14.06.2021 - 16:50 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Leben mit "Long Covid": So geht es Corona-Patienten nach einem Jahr

Über 7000 Menschen aus Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN haben sich mit dem Coronavirus infiziert. Einige von ihnen kämpfen noch immer mit den Folgen. Hier berichten Betroffene, wie es ihnen rund ein Jahr später geht.

Auch 14 Monate nach ihrer Corona-Erkrankung kämpft die gebürtige Weidenerin Birgit Birner noch mit den Folgen: Schnell geht ihr beim Treppen steigen die Puste aus.
von Kathrin Moch Kontakt Profil

Während Birgit Birner früher Rennrad fuhr, ist es heute ein E-Bike. Schon ein paar Treppen zu steigen, bereitet der einst sportlichen Frau nun Probleme. Immer wieder muss die gebürtige Weidenerin, die heute in Hirschau lebt, im Gespräch husten. "Ich bin seit 14 Monaten in Dauerbehandlung, Corona hat mein Leben verändert." Dabei liegt ihre Infektion schon über ein Jahr zurück.

Von "Long Covid" oder dem "Post-Covid-Syndrom" ist die Rede, wenn Beschwerden noch Wochen oder Monate nach der Genesung anhalten. Während die akuten Symptome einer Covid-19-Erkrankung mit Husten, Fieber und Geschmacksverlust inzwischen fast jedes Kind kennt, ist über die Spätfolgen noch wenig bekannt. Selbst Ärzte tappen hier im Dunkeln, die Studienlage ist dünn. Betroffene aus Weiden und dem Landkreis Neustadt/WN erzählen, welche Folgen sie bis heute spüren und was ihnen geholfen hat.

Bürgermeister: "Mir geht schnell die Luft aus"

Gleich zu Beginn der Pandemie, im März 2020, hat das Virus den Pleysteiner Bürgermeister, Rainer Rewitzer, erwischt. Über ein Jahr später, kämpft er auch heute noch mit leichten Beschwerden: "Ich merke, dass ich nicht mehr die Luft-Kapazität wie früher habe. Wenn ich mich handwerklich betätige, geht mir schnell die Luft aus." Natürlich könne ein Teil auch von weniger körperlicher Betätigung während der Coronazeit her rühren: "Wanderausflüge und Sport waren ja kaum möglich." Rewitzer ist froh, dass ihn die Atemprobleme bei seinem Beruf nicht einschränken. Oft müsse er nur etwas schneller und tiefer schnaufen. "Trotzdem bin ich froh, dass es nur eine kleine Auswirkung ist und ich gesundheitlich wieder so hergestellt bin."

Mehr zur Corona-Erkrankung des Pleysteiner Bürgermeisters

Pleystein

Im Landkreis Neustadt an der Waldnaab haben sich bislang (Stand: Montag, 14. Juni) 5235 Menschen mit dem Coronavirus infiziert. In der Stadt Weiden waren es 2693 Fälle. In der gesamten Oberpfalz sind bisher 57.090 Menschen positiv auf das Covid-19-Virus getestet worden. 1482 sind gestorben.

Post-Covid-Selbsthilfegruppe

Für all die Menschen, die auch nach der Genesung mit Symptomen kämpfen, gibt es die "Post-Covid-Selbsthilfe Ostbayern". Birgit Birner lernt Gründer Karl Baumann bei einer Reha-Maßnahme kennen. Für seine Idee einer Selbsthilfegruppe ist sie sofort Feuer und Flamme. Denn auch die Oberpfälzerin kämpft mit den Folgen. Im April 2020 bringt ihr Mann das Coronavirus von der Arbeit mit nach Hause. Er selbst hatte kaum Symptome, Birgit Birner kämpft mit einem "mittleren Verlauf", wie sie selbst sagt. "Ich musste zum Glück nicht ins Krankenhaus und hatte einen tollen Hausarzt, der mich auch über die Feiertage betreut hat." Nach rund drei Wochen mit Lungenentzündung, Fieber und Schüttelfrost hatte sie die akute Erkrankung überstanden. Vorbei ist ihre Krankheitsgeschichte damit nicht.

