16.03.2021 - 10:14 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

LEO trifft ... Nicole Stich: Food-Bloggerin über internationalen Erfolg und kulinarische Grenzen

Mit ihrer Liebe zum Essen, ihren 5 Kochbüchern und ihrem international erfolgreichen Blog „deliciousdays“ trifft Nicole Stich den Geschmack der Zeit. Die gebürtige Weidenerin ist immer auf der Suche nach neuen Inspirationen - weltweit.

Nicole Stich trifft mit ihrem international erfolgreichen Blog "deliciousdays" und ihren Kochbüchern den Geschmack der Zeit.
von Julia Hammer Kontakt Profil

Nicole Stich hat es geschafft: Erfolgreicher Blog, erfolgreiche Kochbücher, eine Leidenschaft, die sie lebt. 2006 kürte das New Yorker „Time Magazine“ den Blog der Wahl-Münchenerin zu einem der „50 schönsten Webseiten“. Die 47-Jährige sucht sich in fremden Ländern Inspiration, entwickelt Rezepte und ist dabei selbst ihre schärfste Kritikerin. Im Interview erzählt sie von kulinarischen Reisen, den ersten Kochversuchen mit ihrer Oma und warum sie sich bis heute weigert, ein Porträt von sich auf dem Cover ihrer Bücher zu veröffentlichen.

ONETZ: Als Food-Expertin – welche kulinarischen Besonderheiten schätzt du an der Oberpfalz?

Nicole Stich: Die Liebe zur Kartoffel wurde mir in die Wiege gelegt. Ich habe noch kein Kartoffelgericht gegessen, dass mir nicht geschmeckt hätte. Oberpfälzer Spezialitäten wie Schoppala oder Apfelmaultaschen aus Kartoffelteig könnte ich ständig essen. Viele Gerichte, die ursprünglich aus der Not heraus entstanden sind, schmecken unglaublich gut, nur nimmt sich heute kaum mehr jemand Zeit dafür. Oft fehlt auch das Wissen, wie sie richtig gut zubereitet werden. Und was meine Kuchenliebe betrifft, daran sind bestimmt die vielen Hochzeiten schuld, die ich als Kind in der Oberpfalz besuchte. Die Qualität und Vielfalt der Buffets – damals war es noch eine Selbstverständlichkeit, dass alles von Familie und Freunden selbst gebacken wurde. Das habe ich lange nicht mehr erlebt. Von Schmierkuchen bis Kiachla, Eierlikörtorte, Windbeutel und Käsekuchen … alles schmeckte gut.

ONETZ: Woher kommt deine Liebe zum Essen?

Nicole Stich: Die musste sich erst entwickeln. Als Kind war ich schrecklich, in der Suppe durften keine Kräuter sein, Zwiebel fand ich fürchterlich ... ich war lange viel zu dünn und aß wie ein Spatz, mit Ausnahme von Omas Küche. Dort lernte ich, wie wichtig gute Zutaten sind und warum saisonales Gemüse einfach besser schmeckt. Meine Oma Luise kümmerte sich um ihren Gemüsegarten, ihr Gewächshaus und den riesigen Obstgarten. Neben ihren regulären Berufen – Schneidermeisterin, Lehrerin, Aushilfe bei ihrem Bruder in der Bäckerei – hat sie mir nicht einmal das Gefühl gegeben, dass Kochen oder Backen eine Last für sie wären. Semmeln schleifen oder das Urvertrauen, dass jeder Hefeteig aufgeht, das habe ich von ihr gelernt. Während meines Studiums in Regensburg war ich plötzlich alleine für mein Essen verantwortlich. Ich habe angefangen, regelmäßig für Freunde und auch für mich alleine zu kochen. Ich wurde mutiger und habe ungekannte und auch ungeliebt Lebensmittel ausprobiert. So wurde gutes Essen zu einem wichtigen Bestandteil meines Lebens.

ONETZ: Dein Food-Blog „deliciousdays“ startete 2005. Wie kam die Idee?

