28.10.2021 - 18:21 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Niedrigzins und Inflation: Lohnt sich eigentlich das gute, alte Sparbuch noch?

An diesem Wochenende ist Weltspartag. Angesichts von Niedrigzinsen und Inflation – macht das Sparen überhaupt noch Sinn? Und was bringt das klassische Sparbuch? Finanzexperten aus der Oberpfalz beantworten die wichtigsten Fragen.

Das klassische Sparen - ist es überhaupt noch zeitgemäß angesichts der Minizinsen?
von Julian Trager Kontakt Profil

97 Jahre ist er alt, der Weltspartag. Ob er den Hundertsten erlebt? Mal schauen, denn immer mehr Banken bieten eines der beliebtesten Anlageprodukte der Deutschen gar nicht mehr an: das Sparbuch. Still und leise wurde es in den letzten Monaten aussortiert. Für viele nachvollziehbar, weil es Zinsen schon seit vielen Jahre nur noch homöopathisch gibt. Seit kurzem dominieren vor allem Verwahrentgelte und Gebühren. Und trotzdem wird weiterhin so viel gespart wie noch nie. Sowohl Geldvermögen als auch neue Sparbeträge sind so hoch wie nie zuvor. Oberpfälzer Finanzexperten klären auf.

Macht Sparen noch Sinn?

„Sparen ist weiterhin wichtig - nur die Anlageklasse muss man zwingend ändern", sagt Wolfgang Meier, Vermögensverwalter und Finanzberater aus Amberg. Immer mehr Jugendliche und Heranwachsende interessierten sich aktuell für Möglichkeiten der Geldanlage, ob Immobilien, Aktien oder Fonds. Und bestätigen so eines der Hauptziele des Weltspartags: Finanzbildung. "Das klassische Sparen ist ein langfristiger Prozess", sagt Stefan Meiler, Finanzberater aus Flossenbürg. "Eine Hilfestellung für Kinder", das sei der Grundgedanke des Weltspartags, und das sei sinnvoll. "Die Kinder sollen sich für später etwas aufbauen." Aber die Welt verändere sich – und damit auch das Sparen.

"Es kommt darauf an, worauf man spart, ob man Vermögen bilden will, für das Alter vorsorgen oder sich kurzfristige Wünsche erfüllen", teilt das Vertriebsmanagement der VR Bank Nordoberpfalz mit. Empfehlenswert sei eine breite Streuung über unterschiedliche Produktklassen und Laufzeiten. "Vor allem die Altersvorsorge ist elementar", pflichtet Bernhard Wolf, Vorstandssprecher der VR Bankd Nordoberpfalz, bei. "Je früher man anfängt, auch mit Kleinstbeträgen, umso besser."

Ist das Sparbuch noch zeitgemäß?

"Das Sparbuch hat ausgedient", sagt Meiler. Es bringe keine Leistung mehr. "Durch das Zinsniveau können Banken damit keinen Ertrag mehr bringen, durch die Inflation wird das Geld sogar weniger." Wolfgang Meier sieht das ähnlich. "Angesichts des Zinsniveaus und der Inflation ist ein Sparbuch oder Tagesgeld nicht sinnvoll. Im Vergleich zu Aktien oder Fonds taugen klassische Sparprodukte nichts", sagt der Amberger Finanzberater. Die Zinsen würden vermutlich noch sehr lange niedrig bleiben. "Vor allem für Kinder und Jugendliche, die viel Zeit und einen langen Anlagehorizont haben, bieten Aktien- und Fondsanlagen alternativlose Aussichten." Hier ließen sich auch viele Themen berücksichtigen: zukunftsweisende Branchen wie Digitalisierung, aufstrebende Märkte oder der Wunsch, mit seinem Geld in ökologischer Sicht Nachhaltiges zu tun.

Und trotz allem: Beim Sparbuch oder auch Tagesgeld gebe es zwar gegenwärtig niedrige Zinsen, beide blieben aber wichtig als Liquiditätsreserve für kurzfristige Investitionen, so die VR Bank. "Für den Notgroschen", sagt Wolf.

Was raten die Banken?

