18.01.2019 - 16:50 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Vorbildlicher Ersthelfer: Nach Feierabend ins Autowrack

Ein Auto liegt auf dem Dach im Graben an der B 470. Die Fahrerin ist eingeschlossen, hängt kopfüber im Gurt. Christian Biersack reagiert prompt. Er krabbelt ins Wrack und harrt dort mit der Frau aus, bis die Retter sie befreien können.

In diesem Wrack harrte der Ersthelfer am Freitag, 11. Januar, zusammen mit der eingeschlossenen Unfallfahrerin aus, bis die Rettungskräfte die junge Frau befreien konnten.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

„Als ich die Warnlichter und das Auto auf dem Dach im Graben gesehen habe, war für mich sofort klar, da musst du anhalten“, sagt Christian Biersack – und hat keine Ahnung, wie sehr ihm dieser Einsatz als Ersthelfer in den Bizpes fahren und im Gedächtnis bleiben wird.

Der Unfall ist gut eine Woche her: Am Freitag, 11. Januar, kommt eine junge Frau mit ihrem Wagen im Schneetreiben auf Höhe Brandweiher von der B 470 ab. Ihr Auto landet im Graben auf dem Dach, die Frau ist darin eingeschlossen.

Den Bericht zum Unfall lesen Sie hier

Weiden in der Oberpfalz

„Sieben bis acht Leute standen ziemlich ratlos um das Auto herum, als ich dazu kam“, erinnert sich Biersack. Eine Frau wählte den Notruf. „Plötzlich wollten einige das Auto umschmeißen. Da bin ich richtig energisch geworden, habe ,Stopp’ gerufen und gefragt, ob da noch jemand drin ist.“ Wenig später krabbelt Biersack über die Rückbank ins Wrack, denn die Fahrertür lässt sich nicht öffnen. Eine junge Frau hängt hinter dem Steuer kopfüber im Gurt, klagt über Kopfschmerzen. Kein Wunder. Auf ihrem Nacken lastet ihr gesamtes Körpergewicht, der Kopf klemmt seitlich geknickt zwischen Autohimmel und Seitenholm. „Sie hat telefoniert“, erinnert sich Biersack. Am anderen Ende war eine Frau von der Rettungsleitstelle. Nun übernimmt der Familienvater.

„Ich habe ihr erst einmal gesagt, ich bin da, ich werde helfen.“ Man habe sich gegenseitig vorgestellt und festgestellt, dass man sich über Nachbarn gar kenne. Das klingt absurd? „Reden war wichtig, ich habe ihr Vertrauen gewonnen.“ Das ist entscheidend, für das, was kommen soll: eine ungewöhnliche Hilfsaktion.

„Die Frau aus dem Auto zu holen, war mir zu heikel“, sagt Biersack. Nichts zu tun, ist aber auch keine Option für einen Mann, der sich seit seinem 14. Lebensjahr bei der Feuerwehr Oberbibrach engagiert. „Also habe ich sie gefragt, ob ich sie an der Schulter hochdrücken kann, um die Last ihres Gewichts von ihrem Kopf zu nehmen.“ Das Unfallopfer habe zugestimmt, aber den Ersthelfer verließen schnell die Kräfte. „Sie seitlich zu stützen, war einfach zu anstrengend“, sagt der 45-Jährige.

Deshalb sei Biersack in Absprache mit der Frau unter sie geklettert, um von dort mit beiden Armen gegen ihre Hüfte zu drücken. „Das ging viel besser.“ Biersack ahnt nicht, welch heftiger Muskelkater ihn tags darauf in der Arm- und Brustmuskulatur quälen wird.

Kommentar zum Ersthelfer

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„Von da an haben wir ständig geredet. Dabei ist mir extrem aufgefallen, wie wichtig es ist, dass einfach jemand in der Nähe ist und erklärt, was gerade passiert.“ Und passiert ist draußen einiges. Proaktiv versuchten Leute erneut, das Auto zu drehen. „Das Ruckeln war schmerzhaft für die Frau.“ Dann trafen die ersten Rettungskräfte ein. „Ein Sani hat sich neben mich ins Auto gelegt und mit mir abgesprochen, wie wir da wieder rauskommen.“ Derweil griffen die Feuerwehrleute an. Sie klappten Sitzbänke weg, schnitten die Heckklappe ab, spreizten Türen. „Und ich habe die Frau weiter gestützt und ihr erklärt, was da gerade passiert.“

Nach längerer Zeit – Biersack schätzt 20 bis 25 Minuten, die Einsatzdaten lassen auf eine gute Stunde schließen – geht alles ruckzuck. Viele Retter helfen zusammen. Einer schneidet den Gurt ab, zwei halten Kopf und Schulter, ein anderer räumt den Weg frei und Biersack stützt weiter das Becken der Frau, bis sie es schafft, selbst auf der mittlerweile geöffneten Fahrerseite aus dem Auto zu krabbeln. Sie wird verarztet.