"Als ob jemand den Stecker zieht"

Birner arbeitet vor der Krankheit bei der Sparkasse Oberpfalz Nord im Schulungswesen, ist in ganz Deutschland unterwegs. "Ich kann aber nicht mehr so lange reden, mir bleibt immer wieder die Luft weg, und ich bekomme Reizhusten." Auch nach einer Reha im Sommer ist sie noch nicht fit genug. "Mein Arbeitgeber hat mir dann zum Glück eine neue Stelle angeboten, sonst wäre ich immer noch arbeitsunfähig." Auch Sport spielte vor Corona eine große Rolle in Birners Leben. "Heute fahre ich E-Bike und habe selbst beim Treppen steigen Probleme." Zwar komme sie im Alltag mittlerweile gut zurecht, doch besonders das Erschöpfungssyndrom (auch Fatigue-Syndrom genannt) und der Reizhusten machen ihr zu schaffen. "Das ist, als ob jemand plötzlich den Stecker zieht. Ich brauche mehr Ruhephasen als früher."

Mehr zu Birgit Birners Vorgeschichte

Hirschau

Besonders geholfen hat ihr der Reha-Aufenthalt und der Austausch mit anderen, wie in der Selbsthilfegruppe. "Die Menschen kämpfen natürlich viel mit Erschöpfung, neurologischen Ausfällen wie Wortfindungsstörungen und Luftproblemen, aber auch die Psyche spielt eine Rolle." Viele könnten nicht mehr ihrer Arbeit nachgehen, hätten Zukunftsängste. "In der Gruppe versteht man sich einfach blind, es gibt keine Vorwürfe nur Fragen." Die Selbsthilfegruppe (www.pc-19.de) trifft sich bislang nur über Zoom, jeden ersten Dienstag, Mittwoch und Donnerstag im Monat. Auch regelmäßige Atem-, Lungen- und Psychotherapie könnten helfen.

Rektor: Sauerstoffgerät für Notfälle

Auch dem Rektor der Flosser Grund- und Mittelschule und Neustädter Stadtrat, Gerhard Steiner, bleibt noch hin und wieder die Luft weg: "Zum Glück nur bei längeren Strecken." Der 63-Jährige hatte sich im April 2020 mit dem Coronavirus angesteckt. Sein Verlauf war alles andere als mild: Mehrere Tage lag Steiner auf der Intensivstation, wurde beatmet. Ende April durfte er dann mit einem mobilen Sauerstoffgerät das Krankenhaus verlassen. Auch heute steht das noch bereit.

Gerhard Steiner erzählt vom Verlauf seiner Covid-19-Ekrankung

Neustadt an der Waldnaab

"Für Notfälle", erklärt Steiner. Nach seinem Krankenhausaufenthalt konnte er sich für maximal zwei Minuten bewegen, "dann musste ich mich wieder hinsetzen". Geduld war angesagt. Die Nachversorgung beim Lungenfacharzt dauerte bis August. Übungen zur Steigerung des Lungenvolumens, die er aus dem Klinikum kannte, halfen Steiner. "Ich habe mir den Tipp meines Facharztes zu Herzen genommen und auf meinen Körper gehört. Aber man braucht viel Geduld. Ich bin trotzdem heilfroh, dass ich sonst keinerlei Beeinträchtigungen mehr habe."

Das sagt der Mediziner

Aus medizinischer Sicht ist "Long Covid" vor allem wegen seiner breitgefächerten Symptome ein Problem. Dr. Matthias Loew, Allgemein- und Sportmediziner in Weiden und Hausärztlicher Vorsitzender des Ärzteverbundes Oberpfalz Nord, weiß: "Das Problem ist identifiziert und in das Bewusstsein eingesickert, aber es gibt eben noch nicht zu viele medizinische Gewissheiten."

