24.05.2022 - 15:49 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Team von Oberpfalz-Medien gewinnt renommierten Medienpreis

Eva-Maria Hinterberger, Magdalena Raß und Isabell-Katrin Diehl werden für die Aktion #oberpfalzwirmüssenreden mit dem Dr.-Georg-Schreiber-Medienpreis ausgezeichnet. Das Projekt richtet sich gegen sexuelle Belästigung in sozialen Netzwerken.

von Maria Oberleitner Kontakt Profil

Den Anruf, dass die drei Mitarbeiterinnen von Oberpfalz-Medien für ihr Projekt #oberpfalzwirmüssenreden den Dr.-Georg-Schreiber-Medienpreis in der Kategorie Online gewinnen, hat Eva-Maria Hinterberger im Homeoffice angenommen. "Ich hatte absolut nicht damit gerechnet." Umso größer ist nun die Freude, auch für Chefredakteur Kai Gohlke – obwohl dieser sich schon bei Projektstart recht sicher war, dass es dafür einen Preis geben könnte. "Ich kann mich an kaum ein Magazin erinnern, mit dem wir uns vorab so intensiv beschäftigt haben. Wir wollten, dass es komplett auf den Punkt ist", sagt er rückblickend. Im Vorjahr ging der Preis in der Kategorie Online an ein Team um Jonathan Sachse vom Recherchezentrum "Correctiv" und ARD-Dopingteam für das Projekt "Pillenknick". Nun gewinnen ihn drei Oberpfälzerinnen mit ihrem Projekt über belästigende Nachrichten und Bilder in sozialen Netzwerken.

Die ausgezeichneten Magazinseiten

Idee und Initiative für #oberpfalzwirmüssenreden gingen von Magdalena Raß aus. "Jedes Mädchen, jede Frau kennt dieses Problem." Die 27-jährige Social-Media-Expertin holte sich mit Online-Redakteurin Eva-Maria Hinterberger (34 Jahre) und Mediengestalterin Isabell-Katrin Diehl (26 Jahre) zwei Kolleginnen an Bord. Alle drei hatten noch nie zuvor als Team zusammengearbeitet – und saßen bei den Besprechungen für das Projekt auch kein einziges Mal alle an einem Tisch, fiel das Projekt doch mitten in eine Corona-Hochphase. "Zum ersten Mal wirklich gesehen haben wir uns, als wir die Veröffentlichung beim Italiener gefeiert haben", erinnert sich Magdalena Raß. Ihr selbst, das betont sie mehrmals, ist dieses Projekt zu einem ganz persönlichen Anliegen geworden.

Das verbindet die drei – das Thema liegt ihnen besonders am Herzen. Man spürt heute noch, mit wie viel Emotion und Enthusiasmus sie über das Thema sprechen. "Ich werde da auch noch in zehn Jahren dran denken", sagt Raß. Im Team übernahm jeder andere Aufgaben – und so verbanden sich ihre Kompetenzen in den Themen Redaktion, Grafik, Video und Social Media. Für den Hashtag entschieden sich die drei auch deshalb, weil es um das Medium Internet als Raum geht, in dem diese Nachrichten verschickt werden. Gut fünf Monate lang arbeiteten sie zu dritt an dem Projekt. "Die Zeit haben wir wirklich gebraucht", sagt Hinterberger. "Wir alle haben das neben dem Tagesgeschäft gemacht." Einen Teil des Preisgeldes, insgesamt 5000 Euro, wollen die drei Oberpfälzerinnen nun spenden.

Erschienen sind die prämierten Beiträge schließlich im Mai 2021 im Onetz und in einem Wochenend-Magazin der Tageszeitung über sieben Seiten. "Ich weiß noch, ich bin am Erscheinungstag morgens direkt zum Postkasten gelaufen", erinnert sich Diehl. Raß lacht. "Ich habe mir direkt am Bahnhof eine Zeitung gekauft." Zum Thema gemacht haben die drei Frauen nicht nur, wie die Nachrichten aussehen, die Frauen im Internet zugeschickt werden, sondern auch, wie die Betroffenen mit solcher Post – seien es nun "Dickpics" oder anzügliche Textnachrichten – umgehen. Dazu hat Hinterberger ein Interview mit dem Weidener Anwalt Rouven Colbatz geführt, der die genaue Rechtslage erklärt und einordnet, ab wann welche Nachricht als Straftat gewertet werden kann. Sie hat mit der Weidener Frauenberatungsstelle Dornrose über Hilfen bei digitaler Gewalt gesprochen und mit Hilfe einer Studie versucht zu erklären, weshalb Männer ungefragt Dickpics an meistens fremde Frauen verschicken.

