29.04.2020 - 11:49 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weiden nach dem Dreißigjährigen Krieg

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Zum Kriegsende 1648 liegt Weiden am Boden. Noch zwei weitere Jahre bleibt die Stadt danach von den Schweden besetzt. Die Menschen leiden wirtschaftliche Not. Die Bevölkerungszahl ist stark zurückgegangen. Dazu kommt die tiefe Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten.

Der 1644 entstandene Merian-Stich zeigt Weiden in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Gut erkennbar sind der Turm der Michaelskirche, die Stadtbefestigung und die wohl namensgebenden Weidegründe rings um die Stadt.
von Externer BeitragProfil

Von Johannes Hauer

Die aktuelle Corona-Pandemie kann Anlass sein, den Blick auf große historische Krisen und deren Auswirkungen auf die Entwicklung unserer Region zu richten. Die wohl schwerste Krise ihrer Geschichte hatte die Stadt Weiden infolge des Dreißigjährigen Kriegs zu verkraften.

In wirtschaftlicher Hinsicht stellte das Gebiet der heutigen Oberpfalz aufgrund der florierenden Eisen-Förderung eine der blühendsten Regionen des frühneuzeitlichen Deutschlands dar. Als eines des leistungsfähigsten europäischen Eisen-Zentren galt die nördliche Oberpfalz, vor allem um die Zentren Amberg und Sulzbach, als deutsches "Ruhrgebiet des Mittelalters". Durch den Dreißigjährigen Krieg wurde dieser tragende Wirtschaftszweig jedoch völlig zerstört. Infolge unmittelbarer Kriegsfolgen wie Einquartierungen, Brände, Plünderungen, Vergewaltigungen und Krankheiten wurden Bevölkerung und Wirtschaft in ihrer Entwicklung massiv zurückgeworfen.

Das galt ebenso für Weiden. Nach der Einnahme durch die Schweden 1634 etwa wurde die Vorstadt "in grund demolirt", um ein freies Schussfeld zu erhalten. Leidtragend war die lokale Wirtschaft: Wegen des "langwierigen kriegswesens und vorgegangenen plünderungen" hatten die Weidener Handwerker, wie es in einem Bericht hieß, "zimbliche schulden gemacht". Mit Kriegsende 1648 trat zunächst noch keine spürbare Besserung für das gebeutelte Weiden ein. Noch zwei weitere Jahre stand die Stadt unter schwedischer Besatzung.

Schwierig war die Situation zudem auf dem Feld der Religion. Wechselnde Herrschaftsverhältnisse und die Anziehungskraft von Protestantismus und Calvinismus hatten schon vorher eine unübersichtliche Gemengelage entstehen lassen. Der Krieg erzeugte dann eine glaubensmäßig tief gespaltene Bevölkerung. Hier fand der Landesherr, Pfalzgraf Christian August von Sulzbach, allerdings eine innovative Lösung - das Simultaneum, also die abwechselnde Nutzung der Kirchengebäude durch Katholiken und Protestanten. Gründe dafür waren neben der ungewöhnlich toleranten Haltung des Pfalzgrafen freilich auch die Armut der Bevölkerung und das Bemühen um weitere Konfliktvermeidung.

Danach schwankte das Alltagsleben zwischen gewohnheitsmäßigem Pragmatismus und reibungsvollem Nebeneinander. In Weiden konnten sich die Katholiken bei der Einführung des Simultaneums 1653 zunächst nur gewaltsam mit der Axt Zugang zur gemeinsamen Kirche St. Michael verschaffen. Später setzte unter dem Druck der Alltagszwänge eine Konsolidierung der Situation ein. Das Simultaneum blieb schließlich ein oberpfälzisches Charakteristikum und ein Provisorium von bemerkenswerter Dauer. In Weiden wurde es erst mehr als 200 Jahre später mit der Fertigstellung der St.-Josefs-Kirche 1900 aufgelöst.

Einschneidender dürften sich die kriegsbedingten Bevölkerungsverluste und die massive wirtschaftliche Existenznot ausgewirkt haben. Einen repräsentativen Einblick in die Lebenssituation im Weidener Umland ermöglicht beispielsweise ein 1637 entstandenes Steuerverzeichnis der Weidener Urpfarrei Neunkirchen. Dieses gibt ein erschütterndes Zeugnis über die vollkommen desaströse Lage einzelner Bauern. Von den 25 aufgeführten, eigentlich steuerpflichtigen Einwohnern Neunkirchens waren nurmehr 10 überhaupt am Leben.

Im ganzen Ort gab es nur drei Kühe. Weder ein Pfarrer noch ein Schmied waren vorhanden. Bei der überwiegenden Zahl der Bauernhöfe findet sich der Vermerk, Wiesen und Äcker seien praktisch gänzlich öd gefallen.

Auch in Weiden selbst war es zu einem drastischen Bevölkerungsschwund gekommen. 1649 meldete der Bamberger Bischof lediglich etwas mehr als 1000 Einwohnern, die Mehrzahl davon Katholiken. Etwas mehr als ein Jahrhundert früher, im Jahr 1531, hatte die Stadt noch an die 2200 Einwohner gezählt.

An die Kriegszerstörungen schloss sich der mühsame Wiederaufbau an. Der Dreißigjährige Krieg prägte die oberpfälzische Region tiefgreifend: Wirtschaftlich und politisch fast völlig ins Abseits gedrängt, verharrte das Gebiet vorerst im Status einer unterentwickelten, vorrangig landwirtschaftlich geprägten Provinz ohne überregional bedeutendere kulturelle oder industrielle Zentren. Die Bevölkerungszahlen litten unter den Kriegsfolgen, erhöhten sich auch unter weiterhin schwierigen Rahmenbedingungen aber stetig. An den Vorkriegsstand von rund 2000 Einwohnern konnte Weiden schließlich um das Jahr 1800 anknüpfen.

Ein rasantes Wachstum und steigende ökonomische Prosperität setzten dann im Laufe der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ein. Die wichtigste historische Etappe auf dem Weg in die Moderne war der 1863 erfolgte Eisenbahnanschluss. In dessen Konsequenz konnten sich mit Porzellanproduktion und Eisenbahnausbesserungswerk größere lokale Wirtschaftsfaktoren mit starker Anziehungskraft etablieren und sich das schon vorhandene Gewerbe, vor allem die Weidener Viehzucht, einen bis nach Norddeutschland reichenden Absatzmarkt erschließen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt waren die längerfristigen strukturellen Rückschläge des 17. Jahrhunderts endgültig überwunden.

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Zum Autor:

Johannes Hauer ist Historiker. 1988 geboren in Weiden, studierte er in Regensburg mit Abschluss M.A.. Derzeit arbeitet er an seiner Promotion. Seine Forschungsschwerpunkte sind Universitäts-, Regional- und NS-Geschichte.

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