23.11.2021 - 18:08 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Rachefeldzug durch Weiden: Anwalt in Kanzlei niedergeschlagen

Es war eine Art Rachefeldzug. Ein Betriebswirt (32) glaubt seit Jahren, übervorteilt zu werden. Im März schritt er zur Tat: Er schlug einen Geschäftspartner und einen Weidener Anwalt nieder. Jetzt steht er vor Gericht.

Das erfordert einigen Kraftaufwand: Ein 32-jähriger Weidener schlug im März nicht nur auf zwei gestandene Männer ein, er zertrümmerte auch eine Autoscheibe.
von Christine Ascherl Kontakt Profil

Den Behörden ist der 32-jährige Betriebswirt bestens bekannt. Kaum jemand, den er noch nicht angezeigt hat. Polizisten, Staatsanwälte, Richter, Anwälte, Geschäftspartner, Stadträte... Jahrelang belästigte der Weidener alle möglichen Menschen mit seinen E-Mails und Telefonanrufen. Im Frühjahr erreichten seine Attacken eine neue Ebene: Er schlug erst den Käufer seines früheren Geschäftshauses, dann einen bekannten Weidener Anwalt in dessen Kanzlei nieder. Seit Montag steht der 32-Jährige vor der Strafkammer des Landgerichts Weiden.

Der Vorwurf: versuchte besonders schwere räuberische Erpressung plus Körperverletzung. Die Staatsanwaltschaft will ihn nicht in einem Gefängnis einsperren. Sie hat vielmehr ein Sicherungsverfahren beantragt. Sprich: Ziel ist die Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus. Der 32-Jährige befindet sich seit den Vorfällen vom März in psychiatrischen Abteilungen von Justizvollzugsanstalten.

Zu seinem Gerichtsverfahren wird er aus Straubing gebracht. Äußerlich ruhig, merklich unter Medikamenteneinfluss. Er entschuldigt sich artig bei allen Opfern. Die Staatsanwaltschaft nimmt ihm die Einsicht nicht ab: "Ich würd's gern glauben", sagt Staatsanwalt Richard Caja. Allerdings seien erst letzte Woche wieder drei Strafanzeigen auf den Tisch geflattert, die der Angeklagte aus der JVA heraus gestellt hat. Der Angeklagte zeige immer noch paranoide Zeuge. "Er geht weiter davon aus, dass sich alle gegen ihn verschworen haben." Vor vier Wochen schrieb der 32-Jährige an den Landgerichtspräsidenten und beklagte sich über seine aktuellen Verteidiger. Es wären nicht die ersten, die er ablehnt.

Bisher "nur" Telefon-Terror

Es zieht sich wie ein roter Faden durch viele Jahre. "Er fühlt sich hintergangen von allen möglichen Behörden, was die Pleite des Familienbetriebs angeht", erklärt ein Polizeibeamter der Weidener Inspektion. Der Weidener terrorisiere die vermeintlichen Feinde mit E-Mails und Anrufen. Eine Stadträtin habe er derart gestalkt, dass die Polizei eine Gefährderansprache vornahm.

Auch den Opfern vom 25. März 2021 ging er auf die Nerven. Sie legten mittlerweile auf, wenn er anrief. Aber Gewalt? Am 25. März 2021 schreitet der 32-Jährige aus heiterem Himmel zur Tat. Erstes Opfer: ein Weidener Geschäftsmann, der 2017 die Gewerbeimmobilie der Familie gekauft hatte. Er arbeitet nachmittags in seinem Büro, als ihn Geschrei im Flur unterbricht: "Du Drecksau, ich kriege 60000 Euro von dir." Ehe er sich versieht, steht der Angreifer im Büro. Es setzt "Granatenschläge", sagt der Unternehmer: "10 bis 15 Mal, taktaktak." Eine Videoaufnahme zeigt, mit welcher Wucht und welchem Tempo die Schläge auf den Unternehmer einprasseln.

Ein Mitarbeiter und ein benachbarter Security-Dienst kommen dem 48-Jährigen zu Hilfe. Der Geschädigte glaubt, einen Gabelschlüssel beim Angreifer gesehen zu haben. Die Forderung sei im Übrigen reine Phantasie. Das Gebäude sei von der Mutter des Angeklagten notariell gekauft worden, 2017 erfolgte die ordnungsgemäße Schlüsselübergabe.

Anwalt in Kanzlei niedergeschlagen

Am 10. Dezember beginnt ein weiteres Sicherungsverfahren vor dem Landgericht

Weiden in der Oberpfalz

Der Täter zieht weiter. Nächstes Ziel: eine Anwaltskanzlei. Auch hier ist der 32-Jährige der irrigen Meinung, alte Rechnungen offen zu haben. Auf dem Parkplatz schlägt er erst die Rückscheibe des Mercedes ein. Dann stürmt er ins Büro. Auch hier kennt man ihn seit Jahren. Der Empfang ist an diesem Nachmittag mit zwei Angestellten besetzt. Entsetzt beobachten sie, wie der frühere Mandat ihren überrumpelten Chef umstößt, "obwohl der so groß und stark ist", wie eine der Damen sagt. Der Anwalt geht zwischen Theke und Schrank zu Boden und ist praktisch gefangen: "Dann hat's auf meinen Kopf eingeprasselt." Akten fliegen, ein Blumentopf geht zu Bruch.

Einer der Frauen gelingt es, den Angeklagten an seiner Kapuze wegzuziehen. Er haut ab, und der Jurist setzt sich erst einmal ans Telefon und warnt seine Frau und eine befreundete Anwältin, von der er weiß, dass auch sie eine erklärte Feindin des Betriebswirts ist: "Pass auf, der ist unterwegs." Der Jurist berichtet vom Unbehagen in den Tagen danach, trotz Schäferhund und Alarmanlage, ehe schließlich die Inhaftierung erfolgte. Vor Gericht als Zeuge ist der Anwalt abgeklärt. Es sei auch nicht so, dass er wegen des Vorfalls nachts schweißgebadet aufwache. Aber: "Mir geht es um die Zukunft. Wer sagt, dass sich das nicht wiederholt und zwar in anderem Maße."

Die Verhandlung wird von Dr. Anatoli Abramovic, Leiter der psychiatrischen Abteilung der Justizvollzugsanstalt Würzburg, beobachtet. Von seiner Einschätzung als psychiatrischem Sachverständigen wird abhängen, ob eine Unterbringung in einem psychiatrischen Krankenhaus in Betracht kommt. Die Entscheidung wird durch die 1. große Strafkammer des Landgerichts Weiden unter Vorsitz von Richter Matthias Bauer gefällt.

 

 

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