Nicole Stich: Durch die Werbeagentur, für die ich damals arbeitete, war ich beruflich immer an Trends und digitalen Entwicklungen interessiert. Als ich die ersten FoodBlogs entdeckte, war es sofort um mich geschehen: Sich mit Essen beschäftigen und mit Menschen rund um den Globus dazu austauschen? Das war wie für mich gemacht! Binnen kürzester Zeit hatte ich mir den Namen ausgedacht, die Domain reserviert und habe angefangen, an meinem Blog zu arbeiten.

ONETZ: 2006 kürte das „Time Magazine“ deinen Blog zu einem „der 50 schönsten Webseiten“ …

Nicole Stich: … Ich hätte nie im Leben damit gerechnet, dass es so ein großer Erfolg werden würde. Natürlich ist es toll, wenn die eigene Arbeit so viel Wertschätzung erfährt. Dabei haben wir (mein Lebenspartner hat mich immer sagenhaft unterstützt – technisch und als Ratgeber) nur immer gemacht, was uns gefallen hat und was kein anderer gemacht hat. Viel grafische Gestaltung, monatliche Header, Fotos mit runden Ecken … all das gab es damals bei Blogs nicht. Die Resonanz war sehr positiv. Auch vom Time Magazine. Mir hat es vor allem gezeigt, dass es sich auszahlt, sein eigenes Ding zu machen. Auch wenn es erstmal viel Arbeit und ständiges Lernen bedeutete, denn das Konzept und das Design waren zu 100 Prozent meins.

ONETZ: Warum ist dein Blog englischsprachig?

Nicole Stich: Das war eine spontane Entscheidung: Gefühlt 90 Prozent aller Food-Blogs, die ich damals gelesen habe, waren über den Erdball verteilt und in englischer Sprache. Gegenseitiger Austausch und Vernetzung waren damals DAS Motiv zum Bloggen, Englisch deshalb die logische Konsequenz. Dass daraus bis heute enge Freundschaften – und meine besten Ratgeber in Sachen Länderküchen – entstanden sind, empfinde ich als kostbaren Schatz.

ONETZ: Welches „Erfolgsrezept“ verbirgt sich hinter „deliciousdays“?

Nicole Stich: Ich denke, es spielen ganz verschiedene Faktoren eine Rolle. Zum einen die harten Fakten, ein aussagekräftiger Name, ein Händchen für Gestaltung und die richtige Rezeptauswahl. Dazu kommen Umstände, die sich nicht beeinflussen lassen. Ich habe offensichtlich einen Nerv getroffen, weil viele große Zeitungen und Magazine schon vor dem Time Magazine über “deliciousdays” berichtet haben. Ich halte auch die Authentizität der Person hinter dem Blog für ausschlaggebend. Ich habe das nie gemacht, um berühmt zu werden. Bis heute weigere ich mich, ein Porträt von mir als Cover auf meine Kochbücher zu nehmen. Wenn ich aber das Leben meiner Leser kulinarisch bereichern und die Freude über ein sagenhaft gutes Rezept weitergeben kann, macht mich das glücklich. Diese Leidenschaft kann ich hoffentlich vermitteln.

ONETZ: Du hast fünf Kochbücher mit eigenen Rezepten veröffentlicht. Woher nimmst du deine Ideen?

Nicole Stich: Jeder Mensch hat Talente. Dem einen fliegen Einrichtungsideen zu, der andere kann aus wenigen Tönen ein Lied komponieren. Mir kommen den ganzen Tag über Ideen, was ich kochen oder backen könnte, selbst, wenn ich nicht darüber nachdenke. Ein Beispiel: Ich nehme beim Einkaufen spontan einen riesigen Kopf Endiviensalat mit (noch ohne Plan), sehe im Kühlschrank Reste vom Pizzateig und eine Zitrone. Dazu habe ich Schmand und karamellisierte Frühlingszwiebeln kombiniert – und daraus wurde ein Rezept, das mittlerweile zu meinen absoluten Lieblingspizzen zählt.

ONETZ: Du bist viel auf Reisen. In welchem Land lässt du dich am liebsten inspirieren?

Nicole Stich: Die Vielfalt ist das Spannende. Heute ein portugiesischer Eintopf, morgen ein italienisches Pastagericht, dann die Schwammerlbröih meiner Oma und tags drauf asiatisch angehauchte Ripperl … es gibt unendlich viele spannende kulinarische Entdeckungen zu machen, in jedem Land.