"Das Bedürfnis zu sparen bleibt – trotz Niedrigzins und steigender Inflation. Es ist die Art, wie man spart, die sich ändern muss", schreibt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der zur Sparkassengruppe gehörenden Deka-Bank, auf der Unternehmenshomepage. Das Tagesgeldkonto sei für kurzfristige Anlagen und in Sachen Sicherheit und Flexibilität weiterhin eine Alternative. Wer jedoch das Kapital mittel- bis langfristig nicht benötigt und investieren kann, der könne am weltweiten Kapitalmarkt noch ordentliche Renditen erwirtschaften. Für das kurzfristig geparkte Geld, das flexibel zur Verfügung stehen soll, gebe es leider keinen Ausweg, hier schlagen die Nullzinsen voll zu, so Kater.

Was bedeutet das für Sparer?

"Sparer und Eltern müssen sich umorientieren", sagt der Flossenbürger Finanzberater Stefan Meiler. "Sie werden aber weiter sparen müssen." Aber eben nicht mehr mit dem klassischen Sparbuch, sondern mit einem Fondssparplan. Ein junger Sparer habe ja Zeit, könne das Risiko in Kauf der Kursschwankungen in Kauf nehmen und langfristig anlegen, kleinere Beträge.

Es komme natürlich immer auf die einzelne Situation der Menschen an, erklärte Bernhard Wolf in einem Interview mit Oberpfalz-Medien bereits im Frühjahr. Fakt sei: Sparbuch und Girokonto, auch bei nur geringer Inflation, seien realer Geldverlust. "Wer Geld über das für die Liquiditätsreserve notwendige hinaus liegen lässt, dem frisst auch eine vergleichsweise niedrige Inflation von zwei bis drei Prozent mit der Zeit die Vermögenswerte auf", sagte Wolf. Man müsse investieren. Ein Patentrezept gebe es allerdings nicht.

Was bedeutet es für Anleger?

"Wenn man sich die letzten gut 100 Jahre anschaut, war es immer gut, in Realwerte investiert zu sein, um einerseits Rendite zu machen und gegen Inflation gewappnet zu sein", sagt Wolfgang Meier. Zu Realwerten gehören neben Aktien oder Fonds auch Immobilien, Grund und Boden sowie Edelmetalle - wenn man die nötige Zeit hierzu hat. Ähnlich argumentiert Bernhard Wolf, der generell eine breite Streuung der Geldanlagen empfiehlt, ansonsten bei pauschalen Aussagen vorsichtig ist. Es kommt immer auf die Vermögenssituation jedes Einzelnen an, erklärt der Flossenbürger Stefan Meiler. "Wenn sonst kein Geld da ist, kann ich nicht empfehlen, 1000 Euro in Aktien zu investieren. Bitte nicht." Aber, so Wolf, es gebe auch Sparpläne für Aktienfonds ab 25 Euro im Monat.

Welche möglichen Folgen gibt es?

Die Zinsen wurden nach der Finanzkrise 2008 immer weiter gesenkt. Die Folge ist, dass Menschen, die über bescheidenere finanzielle Mittel verfügen, über das klassische Sparen und Versicherungen nur noch eine geringe Rendite erwirtschaften können. Andererseits haben sie viel weniger Möglichkeiten, an der Preisentwicklung für Sachwerte zu profitieren. Nicht jeder könne sich einfach so eine Immobilie leisten, meinte Wolf in dem Interview. Dabei sei es gerade für junge Menschen noch nie so wichtig gewesen, wie jetzt für das Alter vorzusorgen. „Das ist eine ganz große soziale Ungerechtigkeit. Eine politisch gewollte und gesteuerte Nullzinspolitik unterstützt ein weiteres Auseinanderdriften der Schere zwischen Arm und Reich". Aber trotzdem sind Experten optimistisch. Das Sparen ändere sich zwar, aber der Grund fürs Sparen nicht. Es gibt neue Möglichkeiten, man müsse sich nur öffnen.

Kommentar zum Weltspartag

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Oberpfalz
Hintergrund:

Weltspartag

  • Geschichte: Die Idee geht auf den ersten internationalen Sparkassenkongress im Oktober 1924 zurück. Seitdem wird er jedes Jahr in der letzten Oktoberwoche begangen.
  • Zweck: Er sollte nicht nur das Sparen fördern. Vielmehr stand bereits zu Beginn der pädagogische Aspekt im Vordergrund, die Finanzerziehung.
  • Zukunft: Das Sparen bleibt wichtig - und damit auch der Weltspartag. Wegen Inflation und Niedrigzins verändert sich aber die Art des Sparens. Das klassische Sparen ist heute nicht mehr sinnvoll.

 

 

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