31.07.2020 - 14:46 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Honigkrieg" zwischen Weiden und Neustadt endet vor 500 Jahren

Stadt und Land hatten seit jeher ihre Probleme miteinander. Es kommt immer wieder zu Streitpunkten. Vor rund 500 Jahren eskalierte es.

Ob es sich bei dem Streit um dieses Kreuz (oder ein Vorgängerkreuz) an der Hammerwergstraße handelt, ist nicht gänzlich gesichert. Im Stadtarchiv gibt es zum Kreuzstandort keinerlei Unterlagen.
von Rainer ChristophProfil

Streitpunkte gab es schon viele zwischen der Stadt Weiden und Landkreisgemeinden und -Städten. Die Bürger jedoch fahren vom Umland aus gern nach Weiden, genießen die Innenstadt und das Einkaufen. Von den Weidenern wird der Landkreis gern für Ausflüge genutzt. Doch es gab eine Zeit, in der ein derartig gespanntes Verhältnis herrschte, dass sich ein Bürger aus Weiden in Acht nehmen musste, wenn er in die Nähe der Stadtgrenze zu Neustadt kam.

Betrat er dabei die Stadt, musste er sogar Übergriffe oder längere Gefangenschaft in Kauf nehmen. Es war die Zeit des "Honigkriegs", der insgesamt drei Jahre von 1534 bis 1537 dauerte.

Ursprung allen Übels war die Auslagerung des Friedhofes in Weiden zwischen 1524 und 1528. Der Friedhof sollte mit einer Steinmauer umfasst werden. Für diese Arbeit erhielt der Werkmeister Jörg Fux den Auftrag, sämtliche Steinkreuze aus den Fluren und Kapellen zu verwenden, und diese „zu einer besseren christlichen Erinnerung zu Gesicht ordentlich einzusetzen und zu vermauern". Gemeint waren vorrangig die Sühnekreuze.

So wurde bei dieser Aktion ein Kreuz entfernt, das sich zwischen der Salzbrücke und dem Forst "Bei den Eichen" in Richtung Hammerweg/Altenstadt befand. Auf diesem Platz wurde ein Neustädter namens Arnold, der vom Wochenmarkt in Weiden heimging, von einem anderen Neustädter erschossen. Dieser musste zur Sühne das Kreuz aufstellen. Und hier nahm das Unheil seinen Gang.

Sofort nach dem Entfernen beschwerte sich der Neustädter Pfleger Christoph Poß beim Magistrat der Stadt Weiden und verlangte die Herausgabe des Kreuzes, da es ja auf Neustädter Territorium stand. Am 25. Juli 1534 ging aus dem Rathaus in Weiden ein Entschuldigungsschreiben bei ihm ein. Darin die Bitte, es dabei bewenden zu lassen. Zwei Ratsherren machten sich auf nach Neustadt, um den Fall näher zu klären. Doch sie kamen zu spät. Poß schickte sie heim, er hatte den Fall bereits an die Regierung weitergegeben. Ein Zeichen dafür, dass es eine streit- und händelsüchtige Zeit war. Bereits beim geringsten Vorfall machte man aus der Mücke ein Pferd.

Die Herrschaft Störnstein, in der Neustadt lag, gehörte in dieser Zeit Wolf von Guttenstein und war bis 1806 böhmisches Lehen. Auch hier gab es Spannungen zwischen Böhmen und der Pfalz, die mit dem Schutz des Klosters Waldsassen zusammenhingen. Als 1525 der damalige Abt Niklas nach Böhmen floh, da es im Stiftland zur Bauernaufruhr kam, verhinderte Pfalzgraf Friedrich durch sein Erscheinen eine Ausweitung und versprach den Stiftländern Privilegien. Dem Abt aber war dies nicht Recht, er wollte sich an Böhmen anlehnen. Das führte zu langen Streitigkeiten und zur Stimmungsmache in der Pfalz gegen Böhmen. Nun war man umgekehrt in Böhmen froh, endlich einen handfesten Grund zu haben, um neue Händel auszutragen. So fand der Störnsteiner Graf fand bei König Ferdinand sofort ein offenes Ohr.

Am 15. August 1534 ging ein längeres königliches Schreiben aus Prag an Pfalzgraf Friedrich. Da war die Rede von einem "mutwilligen Vorgehen" beim Abbruch des besagten Steinkreuzes. Von "Frevel" und einer "Schmälerung des Eigentums der böhmischen Krone" war die Rede. Und es wurde konsequent angemahnt, dass das Kreuz "ohne Verzug" am gleichen Ort wieder errichtet werden müsse. Unterschreiben wurde der Brief vom böhmischen König und von seinem Kanzler Johann Pflug zu Rabenstein (den Rabensteinern gehörte einst Altenstadt).