ONETZ: Wie erkundest du ein fremdes Land kulinarisch?

Nicole Stich: Es gibt wenige Themen, über die man so leicht mit fremden Menschen ins Gespräch kommt, wie das Essen. Jeder hat eine Meinung dazu. Ich frage auf jedem Markt oder in jedem Lokal nach Empfehlungen und Gerichten, die es sich auszuprobieren lohnt. Nicht selten haben sich daraus die besten Entdeckungen ergeben. Natürlich geht das in beide Richtungen. Einmal habe ich einem in Singapur lebenden Chinesen, der begeistert von seinen früheren Reisen nach Heidelberg erzählt hat und für deutsche Hausmannskost schwärmte, erklärt, wie man bei uns Semmelknödel macht – während wir uns gemeinsam Kaya-Toast schmecken ließen.

ONETZ: Was war deine schönste, was deine schlimmste kulinarische „Überraschung“ auf Reisen?

Nicole Stich: Zu den schönsten überraschungen gehören die vielen Kontakte, die über die Jahre entstanden sind. Etwa der Amerikaner, der seine kulinarisch sehr versierte Frau mit richtig guten München-Tipps überraschen wollte und mich anschrieb. Letztendlich zogen wir – essend – mit ihnen durch München und hatten einen herrlichen Tag zusammen. Es war „Freundschaft auf den ersten Blick”, seit 14 Jahren besuchen wir uns gegenseitig. Die schaurigste Erinnerung habe ich an einen Bootsausflug auf eine einsame Insel an der Algarve. Das hochgelobte Restaurant war nur mit einer Notmannschaft bestückt und hätte gastronomisch nicht unfähiger sein können. Ungenießbares Essen zu überhöhten Preisen, zum Abschluss noch garniert mit einem Kellner, der mir das Salatdressing über die Schuhe goss. Die ganze Situation war skurril, es gab kein Wort der Entschuldigung. Wir haben tatsächlich an „Versteckte Kamera” gedacht …

ONETZ: Du entwickelst alle Rezepte selbst. Wie muss man sich den Prozess vorstellen?

Nicole Stich: Natürlich gehören viele Stunden Kochen und Backen dazu. Mindestens genauso wichtig ist das Verständnis von Rezepten, damit ich weiß, an welchen Stellschrauben ich drehen kann, um das finale Ergebnis in eine bestimmte Richtung zu verändern. Dazu gehört ein persönlicher Erfahrungsschatz und das Wissen, für wen das Rezept entwickelt wird. Der berufstätige Gelegenheitskoch mit Kindern hat andere Ansprüche als ein ambitionierter Asienkenner. Da ich eigentlich immer „arbeite“, wenn ich in der Küche bin, ist gute Dokumentation für mich extrem wichtig. Ansonsten gingen spontane Ideen und Kniffe verloren. Selbst Rezepte, die ich im Schlaf beherrsche, verwalte ich digital und ändere sie über die Jahre auch immer mal wieder. Außerdem spielen Trends, verfügbare Zutaten und mein persönlicher Geschmack eine Rolle.

ONETZ: Gibt es Rezepte, die auch dir partout nicht gelingen?

Nicole Stich: Auf jeden Fall. Aber die reizen mich natürlich besonders und ich arbeite solange daran, bis ich mit dem Ergebnis zufrieden bin. Croissants oder Macarons sind solche Rezepte. Für ein nahezu perfektes Ergebnis spielen so viele Parameter eine Rolle, dass man sich erstmal einen gewissen Erfahrungsschatz erarbeiten muss. Ein erfolgreicher Bäcker oder Patissier hat sein Handwerk in vielen Jahren erlernt, also wäre es vermessen zu glauben, ein Hobbybäcker könnte das spontan aus dem Ärmel schütteln. Aber aus jeden Küchenfiasko kann man ja auch etwas lernen …

ONETZ: Autorin, Bloggerin, Food-Fotografin. Wie sieht ein „normaler“ Tag in deinem Leben aus?

