16.10.2018 - 18:08 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Vorwurf der Vergewaltigung: "Ich habe immer wieder Nein gesagt"

Immer wieder bricht die Stimme der Frau, als sie von der Nacht erzählt, in der sie der 29-Jährige vergewaltigt haben soll. "Sie wollte den Sex, es hat ihr gefallen", versichert der Angeklagte, der "die Welt nicht versteht", vor Gericht.

Vor der großen Strafkammer des Landgerichts Weiden muss sich ein 29-Jähriger verantworten.
von Julia Hammer Kontakt Profil

(juh) Gewaltsam soll der Angeklagte die Frau, die er in der Nacht auf den 10. Dezember 2017 vor einer Diskothek in Weiden kennengelernt hat, zum Sex gezwungen haben. "In ihrer Wohnung näherte er sich ihr, sie wehrte sich, er zog ihr die Hose aus", wirft ihm Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf vor. Dabei habe er sie festgehalten, die Hand auf den Mund gepresst. Doch der Mann ist sich keiner Schuld bewusst. Er sei mit seinem Freund feiern gewesen, man habe "einiges getrunken". Spät in der Nacht hätten die Männer das mutmaßliche Opfer und ihre Freundin getroffen und beschlossen, gemeinsam weiterzuziehen. Die Vier landen in der Wohnung von Sandra G. (Namen geändert). "Wir haben uns schon auf dem Heimweg geküsst, in der Disco getanzt." Schließlich hätten sie beschlossen, "schlafen zu gehen". Im Schlafzimmer hätten sie sich weiter geküsst, sich ausgezogen - Sex gehabt. "Ihr hat es gefallen, sie hat gestöhnt, wollte es auch." Nach zwei bis drei Minuten sei sie aufgesprungen, habe geschrieben, er solle gehen, ihn gekratzt, geschlagen.

Mann wartet auf Polizei

"Ich weiß nicht, was passiert ist", erzählt der Angeklagte der großen Strafkammer unter Vorsitz von Landgerichtspräsident Gerhard Heindl. Im angrenzenden Wohnzimmer hätten sich Tanja H. und sein Freund Stefan P. aufgehalten. "Auf einmal stand ihre Mutter vor mir, wollte, dass ich verschwinde. Ich wollte die Sache klären." Arthur O. verlässt die Wohnung, wartet im Treppenhaus auf die Polizei, die ihn festnimmt. Schon 2012 musste sich der junge Mann wegen Vergewaltigung verantworten, wurde freigesprochen.

Sandra G.'s Hand zittert, als sie von der Nacht erzählt. "Ich wollte nicht, dass er mich anfasst. Er hat nicht aufgehört." Die 20-Jährige spricht von "viel Alkohol", der an diesem Abend "von allen Vier" konsumiert worden sei. "Ich bin kurz, nachdem wir alle in meiner Wohnung waren, ins Bett gegangen." Zu "Zärtlichkeiten" mit dem Angeklagten sei es zu keiner Zeit gekommen. "Wir haben uns nicht geküsst." Als sich jemand neben ihr ins Bett legt, habe sie gedacht, es sei ihre Freundin. "Dann kam er näher. Ich habe mich umgedreht, ihn gesehen." Als sie sich wehrte, habe er sie mit einer Hand festgehalten, mit der anderen ihre Hose ausgezogen. "Er lag auf mir, ich konnte nicht weg." Immer wieder habe sie Nein gesagt. Nachdem der Angeklagte gegen ihren Willen Geschlechtsverkehr mit ihr gehabt habe, "konnte ich ihn wegdrücken und zu meiner Freundin rennen". Doch die Aussage der Frau wirft Fragen auf. "Bei der Polizei haben Sie gesagt, er war erst im Bett, Sie hätten sich dazugelegt." "Ich habe die Tat verdrängt, ich weiß es nicht mehr."