Und auch der Oberbibracher, der übrigens auf der Heimfahrt von seiner Arbeit als technischer Angestellter bei Nexans Floß war, braucht Hilfe. „Ich hatte plötzlich Kreislaufprobleme.“ Und Fans. Ein Polizist dankt ihm für sein vorbildliches Verhalten, Retter klopfen dem 45-Jährigen auf die Schulter, der Arzt informiert ihn, die Frau habe sich nur leicht verletzt. „Ich habe nichts erwartet, aber natürlich habe ich mich gefreut, nicht alles falsch gemacht zu haben.“

Gut eine Woche später weiß Biersack drei Dinge. Erstens, dass ihm der Vorfall noch lange im Kopf bleiben wird. „Ich habe eine solche Situation erstmals als Ersthelfer und nicht als Feuerwehrmann erlebt. Da bist du von Anfang an dabei, hast eine ganz andere Wahrnehmung“. Zweitens sei Biersack bewusst geworden, wie wichtig es ist, mit Unfallopfern zu reden und sie in ihrer Notsituation nicht allein zu lassen. Und drittens weiß Biersack, der Frau geht es bis auf viele Prellungen gut. Über den gemeinsamen Bekannten habe er erfahren, sie erinnere sich gut an den Ersthelfer und sie sei sehr dankbar, dass er da war.

Couragiert und engagiert: Christian Biersack stand nach einem Autounfall einer jungen Frau als Ersthelfer bei. Der 45-Jährige aus Oberbibrach ist obendrein seit dem 14. Lebensjahr bei der dortigen Feuerwehr aktiv. Auch im Vorstand.
Hintergrund:

Erste Hilfe bei einem Autounfall: Die zehn wichtigsten Regeln

Laut Malteser, Rotes Kreuz, Johanniter-Unfall-Hilfe und ADAC sollten Ersthelfer einige Regeln beherzigen. Hier folgen die zehn wichtigsten:

•Helfen ist Pflicht. Wer an einem Unfall vorbeifährt, kann wegen unterlassener Hilfeleistung belangt werden.

•Die eigene Sicherheit beachten: Deshalb das Auto in sicherem Abstand - mindestens 10 bis 20 Meter vom Unfallort abstellen, Warnblinkanlage ein, Warnweste überziehen, stets auf Autos achten und nicht auf die Fahrbahn laufen.

•Unfallstelle absichern: Ran ans Warndreieck und in geeignetem Abstand zum Unfallort aufstellen: 50 Meter sind es in der Stadt, 100 Meter auf Landstraßen, 200 Meter auf Autobahnen.

•Notruf absetzen: Sobald bei einem Unfall Menschen verletzt wurden, ist so schnell wie möglich die Notrufnummer 112 zu wählen. An die fünf W's denken: Wo ist der Unfall passiert? Was ist passiert? Wie viele Personen sind betroffen? Welche Verletzungen gibt es? Warten auf Rückfragen!

•Wiederbelebung: Sofort mit lebensrettenden Maßnahmen wie der Herz-Druck-Massage beginnen.

•Wunden versorgen: Starke Blutungen möglichst mit einem Verband stillen. Handschuhe tragen.

•Schock lindern: Beine der Person erhöht lagern, damit die Organe besser mit Blut versorgt werden.

•Wärme spenden: Gerade im Schockzustand kühlen Unfallopfer schnell aus: Deshalb Verletzte mit einer Jacke oder Rettungsfolie zudecken.

•Trösten und Beistehen: Nicht gleich wieder weggehen. Mit dem Opfer sprechen. Gemeinsam auf den Notarzt warten.

•Motorradfahrer versorgen: Falls der Betroffene nicht mehr atmet, Helm sehr vorsichtig absetzen.

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