14.09.2021 - 17:18 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Weidener Firma will Vier-Tage-Woche einführen

Vier Tage pro Woche arbeiten – bei vollem Lohn: Die Weidener Softwarefirma "up2parts" will das im kommenden Jahr einführen und so Vorreiter für die Region sein. Realistisch? So denken andere Arbeitgeber in der Nordoberpfalz über die Idee.

Montag bis Donnerstag arbeiten, Freitag frei: In der Oberpfalz führt eine Weidener Softwarefirma im nächstem Jahr eine Vier-Tage-Woche ein.
von Julian Trager Kontakt Profil

Marco Bauer ist einer, der etwas wagt. Vor elf Jahren machte er sich selbstständig, gründete seine eigene Firma. Nun will der 35-Jährige die Arbeit in der Nordoberpfalz revolutionieren, zumindest ein bisschen. Bauer sieht sich als Vorreiter, für die Region. "Irgendwer muss bei uns ja den ersten Schritt machen", sagt er. Der Weidener plant für sein Unternehmen das vielleicht nächste große Ding für Arbeitnehmer - die Vier-Tage-Woche. Also vier Tage pro Woche arbeiten und dafür trotzdem den vollen Lohn erhalten.

Im nächsten Jahr startet Bauer in seiner Softwarefirma "up2parts" ein Pilotprojekt. Die Vier-Tage-Woche sei "ganz klar ein Thema, mit dem wir uns ernsthaft beschäftigen", teilte das Unternehmen vor kurzem in einer Pressemitteilung mit. Marco Bauer will weg von "veralteten Arbeitszeitmodellen". 20, 30 oder 40 Stunden, halbtags oder ganztags - für den 35-Järhigen ist das Denken in so starren Muster "absolut nicht mehr zeitgemäß". Es brauche viel mehr Flexibilität seitens der Arbeitgeber. "Ich habe junge Angestellte, ungebunden, ohne Kinder, die wollen gerne 50 Stunden in der Woche arbeiten, Geld verdienen und dann am liebsten sechs Wochen am Stück in den Urlaub. Ich habe ältere Mitarbeiter, die vielleicht lieber ihre Stundenzahl reduzieren wollen würden", erklärt Bauer. "Warum also nicht Modelle entwickeln, die dabei helfen, die Menschen in ihren unterschiedlichen Lebenssituationen zu unterstützen."

Aus der Coronakrise zieht Bauer einen positiven Aspekt heraus: "Digitalisierung und neue Arbeitszeit- und Arbeitsplatzmodelle funktionieren durchaus." In seiner Softwarefirma hat er die Anwesenheitspflicht aufgelöst. Jeder Mitarbeiter könne nun - in Absprache mit Vorgesetztem und Kollegen - selbst entscheiden, wo er arbeiten möchte. Rund 50 Leute arbeiten in der Softwarefirma. "Das war ein Riesenthema", erzählt Bauer. Und auch die Idee der Vier-Tage-Woche sei von seinem Team sehr gut angenommen worden.

Viel zu viele Besprechungen

Was sich der Weidener davon verspricht? "Für mich als Arbeitgeber soll der Output natürlich gleich bleiben", sagt Bauer, "aber die Mitarbeiter sollen zufriedener sein." Das sei sein Wunsch. "Ich als Selbstständiger merke ja, wie gut Flexibilität tut." Es sei angenehm, selbst zu entscheiden, wann, wo und wie man arbeitet. Aber natürlich könne eine Firma nicht einfach so die Vier-Tage-Woche einführen, von heute auf morgen. "Wir wollen nichts übers Knie brechen", sagt Bauer, sonst gebe es nur weniger Zeit - und mehr Stress. Schritt für Schritt wolle er es angehen. "In vielen Firmen gibt es viel zu viele Besprechungen", meint der 35-Jährige. Machen die alle Sinn? Machen sie auch für jeden Teilnehmer Sinn? "Wir wollen effizienter werden."

Noch ist die Vier-Tage-Woche in der Region kein großes Thema, wie eine Umfrage von Oberpfalz-Medien unter Unternehmen in der Nordoberpfalz zeigt. Von sieben angefragten Firmen reagierten nur drei - aber keine davon plant, demnächst ein ähnliches Experiment wie Marco Bauer.

