22.05.2020 - 12:31 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Stadt Weiden fordert "Moskauer Circus" zum Verlassen auf

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Der Festplatz vermüllt. Die Stadt sieht sich ausgenutzt und fordert den gestrandeten "Moskauer Circus" auf, das Feld bis Montag zu räumen. Doch daraus wird wohl nichts.

"Auf Wiedersehen" steht auf dem Schild im Hintergrund. Doch Gino Frank sieht keinen Grund, diesem Gruß nachzukommen.
von Helmut KunzProfil

Der Marschbefehl liegt vor. Doch die Truppe verweigert ihn. Am Montag, 25. Mai, soll der „Moskauer Circus", der zu Beginn der Corona-Krise auf dem neuen Festplatz gestrandet ist, gemäß einer Anordnung der Stadt Weiden seine Zelte abbrechen. Aber Junior-Chef Gino Frank pfeift auf die Frist, weil er einfach gar nicht anders könne. „Wir können nicht weg. Wo sollen wir hin?“ Begründet wird die Abfuhr klipp und klar mit Geldmangel. „Wenn uns die Stadt nicht weiterhilft und uns einen Neustart ermöglicht, sind wir Ende August noch hier.“

Vorwürfe in Pressemitteilung

Wie die Stadt Weiden in einer Presseerklärung mitteilt, hat sie den Zirkus zum Verlassen des Festplatzes aufgefordert. Als Begründung gibt sie die hygienischen Zustände, die Vermüllung des Festplatzes und die fehlende Kooperationsbereitschaft der Verantwortlichen des Zirkusunternehmens "Moskauer Circus" an. Dies habe die Stadt veranlasst, nach Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen in Bayern das Festgelände räumen zu lassen. „Leider wurde das große Entgegenkommen der Stadt ausgenutzt“, erklärt Stadtkämmerin Cornelia Taubmann.

Gegen das Papier der Stadt Weiden habe man keinen Widerspruch eingelegt, sagt Gino Frank. Den Räumungsbefehl werde man wohl aussitzen. „Der komplette Betrieb ist ohne TÜV, hat keine Versicherungen. Unser Fuhrpark ist abgemeldet. Wir müssen erst mal unser Equipment wieder instand setzen. Bei uns fehlt es hinten und vorn.“ Im hessischen Fulda stehe das Signal zwar auf Grün, man könnte dort wieder Gastspiele veranstalten. Aber der Weg dorthin sei weit und koste Geld. „Wir müssten werben, Platzmiete zahlen, unsere Versicherungen wieder anmelden. Aber womit?"

Auf dem Festplatz parkten derzeit 40 Fahrzeuge, alle ohne gültige TÜV-Plakette. „Das hätten wir alles während dieser Saison erledigt. Aber Corona kam uns dazwischen. Was sollten wir machen?“ „Wir können ja nicht auf die Straße.“

"Das traut sich die Stadt nicht"

Die Stadt habe zwar gedroht, im Falle einer Platznutzung nach dem 25. Mai den Strom abzuklemmen. Aber dann säßen 60 Personen im Dunkeln. Frank: „Das traut sich die Stadt Weiden nicht." Den Zirkusleuten mache es gewiss keinen Spaß. in Weiden zu bleiben. Sie würden viel lieber auftreten. „Aber durch die zweieinhalb Monate, die wir hier sind, kommt kein Einkommen rein.“ Ein Rattenschwanz.

Nur drei Familien aus der großen Zirkusfamilie bekämen Hartz IV über das Job-Center bezahlt. Insgesamt 1500 Euro. Viel zu wenig Geld für die fünf Dutzend Menschen. „Von der Stadt Weiden kommt gar nichts. Die hilft nicht. Unsere 20 Artisten bekommen schon seit zweieinhalb Monaten keinerlei Unterstützung.“ Eines werde die Stadt Weiden nicht schaffen: „Sie kann uns nicht auf die Straße setzen. Wir haben Kinder und wir haben 20 Tiere dabei." Man sei schließlich der drittgrößte Zirkus Deutschlands.

Derzeit grasten hinter dem Gelände Pferde, Ponys und drei Kamele. „Alles unsere Haustiere. Die Raubtiere und Seelöwen waren zugemietet, die sind wieder bei ihrem Besitzer.“ Außer den Zirkusleuten beherbergt der Festplatz auch ein „Monster-Truck-Team“, das Gino Franks Onkel Gerhard Frank betreibt. Die Auto-Crash-Fahrer hatten vor dem Shutdown noch Auftritte in Vohenstrauß absolviert, wohnten aber schon damals mit ihrem Fuhrpark auf dem Weidener Festplatz. Gino Frank: "Das Team gehört zu uns."

Müllberg "zieht Ratten an"

„Wir haben den neuen Oberbürgermeister von Weiden schon um Hilfe gebeten, wollten ein Darlehen. Aber da hat sich bis jetzt nichts bewegt.“ Man wolle ja nicht einmal Geld, sondern nur Hilfestellung. Allein zweieinhalb Monate habe es gedauert, bis der riesige Müllberg seitens der Stadt entsorgt worden sei. „Ich fand das unschön. Das zieht ja Ratten an.“ Und: „Wir warten immer noch auf die Sperrmüllabfuhr.“ Die Stadt wiederum wirft dem Zirkusunternehmen diese Vermüllung vor.

