20.09.2019 - 11:37 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Prozess gegen Syrer: Dramatische Tatnacht

Vor dem Landgericht sagen im Totschlagsprozess gegen einen Syrer (28) die Nachbarn aus. Sie schildern ihre Rettungsversuche in der Nacht. Überraschende Erkenntnisse bieten zudem ein Flüchtlingshelfer und eine Kollegin des Angeklagten.

Bandar S. wartet auf den Beginn der Verhandlung. Der 28-jährige Koch aus Syrien hat im Januar diesen Jahres seine Partnerin mit einem Messerstich getötet, der eine Vene traf.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Solche Nachbarn wünscht man sich. Die komplette Hausgemeinschaft brachte sich in der Nacht zum 23. Januar am Altenstädter Lindenweg ein, um das Leben der 22-jährigen Syrerin Heba zu retten. Die dramatischen Minuten werden am Donnerstag vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Weiden noch einmal präsent. Die junge syrische Familie war ein Jahr vor der Tat, Anfang 2018, in eine Dachwohnung eingezogen. Man kannte sich vom Grüßen, mehr nicht. "Wenn wir uns begegnet sind, hat sie immer auf den Boden geschaut", sagt die junge medizinische Fachangestellte, die Tür an Tür lebte.

Das eigentliche Problem - unerklärlicher nächtlicher Lärm - trat schon recht bald auf. "Einmal habe ich gedacht, die räumen nachts ihre Wohnung um." Auch eine Etage tiefer hörte man regelmäßig Trampeln und Rumpeln. In einer Augustnacht stand das halbe Haus im Bett, weil es minutenlang "buschte". Gleich zwei Mieterinnen liefen in ihren Flur, weil sie dachten, ihnen würde gerade die Tür eingetreten.

Je nach Lage der Wohnung hörten die Aufgeweckten auch Schreie. "Keine Schmerzensschreie, eher Streit." Zu hören sei ausschließlich die Frau gewesen, nie der Mann. Eine Mieterin wandte sich an die Hausverwaltung. "Man sagte mir, ich sei ausländerfeindlich und geräuschempfindlich." Eine Nachbarin stellte Bandar S. zur Rede. Er sagte, das Kind habe sich eingeschlossen und seine Frau die Tür eingetreten. Vor Gericht erklärt er jetzt, dass er sich regelmäßig selbst eingeschlossen hätte, um seiner aggressiven Frau zu entgehen.

In der Tatnacht denkt man sich: "das Übliche." Von 21 bis 3 Uhr versucht die medizinische Fachangestellte, in den Schlaf zu finden. "Das hörte sich, als würden sie die ganze Wohnung zusammenknallen." Als Bandar S. bei ihr Sturm klingelt, will sie aus Angst erst gar nicht aufmachen. Durch einen Spalt sieht sie Heba blass am Türrahmen zu Boden sinken. Der Angeklagte ruft: "Hilfe, Hilfe, Krankenwagen, Polizei!" Die 27-Jährige setzt einen Notruf ab. Dann fasst sie sich ein Herz und geht ins Treppenhaus. "Ich dachte mir: Du musst ihr helfen. Sie hat Kinder." Sie habe versucht, die Syrerin wachzuhalten: "Du schaffst das! Deine Kinder brauchen dich. "

Professionelle Reanimation

Bandar S. klingelt auf ihre Anweisung hin alle Nachbarn heraus. Eine Zahnärztin (32) und eine betriebliche Ersthelferin (48) wechseln sich bei der Herz-Druck-Massage ab, bis die Rettungskräfte eintreffen. Sie haben keine Chance. Der Messerstich in den Rücken war durch die Lunge bis ins Herz vorgedrungen. Laut Rechtsmediziner war eine Vene eröffnet. Heba verblutete nach innen.

"Warum hast du das getan?", fragt eine Nachbarin den Angeklagten in diesen Minuten. Er sagt: "Weil sie immer streitet." Es ist schwer zu sagen, wer in dieser Beziehung der Böse war. Freunde und Angehörige gibt es nicht. Am Donnerstag beschreibt ein Flüchtlingshelfer aus Etzenricht den Angeklagten: "Ich kenne Bandar als ruhig und besonnen." Er sei wie "vom Blitz getroffen" gewesen, als er von der Tat hörte.

Tat "traf mich wie der Blitz"

Der Syrer sei ihm aufgefallen, weil er gut Deutsch sprach und ihm als Dolmetscher half. "Ich kann eigentlich nur Positives berichten. Er hat in der Unterkunft beruhigend gewirkt." Dort habe Bandar S. auch die alleinerziehende Mutter Heba kennengelernt. Bald habe man die beiden händchenhaltend im Ort gesehen, er schob den Kinderwagen mit ihrem Sohn (jetzt 4). Nach dem Umzug nach Altenstadt blieb der Kontakt über Whatsapp bestehen. Bandar schickte Fotos seiner neugeborenen Tochter. Zur Ehe der beiden kann der Flüchtlingshelfer nichts sagen. Nach seinem Eindruck habe Heba ihren Sohn nachlässig betreut.

Eine Kollegin (45) aus Weiden sagt aus. Ihr war der Angeklagte beim Kommissionieren zugeteilt worden. "Das lief sehr gut. Er war sehr höflich, freundlich. Ich habe gern mit ihm zusammengearbeitet." Er erzählte auch Privates. Von Eheproblemen sagte er nichts. Gemeinsam mit einer Deutschlehrerin war sie in Altenstadt zum Essen eingeladen. "Er wollte, dass seine Frau mehr Kontakt zu anderen Frauen bekommt." Das sei schwierig gewesen, weil diese nur ein paar Brocken Deutsch sprach. Fortsetzung des Verfahrens ist am Montag, 14 Uhr.

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