Überwältigende Resonanz

Per Instagram-Aufruf suchten die drei Preisträgerinnen nach Mädchen und Frauen, die offen über ihre Erfahrungen sprechen und Screenshots der Nachrichten an die Redaktion senden würden. "Uns war wichtig, dass der Aufruf möglichst lebensnah ist", erklärt Raß. Die Resonanz ereilte sie mit solcher Wucht, dass sie selbst überwältigt waren, erinnert sich Raß: "Ab diesem Zeitpunkt war uns klar: Das ist wirklich ein Problem, das einfach jede Frau betrifft. Wir müssen das groß thematisieren." 25 000 Aufrufe auf Instagram, 508 Likes, gut 40 Oberpfälzerinnen schickten Nachrichten oder boten sich als Gesprächspartnerinnen an. Mit vier von ihnen sprach Hinterberger schließlich.

Schnell war klar: Das ist ein Thema, über das kaum öffentlich gesprochen wird. Oder nur im Kreis enger Freundinnen. Eigentlich wollten sie einige Frauen und ihre Geschichten zeigen – mit Namen, mit Gesicht. "Wir wollten offensiv damit umgehen." Dann aber hätten sie so viele explizite Nachrichten erreicht, dass sie sich dazu entschlossen haben, alles zu anonymisieren. Nur die Verortung der Frauen im Heimat-Landkreis blieb. Manche Nachrichten hätten sie selbst schockiert. "Jede der Nachrichten war anders. Und ich hatte das Gefühl, jede setzt nochmal eines obendrauf", sagt Hinterberger. Das habe sie schon runtergezogen, erinnert sich Isabell-Katrin Diehl. "Besonders schlimm fand ich aber, dass wirklich heftige Nachrichten – nur Text, kein Körperkontakt – streng genommen nicht als sexuelle Belästigung gelten."

In Isabell-Katrin Diehls Händen lag die Gestaltung. Weil die Betroffenen anonym bleiben sollten, entschied sie sich auch für den Rest der Illustrationen gegen klassische Bilder und für minimalistische Line-Art-Icons. "Wir wollten auch grafisch einen roten Faden, der sich durch das ganze Projekt zieht." Das Thema sollte so den Raum bekommen, den es verdient hat – das war Diehls größtes Anliegen. Auch deshalb hatte sie dafür ein ganzes Design-Handbuch entworfen. "Mir war wichtig, dass zur Not auch jemand anders noch Grafiken hätte ergänzen können. Ich hatte zu dieser Zeit noch nicht ausgelernt und stand kurz vor den Abschlussprüfungen." Rückblickend ergänzt sie: "Ich denke, wir können stolz auf uns sein."

Worte, die nicht in die Zeitung gehören

Auch das Schreiben der Texte hatte es in sich – auch, weil es für diese Art von sexueller Belästigung im Internet kein Wort gebe. "Die Recherche war schwierig, weil es kaum Material dazu gab", erinnert sich die Online-Redakteurin Hinterberger. "Rückblickend ist es umso schöner: Wir haben uns inhaltlich so tief damit auseinandergesetzt, dass wir jetzt sagen können: Es ist komplett unser Thema." Dazu komme: "Da stehen Wörter, die schreibt man nicht in die Zeitung. Aber sie nicht zu schreiben, hätte das Problem verharmlost."

"Wir als Unternehmen haben schließlich auch noch einen Instagram-Account dazu eröffnet, weil wir das als Statement so auch konkret online haben wollten", so Raß. Anfangs sei die Serie online auch nur Onetz-Plus-Abonnenten zugänglich gewesen, inzwischen ist sie frei zugänglich. "Wir spielen das Thema auch immer wieder über die verschiedensten Kanäle aus. Uns ist wichtig, dass das kein Strohfeuer ist", so Gohlke. Maximale Aufmerksamkeit für das Thema also. Auch sollten Eltern so auf die Problematik aufmerksam werden. "Sicher war einigen Zeitungslesern möglicherweise nicht bewusst, dass es dieses Problem überhaupt gibt." Ein Bewusstsein dafür zu schaffen, das ist den drei Preisträgerinnen sicherlich geglückt. Sie sehen den Preis auch als Möglichkeit, das Thema nun wieder aufzugreifen – eine Herzensangelegenheit eben.

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Hintergrund:

Das ist #oberpfalzwirmüssenreden

  • #oberpfalzwirmüssenreden ist eine Kampagne von Oberpfalz-Medien gegen sexuelle Belästigung im Internet.
  • Idee und Umsetzung der Kampagen stammen von drei Mitarbeiterinnen von Oberpfalz-Medien: Magdalena Raß, Isabell-Katrin Diehl und Eva-Maria Hinterberger.
  • Die Kampagne soll aufklären, dass auch scheinbar harmlose Textnachrichten sexuelle Belästigung sind.
  • Neben den klassischen Texten besteht #oberpfalzwirmüssenreden aus einem Video und einem Instagram-Account.
 
 

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