22.01.2020 - 15:48 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Sporthallen-Anbau: Weidener Stadtrat dreht wenig rühmliche Ehrenrunde

Das Thema war eigentlich entschieden. Doch dann kommen im Stadtrat plötzlich wieder Zweifel auf, ob es den Multifunktions-Anbau an die Realschulsporthalle wirklich braucht. Das Ende: Fraktionsübergreifendes Kopfschütteln.

Die Sanierung der Realschul-Sporthalle (hinten) läuft und ist wohl abgeschlossen, bevor der geplante Anbau in Angriff genommen wird. Über letzteres Projekt entbrennt überraschend eine kontroverse Diskussion.
von Ralph Gammanick Kontakt Profil

Nachdem die Diskussion längst aus dem Ruder gelaufen war, trat der CSU-Fraktionsvorsitzende ans Rednerpult. "Das ist verschwendete Lebenszeit im Moment", merkte Markus Bäumler trocken an. Denn das Thema, um das es ging, war ja längst vorentschieden: Im vergangenen Jahr votierte der Bauausschuss – mit 10:0 Stimmen! – für einen multifunktionellen Anbau an die Realschul-Turnhalle. Inzwischen ist ein weiterer Punkt abgearbeitet: Vertreter des Weidener Sports formulierten, wie der kleine Anbau ausgestattet sein soll. Und ausgerechnet einer der obersten Sportfunktionäre stellte nun in der jüngsten Stadtratssitzung alles infrage.

"Zwei Herzen schlagen in meiner Brust", bekannte Reinhard Meier: einerseits das des Chefs des Stadtverbandes für Leibesübungen, der, wie ihm SPD-Vertreter wenig später vorhielten, beim Anbau auch "die größe Lösung" gefordert hatte. Als Bürgerlisten-Stadtrat störte er sich nun aber an geschätzten Kosten von 700.000 bis 800.000 Euro. Denn die sähe er lieber in eine neue Dreifachturnhalle bei der FOS/BOS investiert, erklärte Meier. Nicht nur Gisela Helgath (Grüne) stieg darauf ein ("Wir haben Pflichtaufgaben"). Auch Karlheinz Beer (CSU) warnte vor "erheblichen Mehrkosten", falls während der laufenden Sanierung Änderungen vorgenommen würden. "Ihr macht euch gegenseitig kirre", warf OB Kurt Seggewiß ein – trug dann aber auch nicht eben zur Beruhigung bei. Zunächst erinnerte er daran, dass die "kleine Lösung" für 280.000 Euro bevorzugt werde. Nach den Wünschen der Vereine, die unter anderem eine Versetzung des Zugangs vorsehen, "sind wir bei 700.000. Da bin ich bei Frau Helgath. Und jetzt hockt ihr da und wisst nicht, wie es weitergeht. Das ist nicht sehr produktiv, was wir gerade hier leisten."

Zumal die Politik "schon mehrere Schritte weiter war", wie Hildegard Ziegler (SPD) erinnerte. Dass der Stadtrat den Anbau für sinnvoll und notwendig erachte, sei nicht zur Debatte gestanden. "Es ging nicht ums Ob, sondern ums Wie." Fraktionskollege Matthias Loew hatte bereits eingangs den Werdegang der Entscheidungen geschildert, die 2018 ihren Anfang nahmen. Bis Sommer 2019, so bedauerte er, sei der Anbau dennoch nicht in die Planungen eingeflossen. Daher habe die SPD "schnell einen Antrag nachgeschoben". Vereine waren aufgerufen, ihre Bedürfnisse zu formulieren – Wünsche unter anderem nach Besprechungs- und Verkaufsraum wurden laut. Und nach einem weiteren Zugang auf der Ost- oder Südseite, so dass Zuschauer bei Sportveranstaltungen nicht quer übers Spielfeld laufen müssen. Bürgermeister Lothar Höher (CSU) ergriff danach das Wort, um deutlich zu machen: Dass es den Anbau braucht, sei "parteiübergreifende Meinung".

Die folgende Debatte zeigte: Höher irrte offenbar. Auch wenn SPD-Fraktionschef Roland Richter nachlegte: "Der Sport sagt: Wir wollen es haben, dann lasst es uns auch machen!" Als ehemaliger Handballer brach Heiner Vierling (CSU) eine Lanze für den Anbau. Das Versetzen einer Tür dürfe nicht entscheidend für das Projekt sein. "Ich verstehe die Diskussion in weiten Teilen überhaupt nicht mehr", wetterte dagegen Stefan Rank (Bürgerliste). CSU und SPD seien doch einst der Meinung gewesen, die Halle solle dem Schul- und nicht dem Vereinssport dienen. Höher: "Wir fangen jetzt wieder dort an, wo wir vor drei Jahren begonnen haben." Laut Seggewiß dürfte es schwierig werden, den Anbau noch in den laufenden Bauprozess einzuschieben: "Die Sanierung ist im September fertig."

"Das sind so die Highlights in diesem Gremium", stöhnte Karl Bärnklau (Grüne). "Es ist Wahlkampf." Zur Befriedung trug letztlich Höhers Hinweis bei, worüber die Stadträte nun eigentlich abstimmen sollten: nur darüber, dass die Verwaltung die "Bedarfsermittlung quantifiziert und in eine wirtschaftliche Planung überführt". CSU-Mann Bäumler übersetzte: "Wir müssen heute nur auf den Weg bringen, dass die Verwaltung einen Vorschlag erarbeitet." Und dafür waren die Stadträte dann – nach der ausufernden kontroversen Diskussion – fast einstimmig. Einzig Karlheinz Beer blieb bei seiner Ablehnung.

Weiden in der Oberpfalz
Kommentar:

Verschwendete Lebenszeit

"Typisch Wahlkampf“, knurrte einer in den hinteren Reihen des Stadtrats. Recht hat er – und auch nicht. Denn: Sollte es im Wahlkampf nicht das Bestreben eines Politikers sein, sich in möglichst gutem Licht zu präsentieren? Schade, dass das am Montag in der Diskussion um den Realschul-Anbau meist in die Hose ging. Eine ganze Reihe von Wortbeiträgen ließ darauf schließen, dass ihre Urheber weder über die bisherigen Beschlüsse im Bilde waren, noch dass sie den aktuellen Beschlussvorschlag gelesen und verstanden hatten. Aber Hauptsache, irgendwas dazu g’sagt. Wahlkampf halt.
„Verschwendete Lebenszeit“, schimpfte CSU-Fraktionschef Markus Bäumler irgendwann. Stimmt. Doch dann wurde es erst richtig absurd: Ein Stadtrat nach dem anderen stand auf, um die Diskussion um die Feststellung zu ergänzen, wie unsinnig und müßig sie sei. Und keinem fiel auf, dass das ja eigentlich ein Widerspruch in sich ist.
In den hinteren Reihen warteten viele Zuhörer (Wähler!) derweil auf die Themen, die ihnen wirklich wichtig waren: das Kulturhaus und die Neuausrichtung des Christkindlmarkts. Und sie warteten. Und warteten. Auch für sie: viel verschwendete Lebenszeit.

Ralph Gammanick

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