Nicole Stich: Das hängt davon ab, in welcher Projektphase ich mich befinde. In der Konzeptionsphase eines neuen Buchs recherchiere ich viel. Dazwischen probiere ich Rezepte aus, wenn ich genug von der Schreibtischarbeit habe. Da ich meine Rezepte normalerweise selbst style und fotografiere, bin ich auch für sämtliches Material verantwortlich, muss also jeden Teller, jede Gabel, jede Serviette, die im Buch zu sehen sein werden, im Vorfeld besorgen – was meiner Leidenschaft für Küchenläden und Flohmärkten sehr entgegenkommt. In der finalen Fotophase geht’s ganz früh zum Lebensmitteleinkauf, bevor den ganzen Tag gekocht, gebacken und fotografiert wird. Dann sichte ich die Bilder und bereite schon die Rezepte und Materialien für den nächsten Tag vor.

Ihre selbstgemachten Schoppala, die sie seit ihrer Kindheit kennt, kocht Nicole Stich auch heute noch gerne.

ONETZ: Viele entspannen abends beim Kochen vom Arbeitsalltag. Worin findest du deinen Ausgleich?

Nicole Stich: Nicht lachen – beim Kochen und Backen. Wenn ich in der Fotoproduktion eines Kochbuchs stecke, ist mein Tag durchgetaktet mit Kochen, Stylen und Fotografieren. Bei meinem letzten Buch „SHIOK SINGAPUR“ waren das wochenlang asiatische Rezepte. Ich habe schon nachmittags überlegt, auf welches Kontrastprogramm ich zum Abendessen Lust hätte.

ONETZ: Du kennst alle kulinarischen Facetten. Hast du trotzdem noch Lust auf Döner und Fast-Food?

Nicole Stich: Das ist nicht ganz einfach. Berufsbedingt bin ich bei meinen eigenen Kochkünsten sehr kritisch, ärgere mich über mich selbst, wenn ich eins meiner Lieblingsrezepte nicht bestmöglich zubereite. Ich analysiere beim Essen. Berufskrankheit, würde ich sagen. Im Restaurant oder selbst im Dönerladen kann ich das nie ganz ausstellen. Dabei geht es nicht darum, dass ich „nur“ Fast Food esse, sondern, dass es mich schlichtweg ärgert, wenn ich etwas mit minderwertigen Zutaten oder schlecht zubereitet serviert bekomme.

ONETZ: Gibt es für dich kulinarische Grenzen?

Nicole Stich: Auf jeden Fall. Im Vergleich zu meiner heugligen Kindheit habe ich mir allerdings selbst auferlegt, alles zu probieren, was mir beispielsweise die früher verhassten Innereien nähergebracht hat. Nur bei Schnecken und Austern hat es (noch) nicht funktioniert. Bei Innereien esse ich vieles inzwischen sogar mit Genuss, was mich aus zweierlei Gründen freut: Es zeigt, dass man auch im Erwachsenenalter lernen kann, bestimmte Geschmäcker zu mögen.
Darüberhinaus ist „nose-to-tail“ ökologisch das einzig wirklich sinnvolle Konzept für Fleischkonsum. Eine Grenze ziehe ich da, wo mich etwas anwidert. Surströmming kann ich mir nicht vorstellen, kross gebratene Insekten an einem asiatischen Marktstand schon eher … danach suchen würde ich aber nicht.

ONETZ: Erfolgreicher Blog, eigene Kochbücher – hast du noch unerfüllte Träume?

Nicole Stich: Lustigerweise bin ich ja durch Zufall beim Kochbuchschreiben gelandet, weswegen man nicht von einem geplanten Karriereweg sprechen kann. Trotzdem habe ich von Anfang an gespürt: So muss es sich anfühlen, wenn man seine Berufung gefunden hat. Auch nach 15 Jahren bereitet es mir immer noch eine Riesenfreude, einem Gericht auf den Grund zu gehen, ein Rezept besser zu machen und fotografisch auch noch so appetitlich festzuhalten, dass man es einfach nachkochen will. Nur eins weiß ich nach meinen Studentenjobs in der Gastronomie: Ein Restaurant erfolgreich zu betreiben ist ein hartes Geschäft, für das ich nicht gemacht bin.

LEO trifft ... DJ Maca

Oberpfalz

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.