"Ständig geknutscht"

"Als ich erfahren habe, was passiert sein soll, konnte ich es nicht glauben. Sie haben die ganze Zeit rumgeknutscht", erzählt Stefan P. Von der angeblichen Tat habe er nichts mitbekommen, habe im Wohnzimmer ferngesehen. "Beide sind ins Schlafzimmer gegangen, haben sich vorher in der Küche gestreichelt. Schon auf dem Nachhauseweg haben sie ständig geknutscht." Kurz bevor er die Wohnung verlassen habe, sei er ins Schlafzimmer gegangen und "auf das Bett gehüpft". Arthur O. habe ihn aufgefordert zu gehen. "Ob sie nackt waren, weiß ich nicht." Nur noch lückenhaft erinnert sich Tanja H. an die Nacht. "Wir haben die Männer getroffen, als wir die Disco verlassen haben." Da sie Stefan P. schon länger gekannt habe, hätten sie vereinbart, noch "eine Zigarette zu rauchen". In der Wohnung habe sie mit dem Mann ferngesehen, dabei immer wieder ein leises Stöhnen aus dem Schlafzimmer gehört. Gedacht habe sie sich dabei nichts - bis ihre Freundin schließlich nackt und panisch vor ihr stand. "Sie hat immer wieder gesagt: ,Ich wollte das nicht, er hat nicht aufgehört'."

Noch während ihre Freundin mit Arthur O. im Schlafzimmer war, habe sie mit einem Bekannten über Whatsapp geschrieben, ihm gesagt, bei Sandra sei "so ein komischer Russe". Die Antwort des 37-Jährigen: "Ihr seid doch blöd. Warum nehmt ihr auch ständig Typen mit. Ihr müsst erst vergewaltigt und ausgeraubt werden, um zu merken, was los ist." Um 7.26 Uhr schreibt die Zeugin: "Hol die Polizei. Er hat sie angefasst." Auch die Mutter der 20-Jährigen sagt aus, beteuert: "Ich glaube meiner Tochter. Sie hat sich seit der Nacht verändert, ist viel verschlossener." Die Verhandlung wird am heutigen Mittwoch fortgesetzt.

Untersuchungsergebnisse:

Weder die gynäkologische noch die körperliche Untersuchung von Sandra G. (Namen geändert) habe „auffälligen Befunde“ ergeben, sagt Stefan Seidl, Professor für Rechtsmedizin an der Universität Erlangen. Lediglich am linken Ellbogen habe er eine „schwache, kaum sichtbare Unterblutung“ festgestellt. Der Angeklagte Arthur O. hätte eine kleine Abschürfung an der rechten Brust sowie eine kleine Wunde am linken Handrücken gehabt. Drogen habe keiner der beiden konsumiert – das habe die toxikologische Untersuchung ergeben. Alkohol hingegen schon. „Bei dem Angeklagten waren es am Morgen des 11. Dezember gegen 9.40 Uhr noch 1,7 Promille, bei der jungen Frau G. 0,8.“

Unauffällig seien auch die Ergebnisse der psychologischen Untersuchung des Angeklagten. „Er wirkte unsicher, weist aber keine Verhaltensstörung oder Bewusstseinsstörung auf. Zu seiner Sexualität äußerte er sich zurückhaltend, verschlossen.“ Ein bis zwei Mal pro Monat habe er Prostituierte aufgesucht, Beziehungen seien meist schon nach wenigen Monaten in die Brüche gegangen – auch die Ehe mit seiner ehemaligen Frau, mit der er eine sechsjährige Tochter hat. Den Kontakt zu seinem Kind halte er regelmäßig. Auch das Verhältnis zu seiner Familie sei harmonisch.

Weiden in der Oberpfalz
Klicken Sie hier für mehr Artikel zum Thema:

Nachrichten per WhatsApp und Facebook Messenger

Kommentare

Um Kommentare verfassen zu können, müssen Sie sich anmelden.

Bitte beachten Sie unsere Nutzungsregeln.