Immer wieder begegnen dem Allgemeinmediziner in seiner Praxis Menschen, die noch lange nach einer Covid-Erkrankung, Beschwerden haben. Wie viele das in der Regel sind, kann er allerdings nicht schätzen. Auch beim Robert-Koch-Institut heißt es, dass über die Häufigkeit des Syndroms wenig bekannt ist. Studien würden zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen. Genau wie auch Dr. Loew vermutet, scheinen aber schwer erkrankte Personen häufiger von "Long Covid" betroffen zu sein. Gesichert ist das aber nicht. Studien deuten daraufhin, dass auch junge Menschen bis hin zu Kindern mit milden Verläufen langwierige Nachwirkungen erleben können. Die häufigsten Symptome sind laut Loew Luftprobleme, Unregelmäßigkeiten beim Herzschlag selbst bei kleinster Belastung und allgemeine Belastungsprobleme.

Was können Betroffene tun?

Trotzdem relativiert der Mediziner: "Das ist nicht die einzige Viruserkrankung, bei der Menschen oft sehr lange brauchen, um sich zu vollständig zu erholen." Auch nach einer schweren Grippe seien Menschen oft sehr lange nicht "so wie vorher". Obwohl bei einigen Patienten sicherlich auch eine psychische Komponente reinspiele, gebe es Menschen, die nach der Erkrankung tatsächlich mit Veränderungen im Blutbild, Herz - oder Lungenschäden zu kämpfen hätten. Bei Beschwerden sollte man diese also unbedingt ärztlich abklären lassen. An vielen Uni-Kliniken gebe es bereits Post-Covid-Ambulanzen. Die einzige Post-Covid-Ambulanz in der Oberpfalz findet sich in der Klinik Donaustauf bei Regensburg. Bei länger anhaltenden Beschwerden sei auch immer an eine Reha zu denken, sagt Loew. "Während das in der Hochinzidenz-Phase noch schwierig war, lassen sich diese Maßnahmen jetzt auch endlich umsetzen."

Hintergrund:

Was ist "Long Covid"?

  • Definition: Längerfristige gesundheitliche physische und psychische Beeinträchtigungen und/oder Schäden nach einer Covid-19-Erkrankung heißen "Long Covid" oder "Post-Covid-19-Syndrom".
  • Symptome: Müdigkeit und Erschöpfung, Kopfschmerzen, Atembeschwerden, Geruchs- und Geschmacksstörungen, kognitive Beeinträchtigungen (sog. Gehirnnebel), depressive Verstimmungen, Schlaf- und Angststörungen, Herzklopfen und Herzstolpern, Brustschmerzen, und Haarausfall.
  • Dauer: Genau wie Symptome und Risikofaktoren ist auch der Krankheitsverlauf von "Long Covid" noch nicht vollständig erforscht. Die Dauer der Beschwerden kann individuell verschieden sein.
  • Häufigkeit: Nach Informationen des Robert-Koch-Instituts kommen unterschiedliche Studien zu sehr unterschiedlichen Schätzungen für den Anteil der Covid-19 Erkrankten, die an langfristigen Auswirkungen der Krankheit leiden. Der tatsächliche Anteil kann noch nicht verlässlich geschätzt werden. Langzeitfolgen können auch Erkrankte mit zunächst milden oder sehr milden Verläufen entwickeln. Auch Kinder können betroffen sein.
  • Hilfe: Treffen der Selbsthilfegruppe "Post-Covid-19-Selbsthilfe Ostbayern" digital über Zoom an jedem ersten Dienstag, Mittwoch, Donnerstag im Monat um 19 Uhr (Anmeldung vorher: gruppe[at]pc-19[dot]de). Infos unter www.pc-19.de.

(kmo)

"Ich habe mir den Tipp meines Facharztes zu Herzen genommen und auf meinen Körper gehört. Aber man braucht viel Geduld. Ich bin trotzdem heilfroh, dass ich sonst keinerlei Beeinträchtigungen mehr habe."

Gerhard Steiner

Gerhard Steiner

"Ich merke, dass ich nicht mehr die Luft-Kapazität wie früher habe. Wenn ich mich handwerklich betätige, geht mir schnell die Luft aus."

Rainer Rewitzer

Rainer Rewitzer

 

 

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