24.10.2019 - 14:22 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

"Neue Branchen und Arbeitsplätze" durch 5G-Projekt?

Beim 8,4-Millionen-Projekt gibt es kein Zurück mehr. Die Förderzusage ist erteilt. Sie macht die OTH in Weiden zur Keimzelle einer Forschung, die bundesweit ausstrahlen soll: Bessere medizinische Versorgung dank 5G-Technik.

8,4 Millionen Euro im Din-A4-Format: Bundesminister Andreas Scheuer (Mitte) übergibt den Professoren Steffen Hamm (links) und Clemens Bulitta die Förderzusage in Berlin.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

8,445120,82 Euro. Das ist die exakte Summe, die zuvorderst den Landkreis Neustadt und Weiden, aber eigentlich ganz Deutschland in gewisser Hinsicht in ein neues Technologie-Zeitalter beamen soll. In Berlin übergab Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer den Förderbescheid jetzt an die Professoren Clemens Bulitta und Steffen Hamm von der OTH Amberg-Weiden. Rund 8,4 Millionen – ein hoher Betrag, der hohe Erwartungen weckt. So äußert Landrat Andreas Meier für seinen Landkreis die Hoffnung, "dass die 5G-Technik uns auch einen Wissensvorsprung verschafft und somit auch Vorteile bei der Ansiedlung neuer Branchen und Arbeitsplätze, die damit zusammenhängen". Kurzfristig schafft schon mal die OTH in Weiden zusätzliche "attraktive Stellen", wie Präsidentin Prof. Andrea Klug ankündigt: "Wir brauchen dafür sicher weitere Spezialisten an unserer Hochschule."

Der Landkreis und die OTH sind Partner bei dem Projekt, das nach Beendigung wohl im Jahr 2023 bundesweit ausstrahlen soll. Ihre Vorstellungen dazu packten Bulitta und Hamm in eine Projektskizze, auf deren Grundlage der Haushaltsausschuss des Bundestags die Förderung im Juni bewilligte. Der Titel, in trendiger Schreibweise: "5G4Healthcare" ("5G für die Gesundheitsversorgung"). Das Forschungsziel soll für ländliche Regionen insgesamt von Bedeutung sein: Wie lässt sich die schnelle Mobilfunk-Technik nutzen, um die medizinische Versorgung auf dem flachen Land zu verbessern? "Ärztemangel und die drohende Ausdünnung von Strukturen auf dem Land können zwar nicht ausgeglichen, aber durch die schnelle Datenanbindung die Folgen abgemildert werden", erklärt Meier auf Anfrage von Oberpfalzmedien. Nach den Worten der OTH-Präsidentin ging die Initiative zur 5G-Modellregion vom Landrat aus. "Keimzelle" dieser Forschung sei die Hochschule in Weiden mit der Fakultät Wirtschaftsingenieurswesen, Zweig Medizintechnik, sagt sie. "Von hier aus wird das Projekt geleitet."

"Telemedizin" lautet das Zauberwort. Bundestagsabgeordneter Albert Rupprecht nennt in einer Pressemitteilung ein konkretes Beispiel: „Wir wollen, dass Menschen möglichst lange selbstbestimmt Zuhause in ihrem gewohnten Umfeld leben können und dabei trotzdem medizinisch bestens versorgt sind. Da Daten mit 5G in Echtzeit übermittelt werden, könnten Ärzte den Zustand ihrer Patienten künftig auch aus der Ferne jederzeit im Blick haben und im Notfall schnell reagieren. So müsste zum Beispiel mein Vater nicht sein Zuhause in Waldthurn verlassen, während sein Arzt in Weiden seinen Gesundheitszustand trotzdem jederzeit im Blick hat.“ In Ausnahmefällen könnte sogar "der Top-Spezialist aus der Charité in Berlin" einen Blick auf die elektronische Patientenakte werfen und die Behandlung mit dem Kollegen vor Ort besprechen, fährt Rupprecht fort.

