11.05.2021 - 16:47 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Oberpfälzer Pater Matthias in Jerusalem schockiert über Gewalteskalation

Diesen Artikel lesen Sie mit
Alle Informationen zu OnetzPlus

Weltweit sehnen sich die Menschen wegen der Corona-Pandemie nach der Rückkehr zur Normalität. In Israel ist dank der Impfungen die Normalität zurück, mit ihren guten und bitteren Seiten. Ein Oberpfälzer Benediktiner berichtet aus Jerusalem.

Ein Wasserwerfer der israelischen Polizei wird in der Nähe des Damaskustors in der Altstadt von Jerusalem eingesetzt, als ein Feuer während Zusammenstößen zwischen der Polizei und palästinensischen Demonstranten brennt.
von Alexander Pausch Kontakt Profil

Nach dem Knall ist es in Jerusalem für einen Moment still, totenstill. Danach geht die Party weiter. Die einen feiern, dass die Rakete nichts getroffen hat, die anderen, dass es die Rakete von Gaza bis Jerusalem geschafft hat. Es ist die bittere Seite der Rückkehr zur Normalität, die Pater Matthias Karl beschreibt.

Der Benediktiner aus Schneeberg bei Winklarn (Kreis Schwandorf) hat am Montagabend den Raketenbeschuss der für Juden, Christen und Muslime heiligen Stadt, durch die islamistische Terrormiliz Hamas erlebt. Kurz nach 18 Uhr habe der Raketenalarm eingesetzt, darauf sei der Knall zu hören gewesen, erzählt der Prior am Dienstag am Telefon. "Da haben wir gewusst, es ist etwas passiert." Das erste Mal seit sieben Jahren, dass Jerusalem zum Ziel von Raketenangriffen wurde. Die Klostergemeinschaft musste während des Raketenalarms die Schutzräume im Kloster aufsuchen.

Pater Matthias lebt buchstäblich zwischen den Fronten. Die deutschsprachige Dormitio-Abtei auf dem Zionsberg mit dem Abendmahlssaal, der er sich vor Jahrzehnten angeschlossen hat, liegt im Niemandsland zwischen Israel und dem ursprünglich von Jordanien beanspruchten Westjordanland. Der Benediktiner kennt nicht nur die Konfliktlinien zwischen Israel und Palästinensern sondern auch die Risse in den jeweiligen Gesellschaften. Israel ist dank des Impferfolgs zur Normalität zurückgekehrt. "Wir laufen ohne Maske herum", erzählt er. Eisdielen und Kaffees sind voll besetzt. Die schöne Seite der Rückkehr zur Normalität.

Wie wir jetzt wissen, hat man im Gazastreifen lieber Raketen gebaut, statt Impfstoff zu besorgen.

 Pater Matthias Karl, Prior der Dormitio-Abtei in Jerusalem

Pater Matthias Karl, Prior der Dormitio-Abtei in Jerusalem

Raketen gebaut, statt Impfstoff zu beschaffen

Auf der anderen Seite gebe es in beiden Gesellschaften viel Frust und ungelöste Konflikte. etwa über den Ausgang der Wahl in Israel, die ungelöste Frage der Restituierung von jüdischem Besitz, weshalb sich Palästinenser bedroht fühlen und eine Räumung fürchten sowie die Absage der Wahl zum palästinensischen Parlament durch Mahmud Abbas. Der Ramadan sei immer eine Zeit der Spannung gewesen, sagt Pater Matthias. Dass es jetzt so gewalttätig eskaliert, hat ihn sichtlich überrascht und schockiert. Er beklagt, dass Extremisten die Feste missbrauchen und setzt seine Hoffnung auf jene Kräfte in beiden Gesellschaften, die diesen entgegentreten. Mit Blick auf Hamas sagt Pater Matthias, diese habe es nicht geschafft, Impfstoff zu beschaffen, aber sie habe Raketen gebaut. Sowohl im Westjordanland als auch im Gazastreifen ist die Corona-Pandemie wegen der wenigen Impfungen sehr dramatisch.

