13.06.2019 - 15:35 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Leder-Kaufmann-Wirt warnt Stadt: Ohne Freisitz kein Restaurant

Dominik Schultis investiert Millionen in den Umbau des "Leder-Kaufmann". Ob er darin wirklich ein Restaurant eröffnet, ist längst nicht klar, sagt er. Ohne Außengastronomie rechne sich das nicht. Doch die Stadt spielt nicht mit.

„Wofür bist du? Unterschreibe für Gastronomiebestuhlung statt für Bauwägen.“ Mit dieser Fotomontage und diesem Slogan will Dominik Schultis per Onlinepetition die Stadt auf seine Seite ziehen.
von Friedrich Peterhans Kontakt Profil

Wie berichtet, gesteht der Bauausschuss dem Wirt an seinem Eckhaus zwei Tisch- und Stuhlreihen am Oberen Markt zu, ähnlich wie beim Nachbarn, der Vinothek "Hänsel und Gretel". An der Schulgassenseite legt die Verwaltung dagegen ihr Veto ein.

Die Ablehnung stützt sich auf drei Punkte: Die Schulgasse ist die Hauptzufahrt für den Lieferverkehr des Marktes; Feuerwehr und Rettungsdienste brauchen Durchfahrtsbreiten und Aufstellflächen; vor der Michaelskirche hat die Stadt die einzigen Abstellflächen für Bauwagen und Geräte, wenn am Markt Arbeiten zu erledigen sind. In einer Stellungnahme gegenüber Oberpfalz-Medien nennt die Stadt dies "nicht weiter zu diskutierende Argumente".

Schultis ist darüber maßlos enttäuscht: "In nur wenigen Minuten wurde im Bauausschuss über meine berufliche Zukunft und die meiner Mitarbeiter entschieden, als ginge es hier um die Anbringung eines Straßenschilds." Es gehe aber um zehn Vollzeitarbeitsplätze. "Die Stadt riskiert nun einen weiteren Leerstand." Zuvor hatte der 30-Jährige in einem 16-seitigen Schreiben ans Rathaus seine Argumente dargelegt, warum ein Freisitz in der Schulgasse möglich sein müsse. Weil er die nicht berücksichtigt sieht, baut er Druck auf.

Am Samstag will er eine Onlinepetition namens "Gastronomiebestuhlung für die Schulgasse 2 - Ja zu Altstadtflair und Tourismuswirtschaft" auf www.openpetition.de starten. Die soll über drei Monate laufen. Zudem will er ab sofort immer samstags an seinem Bauzaun einen Infostand zum Thema einrichten.

Vorbild "Rosteria"

Das klingt heftig nach Konfrontationskurs. Er sei aber durchaus kompromissbereit, sagt der Gastronom. Selbstverständlich würde er an Markttagen oder bei Großveranstaltungen in der Altstadt auf Bestuhlung verzichten. Er sei auch bereit, eine Stellplatzablöse zu zahlen. Notfalls akzeptiere er auch nur eine Stuhlreihe. Dann sei entlang der Michaelskirche bei einer Straßenbreite von 8,33 Meter immer noch genügend Platz zum Parken. Im Übrigen könnte man die Baucontainer doch auch weiter hinten auf dem Weiden-am-See-Platz platzieren.

"Eigentlich will ich aber eine Gleichbehandlung mit der Rosteria ein Stück weiter oben." Deren Freisitz sei bis zu 4,40 Meter von der Hauswand entfernt, so dass nur noch eine Reststraßenbreite von 3,65 Meter bleibe. Diesen Einwand lässt die Verwaltung nicht gelten. Die zuständigen Baubehörden hätten ihre Entscheidung sorgfältig abgewogen. "Jeder Antrag wird im Einzelfall geprüft." Somit sei "das Hinzuziehen von Vergleichsfällen nicht möglich". Die Stadt verweist darauf, dass sie im Vorfeld Bauherren kostenlose Beratungen anbietet. Ein förmlicher Antrag Schultis' auf Sondernutzungserlaubnis liege ihr aber bis heute nicht vor. "Generell können dabei wirtschaftliche Interessen Einzelner (...) nach dem bayerischen Straßen- und Wegegesetz nicht über das Allgemeinwohl gestellt werden." Schultis bringe Themen und Argumente nicht in den richtigen Zusammenhang.