Der Schulbetrieb für Zirkuskinder ist laut Frank gesichert. Ähnlich, wie Schaustellerkinder auch, werde der Zirkus-Nachwuchs online unterrichtet. "Schon seit 15 Jahren gibt es eine eigene Zirkusschule am Computer. Bei uns hat es keinen Schul-Stopp gegeben. Finanziert wird das in unserem Fall über Nordrhein-Westfalen." Wie Gino Frank betont, hielten sich in der Wohnwagenstadt auf dem Festplatzgelände aktuell 28 Kinder im Alter von zwei bis 14 Jahren auf.

„Das Autokino hätte uns in finanzieller Hinsicht sehr geholfen." Aber: Die Stadt Weiden lasse ja nicht mal den Zirkus auftreten in der Krise oder gar die Monster-Truck-Show auf dem Festplatz, so dass Einnahmen reinkommen würden. Die Hoffnung, noch vor der Abreise wenigstens einige Vorstellungen absolvieren zu können, habe man hier längst aufgegeben. Nach dem Autokino-Aus seien die Chancen gleich Null. Die anfängliche Spendenbereitschaft aus der Bürgerschaft habe nachgelassen. Gerüchten, dass Zirkusleute in Weiden betteln gingen, tritt Gino Frank entgegen. „Wir tun das nicht. Das sind Trittbrettfahrer.“

Stadt: Unterstützung gewährt

Die Stadt erinnert in ihrer Pressemitteilung an den ursprünglichen Mietvertrag für ein Gastspiel vom 12. bis 15. März mit Aufbau ab 9. März und Abbau bis 16. März. Nach der Untersagung der Vorstellungen wegen Corona habe die Stadt Weiden das Mietverhältnis gekündigt und dem Zirkusunternehmen ohne Anerkennung einer Rechtspflicht für den Erlösausfall 8500 Euro ausbezahlt, für den Abtransport der Seelöwen und Tiger gesorgt und Unterstützung bei den Antragstellungen auf Corona-Soforthilfe und Zahlungen des Job-Centers geleistet. Für Diesel zur Beheizung und Betrieb der Fahrzeuge und als Überbrückungshilfe seien weitere 1100 Euro bereitgestellt worden.

„Mülltonnen wurden bereitgestellt, Wasser und Stromanschluss ist verfügbar – und zum Dank sieht das Festplatzgelände jetzt so aus, dass eine Verpachtung der Restflächen für keinen anderen Betreiber zumutbar ist“, unterstreicht Kämmerin Taubmann. Die Stadt habe deswegen die Räumung bis Montag, 25. Mai, erbeten. Eine Nachfrage von Oberpfalz-Medien, wie die Stadt ihre Forderung notfalls durchsetzen will, blieb unbeantwortet.

Erklärung der Stadt Weiden im Wortlaut:

"Entgegenkommen der Stadt ausgenutzt"

Die hygienischen Zustände, die Vermüllung des Festplatzes und die fehlende Kooperationsbereitschaft der Verantwortlichen des Zirkusunternehmens Moskauer Zirkus veranlassen die Stadt nach Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen in Bayern das Festgelände räumen zu lassen.

„Leider wurde das große Entgegenkommen der Stadt ausgenutzt“, so das Fazit der Weidener Stadtkämmerin unter Hinweis auf eine den Medien überlassene Bilderdokumentation.

Die städtischen Liegenschaften hatten im Januar mit dem Zirkusunternehmen einen Mietvertrag für ein Gastspiel vom 12.3. bis 15. 3.2020 mit Aufbau ab 9. 3.20 und Abbau bis 16. 3.2020 vereinbart.

Nachdem am 10. 3.2020 der erste nachgewiesene Corona-Virusfall in Weiden publik wurde, musste die Durchführung von Zirkusveranstaltungen untersagt werden. Im Zuge der Untersagung hat die Stadt Weiden das Mietverhältnis gekündigt und dem Zirkusunternehmen ohne Anerkennung einer Rechtspflicht für den Erlösausfall 8500 Euro ausbezahlt, für den Abtransport der Seelöwen und Tiger gesorgt, Unterstützung bei den Antragstellungen auf Corona-Soforthilfe und Zahlungen des Job-Centers geleistet. Für Diesel zur Beheizung und Betrieb der Fahrzeuge und als Überbrückungshilfe wurden weitere 1100 Euro bereitgestellt.

Auch die Bürgerschaft in Weiden, angefangen von Privatpersonen bis hin zur Tafel und Landwirten aus der Umgebung haben versucht zu helfen, wo es ging. „Mülltonnen wurden bereitgestellt, Wasser und Stromanschluss ist verfügbar - und zum Dank sieht das Festplatzgelände jetzt so aus, dass eine Verpachtung der Restflächen für keinen anderen Betreiber zumutbar ist“, so Cornelia Taubmann.

Die Stadt hat deswegen die Räumung bis Montag, den 25.05.2020, erbeten. Gleichzeitig bedankt die Stadt sich herzlich bei allen Unterstützern und Helfern, „auf die Weidener ist Verlass“, so Oberbürgermeister Jens Meyer abschließend.

So fing alles an:

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Über die Notlage des Zirkus':

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Und dann brannte es auch noch:

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