Die Witt-Gruppe geht in ihrer Antwort nicht direkt auf die Vier-Tage-Woche ein. Eine Unternehmenssprecherin weist aber darauf hin, dass der Weidener Versandhändler "schon immer flexibel auf die Bedürfnisse unserer Mitarbeitenden" eingehe. Es gebe viele unterschiedliche Arbeitsmodelle. Zudem hat Witt ein neues Arbeitskonzept, genannt "Future Work 2.0", geschaffen. Das mobile Arbeiten im Homeoffice sei dabei fest verankert. "Wir geben den jeweiligen Teams die Freiheit, selbst zu entscheiden, wie sie sich organisieren wollen", wird Geschäftsführer Wolfgang Jess in einer Pressmitteilung zitiert.

Auch in der Produktion möglich?

Ähnliches hört man auch aus Ursensollen (Kreis Amberg-Sulzbach). "Wir wollen zu den bereits bestehenden flexiblen Arbeitszeitmodellen auch weiterhin das mobile Arbeiten ermöglichen", erklärt Grammer-Sprecher Günter Krämer. Aber: "Mit dem Thema einer Vier-Tage-Woche mit Lohnausgleich beschäftigen wir uns zurzeit nicht." Auch bei Schott ist das so, weder für die Tagschicht noch die Verwaltung gebe es dazu derzeit Überlegungen, erklärt Sprecher Ludwig Bundscherer. Für Einzelne gebe es allerdings durchaus individuelle Modelle, "deren Ergebnis eine Vier-Tage-Woche ist". Aber trotzdem: Am Standort Mitterteich werde "seit vielen Dekaden in einem vollkontinuierlichen Schichtsystem gearbeitet - also rund um die Uhr, 365 Tage im Jahr". Dadurch lebe das Werk einen ganz eigenen Arbeitsrhythmus.

Marco Bauer leitet nicht nur eine Softwarefirma, sondern auch das 150 Mitarbeiter starke Fertigungsunternehmen BAM. Auch für dieses schließt er eine Vier-Tage-Woche nicht aus. "Ich bin der Meinung, dass dies auch für unsere Produktionsmitarbeiter anwendbar sein könnte." Perspektivisch sei es möglich, so Bauer, dass die Maschinen in den ersten vier Tagen der Woche "von Hand" gefahren und die Automatisierung für den fünften, sechsten und siebten Tag vorbereitet werden kann.

In Neumarkt hat Wolfgang Geng in seiner Firma "Bitwings" die Vier-Tage-Woche bereits eingeführt. Seit Juli arbeiten dort die 20 Techniker nur noch vier Tage in der Woche, 36 Stunden statt 40 Stunden - bei gleichem Gehalt. Bislang habe Geng sehr positives Feedback bekommen - und keine Einbußen beim Geschäft, erklärte er dem BR. Die Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft hingegen sieht dem Sender nach in der Vier-Tage-Woche kein Zukunftsmodell für Bayern. Der Grund: das Kosten-Niveau.

Bauer: Weg von der Sieben-Tage-Woche

Seitdem im Juli dieses Jahres die Ergebnisse einer Studie in Island bekannt geworden waren, ist die Vier-Tage-Woche auch in Deutschland ein großes Thema. Von 2015 bis 2019 wurde für 2500 isländische Arbeitskräfte die Wochenarbeitszeit von 40 auf 35 oder 36 Stunden verkürzt, bei gleichbleibender Bezahlung. Das Ergebnis war ein "überwältigender Erfolg" mit glücklicheren Mitarbeitern und gleichbleibender Produktivität.

Um solche Modelle auch hierzulande zu realisieren, brauche es auch den Gesetzgeber, findet Marco Bauer. Das heutige Arbeitszeitgesetz sei absolut unbrauchbar, um neue Wege zu gehen. Hier müsse dringend nachgebessert werden, fordert der Weidener Unternehmer. Für ihn selbst kommt eine Vier-Tage-Woche aber momentan nicht infrage. "Ich muss erstmal schauen, dass ich von der Sieben-Tage-Woche auf die Sechs-Tage-Woche komme."

Kommentar zur Vier-Tage-Woche

Deutschland und die Welt

Das sagt die IG Metall Amberg zur Vier-Tage-Woche

Amberg
Marco Bauer.
Die Büros werden leerer: In der Weidener Softwarefirma "up2parts" wird ab nächstem Jahr weniger gearbeitet.

 

 

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