In München verfolgt die israelische Generalkonsulin Sandra Simovich mit großer Sorge, was in Israel geschieht. "Mein Kopf und mein Herz sind ständig dort", teilt sie auf Anfrage mit. Ihre Familie und ihre Freunden in Israel seien "zum Glück alle körperlich in Sicherheit". "Ich hoffe natürlich, dass es so bleibt." Sie verweist auf die vielen Tausend Israelis, "die weiterhin unter dem täglichen Sperrfeuer von Hunderten von Raketen leiden." Diese machten das Leben von israelischen Frauen, Männern und Kindern zu einem lang anhaltenden Dauertrauma.

Freunde, die in Aschkelon und anderen Gemeinden nahe der Grenze zum Gazastreifen leben, müssten ständig unter den Folgen leiden, die sich daraus ergäben, dass sie in der Nähe zur Terrororganisation Hamas leben, berichtet die Generalkonsulin. Hamas kontrolliert den Gazastreifen. Die jüngsten Angriffe sind aus Sicht von Simovich "Phasen der Eskalation, die von der Hamas absichtlich herbeigeführt werden".

Meine Freunde, die in Aschkelon und anderen Gemeinden nahe der Gaza-Grenze leben, müssen ständig unter den Folgen leiden, die sich daraus ergeben, dass sie in der Nähe einer Terrororganisation leben, der Hamas, die den Gazastreifen kontrolliert und dem örtlichen Islamischen Dschihad.

Sandra Simovich, israelische Generalkonsulin in München

Sandra Simovich, israelische Generalkonsulin in München

Mehr als 300 Raketen aus Gaza auf Israel abgefeuert

Für Simovich ist klar, dass die Ereignisse hierzulande die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, denn es ist eine "ungewöhnliche und schreckliche Situation, wenn Zivilisten von einer Terrororganisation ins Visier genommen werden." Zugleich betont sie, dass Israel die meiste Zeit, wenn es in Frieden leben dürfe und sich nicht verteidigen müsse, ein wunderbares Land ist. Deshalb wiederholt sie ihre "herzliche Einladung an jeden Deutschen, Israel zu besuchen und zu sehen, was das Land im akademischen, technologischen und touristischen Bereich zu bieten hat".

Die neu entstandenen Beziehungen zu den Vereinigten Arabische Emiraten, Bahrain, Marokko und Sudan sieht die israelische Diplomatin nicht gefährdet. Dieser Durchbruch sei möglich gewesen, "weil diese Länder beschlossen haben, nicht länger Geiseln in den Händen der Palästinenser zu bleiben". Die Generalkonsulin glaubt, dass "diese Länder verstehen, dass die Notwendigkeit Israels, seine Bevölkerung zu verteidigen und militärisch auf die Angriffe palästinensischer Terrororganisationen auf israelische Gemeinden zu reagieren, eine bedauerliche Notwendigkeit und keine Wahl ist".

Zeichen der Entspannung sind am Dienstagabend nicht zu sehen. Die Hoffnung von Pater Matthias auf eine De-Eskalation könnte sich zerschlagen. Seit Beginn des Konflikts sind nach Angaben der israelischen Streitkräfte mehr als 300 Raketen aus dem Gazastreifen auf Israel abgefeuert worden. In der südisraelischen Hafenstadt Aschkelon wurden zwei Israelis getötet. Eine Person wurde schwer, fünf leicht verletzt. Die israelische Luftwaffe zerstörte ihrerseits unter anderem Raketen-Abschusseinrichtungen der Hamas in dem Küstengebiet.

Interview mit Pater Matthias Karl zu Beginn der Corona-Pandemie

Winklarn

Die gefährliche Eskalation

Deutschland & Welt

 

 

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.