, bis Staatsanwalt Matthias Bauer die Liste der Anklagepunkte vorgetragen hatte. Der Beschuldigte, ein 45-jähriger Immobilienmakler aus Altenstadt/WN, stützte immer wieder die Stirn in die Hände oder nestelte an seiner Fußfessel. Er ist schlaksig, trägt ein langärmeliges, cremefarbenes Shirt, dazu Jeans und Sportschuhe. Seit März sitzt er in Untersuchungshaft.
An diesem Montag, 2. Juni, begann am Weidener Landgericht die Hauptverhandlung in einem spektakulären und komplexen Betrugsprozess. Die Staatsanwaltschaft beziffert die Schadenssumme in der Anklageschrift auf mehr als 800.000 Euro. Dem Immobilienmakler drohen je nach Prozessverlauf rund sechs Jahre Gefängnis. Bei einem raschen Geständnis könnten vier Jahre Haft möglich sein. Diese Lösung schien im Februar bereits in Aussicht. Doch der Angeklagte gestand bislang nicht. Im Gegenteil: Es stieg mit Stephan Lucas ein zusätzlicher Verteidiger, noch dazu ein TV-Anwalt und Star auf Kreuzfahrtschiffen, ein. Am Montag ließ der sich allerdings nicht blicken, zur Verwunderung des Angeklagten und seines "ersten" Anwalts Oliver Plate.
2022 schon verurteilt
Der Fall vereint mehrere Anklageschriften. Darunter ist ein Berufungsprozess. Denn: 2022 hatte das Amtsgericht den Makler und dreifachen Vater bereits zu einem Jahr und neun Monaten Haft ohne Bewährung verurteilt. Das Gericht kam zu dem Schluss, dass er mehrere Spieler der Blue Devils Weiden mit fingierten Rentenversicherungen betrogen und Provisionen eingesteckt habe. Auf einen Spieler liefen demnach beispielsweise zwölf Versicherungen. Der Mann war mit seiner Firma von 2014 bis 2016 Hauptsponsor des Weidener Eishockeyvereins. Gegen das Urteil ging er mit seinem Anwalt Oliver Plate in Berufung.
Dieser Fall dürfte indes nur ein kleiner Teil in einem Netz von Betrügereien des Immobilienmaklers gewesen sein. Die weiteren Vorwürfe gehen erheblich weiter. Die Geschichte gleicht einem Schneeballsystem, bei dem Finanzierungslücken wohl stets mit neuen Krediten und vermeintlichen Investments gestopft wurden. Es geht in Summe um nicht weniger als 20 Fälle des mutmaßlichen Betrugs.
Im Kern soll der Angeklagte etwa vorgespiegelt haben, als Vermittler beim Immobilienkauf helfen zu können. Die Geschädigten sind laut den Vorwürfen teils Angestellte von ihm, teils aber auch Personen, die er über Dating-Plattformen kennengelernt haben soll. Ebenso ist einer seiner besten Freunde mit einem Schaden von mehr als 300.000 Euro darunter. Seine Opfer hätten über ihn als Vermittler hohe Summen als Kredit aufgenommen. Die Zins- und Tilgungsverpflichtungen habe der 45-Jährige dann zu übernehmen versprochen. Die Immobilien-Investments, etwa für Häuser in Mantel, aber auch in der ehemaligen DDR, kamen nie zustande.
Stattdessen soll der Angeklagte die fünf- bis sechsstelligen Beträge behalten oder nur in Teilen zurückgezahlt haben. Auch habe er in mehreren Fällen versprochen, den schon abgeschlossenen Kredit durch einen besseren, etwa mit deutlich kürzerer Laufzeit, ablösen zu können, und so weitere fünfstellige Beträge eingenommen. In anderen Fällen habe er einen lukrativen Immobilienfonds fingiert oder den Opfern die Rendite beim Weiterverkauf von renovierten Gebäuden versprochen. Die Geschädigten zahlten stets mehrere Zehntausend bis Hunderttausend Euro.
Angestellte betroffen
Wieder andere mutmaßliche Betrugsfälle beziehen sich auf Angestellte, denen er Lebens- oder Rentenversicherungen vermittelt haben soll, die diese aber aufgrund hoher monatlicher Kosten bei geringem Verdienst gar nicht bezahlen konnten. Er selbst habe je Versicherung mehrere Tausend Euro Provision eingesteckt.
Auffällig sind zwei Vorwürfe, laut denen er Sportvereine als Sponsor geschädigt haben soll. Der SpVgg Weiden habe er Trikotsätze und ein mehrjähriges Sponsoring versprochen. Von den zugesagten rund 63.000 Euro zahlte er aber nur etwa 29.000. Ähnlich erging es dem DEL-Club Ice Tigers Nürnberg. Ihm soll er rund 35.000 Euro zugesagt, aber nur 3.800 Euro als Sponsor geleistet haben.
In Summe betrage der Schaden laut Anklage gut 800.000 Euro. Dem Makler habe in den vorgetragenen Fällen, sagte Staatsanwalt Matthias Bauer, bewusst sein müssen, dass er „überhaupt nie in der Lage gewesen ist, die Beträge zurückzuzahlen“. Denn: Der 45-Jährige ist seit Jahren massiv verschuldet (gut 500.000 Euro), hat Verbindlichkeiten von weiteren 270.000 Euro sowie ein notarielles Schuldanerkenntnis von rund 300.000 Euro. Macht in Summe: rund eine Million Euro. Staatsanwalt Bauer sprach mehrmals von einer „desolaten finanziellen Situation“ des Maklers.
"Exzessiver Lebensstil"
Mit den Betrügereien habe er sich laut Staatsanwaltschaft eine „Einnahmequelle von einiger Dauer und einigem Gewicht“ verschafft, um seinen „exzessiven Lebensstil zu finanzieren“. Er soll unter anderem eine hochpreisige Fahrzeugflotte besitzen oder besessen haben. Personen, die ihn entfernt kennen oder damals beobachtet haben, beschreiben ihn als äußerst selbstbewusst und charismatisch im Auftreten.
So spektakulär der Fall klingt, so wenig passierte zum Prozessauftakt. Weder der Angeklagte noch sein Anwalt sprachen öffentlich vor Gericht. Nach dem Verlesen der Anklage und einem Rechtsgespräch endete die Verhandlung um die Mittagszeit. Am Freitag, 6. Juni, geht es weiter. Dann soll der Insolvenzverwalter des Angeklagten als Zeuge aussagen. Ob der Marathon an Verhandlungstagen (bis Oktober) nötig wird, ist unklar. Dem Vernehmen nach ist weiterhin auch ein rasches Geständnis denkbar, dessen Folge womöglich auch eine kürzere Haftstrafe wäre.















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