Der Abgeordnete verspricht sich ein intensiveres Zusammenspiel zwischen Krankenhäusern und niedergelassenen Ärzten. Gibt es möglicherweise Überlegungen, das wirtschaftlich und personell angeschlagene Krankenhaus Vohenstrauß in das 5G-Projekt miteinzubeziehen? Landrat Meier antwortet knapp: "In Vohenstrauß ist die Einbindung von Telemedizin fest eingeplant, auch schon, bevor dieses Programm jetzt aufgelegt wurde." "Das Projekt lebt und wird in der Umsetzung dann erfolgreich sein, wenn viele regionale und überregionale Partner beteiligt sind", sagt OTH-Chefin Klug. "Es adressiert die gesamte Region." Natürlich sei die Kliniken AG mit eingebunden, mit der die OTH bereits bei Studiengängen (neu: "Digital Health Care Management") Netzwerke und Kooperationen unterhält. Auch dies sei maßgeblich für den Zuschlag fürs Projekt gewesen. Und auch bisher sei dabei stets zielgerichtet "der Mensch, der Patient, und seine bestmögliche Versorgung" in den Mittelpunkt gestanden.

Nicht im Mittelpunkt steht bei dem Vorhaben dagegen der normale Internet-Surfer: Wer glaubt, eine 5G-Modellregion bekomme die neue Übertragungstechnik nun auch schneller als andere Landstriche, der irrt. "Unser Projekt hat mit allgemeinem Netzausbau primär nichts zu tun. In eng definierten, abgegrenzten Bereichen wie zum Beispiel einem Krankenhaus oder einer Forschungseinrichtung soll in ,Living Labs‘ anwendbare Technologie entwickelt werden, die über 5G miteinander kommuniziert", stellt Meier klar. "Mit ,besserem Handyempfang‘ beispielsweise hat das nichts zu tun." Der 5G-Ausbau bleibt das Sache von Anbietern wie der Telekom. Die hat angekündigt, bis 2025 mindestens 99 Prozent der Bevölkerung und 90 Prozent der Fläche Deutschlands mit 5G zu versorgen. Jedes Jahr sollen über 2000 neue Mobilfunk-Standorte entstehen.

Zu "5G4Healthcare" kündigt Prof. Klug "zeitnah" eine Pressekonferenz und fürs Frühjahr 2020 die Auftaktveranstaltung an, "bei der wir erste Personen vorstellen und Konkretisierungen vornehmen". Drei bis dreieinhalb Jahre soll dann geforscht werden. Danach soll nicht nur ein fertiges Konzept vorliegen, sondern erste Schritte auch schon umgesetzt sein.

Amberg
Unter den ersten 5G-Modellregionen:

Der neue Übertragungsstandard 5G beschleunigt und verstärkt mobiles Internet und Mobiltelefonie. Der Transport enormer Datenmengen in nahezu Echtzeit wird möglich. Das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur fördert Forschungsprojekte dazu. Dazu ruft es sechs 5G-Modellregionen ins Leben, die mit insgesamt 44 Millionen Euro unterstützt werden. Für die Hälfte der Gebiete, darunter Neustadt/WN, gab es nun Förderbescheide über insgesamt 26 Millionen Euro. Es ist das einzige Projekt aus Bayern. Neben der Telemedizin, mit der die OTH Amberg-Weiden ins Rennen ging, fördert die Bundesregierung zunächst Projekte zu Mobilität (Aachen) und Industrie 4.0 (Kaiserslautern).

Zum Nordoberpfälzer Forschungsauftrag informiert das Verkehrsministerium: "Das Projekt 5G4Healthcare zielt darauf ab, Machbarkeit, Möglichkeiten und Grenzen der Verbesserung der Effektivität und Effizienz in der ländlichen Gesundheitsversorgung durch die 5G-Technologie auszuloten und Handlungsempfehlungen für skalierbare Lösungen abzuleiten. In den beiden Use Cases ,Integrierte Versorgung‘ und ,Homecare‘ werden dazu unter der Führung der OTH Amberg-Weiden mit Partnern aus Gesundheitsversorgung und Wirtschaft Anwendungsszenarien konzipiert, modellhaft implementiert, erprobt und evaluiert." (rg)

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