Der Brief kam am 29. August an die damalige Regierung nach Neumarkt, dort war man äußerst bestürzt, da diese gar nicht wusste, worum es eigentlich ging. Nun drehten die Weidner, nach vergeblicher Entschuldigung, den Spieß um. Den Neustädtern wurde anhand des Salbuches nachgewiesen, dass das Kreuz gar nicht auf böhmischen Grund stand, sondern pfälzisch war. Überprüft wurde die Angelegenheit vom Landrichter in Parkstein und dem Stadtrichter. Beide bestätigten, dass es sich um ein Sühnekreuz und nicht um einen Grenzstein handle und besagtes Streitobjekt tatsächlich auf Weidener Grund stand.

Dieser Tatbestand wurde dem Störnsteiner Pfleger zugestellt, der sich aber nicht zufrieden gab. Er machte Stimmung beim böhmischen König, sprach von einem erdichteten Schreiben der Weidener und bestand darauf, dass die Halsgerichtsbarkeit Störnsteins bis an die Schweinsnaab gehe. Von Weiden würde dieser Tatbestand schon mehrmals ignoriert. Dabei bracht der Landrichter unter anderem den Fall eines sechs Jahre zuvor ertrunkenen Webers vor, der von den Weiden aus unrechtmäßig begraben wurde, obwohl er doch „an das Ufer des Störnsteiner Gebiets angeschwemmt wurde“.

Der Fall sollte noch lange nicht zu Ende sein, schon deswegen, weil der Pfleger die böhmische Krone hinter sich wusste. So musste ein Fall herhalten, der ebenfalls einige Jahre zurücklag. Es handelte sich um den sogenannten Honigzoll. In Neustadt musste jeder Weidener Bürger für eine Tonne Honig drei Pfennige abgeben, wogegen sich die Stadt Weiden mit aller Macht wehrte.

Aus Rache hoben sie drei Guttensteiner Bürger auf. In Zeiten des Faustrechts verstand man unter dem Begriff "aufheben", einfach einige Ahnungslose zu überfallen und diese so lange gefangen zu halten, bis die andere Partei aufgab. Die Neustädter lenkten ein, doch nach dem Vorfall mit dem Sühnekreuz wurde die Steuer aus reiner Schikane erneut erhoben. Nun fingen sich die Weidener im Gegenzug vier Neustädter und einige Bauern. Unter großem Triumph wurden diese in die Stadt geführt. Man saß zu Gericht und setzte sie fest. Der Störnsteiner Pfleger berichtete postwendend seinem König. Dieser schaltete den obersten Landrichter des böhmischen Königreichs ein. Im schroffen Ton wurde der Neumarkter Regierung ein Ultimatum gesetzt. Die Gegenseite ließ sich jedoch nicht einschüchtern und ermunterte die Weidener, nicht nachzugeben. Die Stadt bemühte sich weiter, ihre Rechte nachzuweisen. Bei allen älteren Leuten wurde Vernehmungen über ehemalige Morde, Diebstähle, Jagd- und Forstfrevel in den letzten Jahrzehnten zwischen der Salzbrücke und dem Forst angestellt.

Das Verhältnis zwischen Neustadt und Weiden war zwischenzeitlich zu einem Kleinkrieg ausgewachsen. Jeder suchte, wo er nur konnte, dem anderen Bürger und Bauern abzufangen. Keiner ging auch mehr nur in die Nähe der Stadtgrenze. So schlossen die Weidner sogar bei Tag ihre Stadttore und stellten bei Nacht doppelte Wachen auf. Am 20. April 1535 schnappten sich die Neustädter drei Klobenreuth Bauern (sie waren damals Untertanen von Weiden) und drei Stadtbürger namens Bartelmes Beck, Hans Bauer und den Bürgersohn Hans Weyßmayer, die vom Markt aus Tirschenreuth kamen. Dem Bürgersohn kam der Fall gar nicht gelegen, er wollte am 26. April Hochzeit halten und hatte bereits viele auswärtige Gäste eingeladen. Die Neustadter blieben trotz aller Bitten hart und die Hochzeit konnte nicht stattfinden.

Sofort rächten sich die Weidener und "verstrickten" drei Neustädter und vier Störnsteiner Bauern. Da dies immer weiter ging, wandte man sich erneut an die Obrigkeit. Nach langem Hin und Her forderte Pfalzgraf Ferdinand den Honigzoll anzuerkennen und das Kreuz und den Ertrunkenen herauszugebend. Es ist nicht gesichert, was daraus wurde, da das Antwortschreiben verschollen ist. Scheinbar wurde es aber dann doch ruhig. Nur der Streit um den Honigzoll tauchte 1537 wieder auf.

So kam Witt nach Weiden

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