Container statt Historie

Auch in Sachen Denkmalschutz und Altstadtkulisse knirscht es. Schultis tauscht für rund 50 000 Euro die Fenster nach historischem Vorbild aus. "Wie rechtfertigt die Verwaltung solche Investitionen, wenn sie darauf beharrt, vor den Nachbildungen dieser Fenster Toiletten und Container abzustellen?" Dabei stelle sich auch die Frage, welchen Sinn es habe, den Platz der Michaelskirche neu zu pflastern, wenn er durch die Wagen abgewertet werde. "Upper-Class-Gastronomiebestuhlung" mit italienischen Designerstühlen gegenüber der Kirche gäbe dagegen ein einladendes Bild ab.

Schultis und seine Verlobte Sophie Herzer stoßen auch in ihrem Haus auf hohe Hürden. Sie wohnen im zweiten Stock über dem Lokal. Das Dachgeschoss haben sie für Kinderzimmer vorgesehen. Der Brandschutz verlangt dafür ein Dachflächenfenster. Der Denkmalschutz sagt nein: das Fenster entwerte die "Postkartenansicht der Michaelskirche".

Schützenhilfe aus dem Einzelhandel:

Dominik Schultis nennt klangvolle Namen der Altstadt-Geschäftswelt als Unterstützer: Sebald, Schuh-Weiss, Brunner oder auch Stadtmarketingchefin Andrea Schild-Janker und Florian Rieder von der Industrie- und Handelskammer.

Etwas unerwartet passt Einzelhandelsverbandschef Tobias Sonna in diese Reihe, wie er selbst zugibt: „Grundsätzlich sehe ich die Grenze bei der Gastronomie längst erreicht, aber das hier ist ein Sonderfall.“ Warum? „Das stellt keine Schaufenster zu und stört niemanden.“ Im Gegenteil, meint Sonna: „Baufahrzeuge und Dixi-Klo versperren die Sicht in die Schulgasse. Das ist nicht einladend, dorthin zu bummeln.“ Gerade auch, weil Weiden auf Tagestouristen zähle. Eine einzelne Tischreihe würde da schon besser hinpassen. (phs)

Kommentar:

Langsam runterkochen

Die einen pochen auf „nicht weiter zu diskutierende Argumente“, der andere will über das Internet Druck aufbauen. Kompromissbereitschaft riecht anders. Dabei hat Dominik Schultis Anfang Juli einen Gesprächstermin mit OB Kurt Seggewiß.
Vielleicht tut sich bei dieser Gelegenheit für die Schulgasse eine Lösung auf, an die bisher noch keiner gedacht hat. Auch eine Idee von Tobias Sonna klingt nicht schlecht: das Pfarramt St. Michael als betroffenen Nachbarn mit an den Tisch zu holen.
Bei dieser verfahrenen Konstellation im Vorfeld eine Onlinepetition zu starten, die – jede Wette – über den Umweg sozialer Medien die Stadtverwaltung als ahnungslos und borniert darstellen wird, ist der falsche Weg. Gesetze kann niemand via Facebook wegdiskutieren.
Dominik Schultis mag sein Genehmigungsverfahren vielleicht etwas ungestüm angegangen haben. Dass er es jedoch schwer nachvollziehen kann, wenn ein anderer Gastronom in der gleichen Gasse bestuhlen darf, ist verständlich. Trotzdem hängt Schultis in sein Projekt Herzblut, Fleiß und nicht zuletzt Geld, das auch dem Stadtbild zugute käme. Und darüber, Bauwagen auf dem oft ungenutzten „Roten Platz“ abzustellen, lohnt es sich nachzudenken.

Von Friedrich Peterhans

Einblicke in das geplante Bar-Restaurant

Weiden in der Oberpfalz

Die Entscheidung des Bauausschusses

Die Anfänge des Projekts

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