31.08.2020 - 12:00 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Wolf-Dieter Hamperl: 30 Jahre lebendige Erinnerung an die Vertreibung der Tachauer

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Wolf-Dieter Hamperl leitet seit 30 Jahren den Heimatkreisverein Tachau. Er blickt zurück auf die Vertreibung der Egerländer, auf den Einfluss der Vertriebenen auf die Stadt Weiden und sein Lebenswerk.

Diese Abschiedsszene zeigt einen Moment während der Vertreibung eines älteren Ehepaares in Tachau.
von Sonja Kaute Kontakt Profil

In der Kurt-Schumacher-Anlage passieren täglich viele Weidener ein Ensemble, von dem immer weniger Menschen wissen, wofür es steht: Ein Findling aus Flossenbürger Granit, flankiert von zwei Gedenksteinen, und eine Skulptur inmitten einer Sitzecke. Sie stehen für den Heimatkreisverein Tachau und die Erinnerung an die Vertreibung, aber auch für die Kultur der Egerländer. Viele von ihnen haben in Weiden eine neue Heimat gefunden und hier deutliche Spuren hinterlassen. „Lass dir die Fremde zur Heimat, aber die Heimat nicht zur Fremde werden“, steht auf einem der Gedenksteine. „Man hatte damals Angst, dass die Vertriebenen ihre Heimat vergessen, weil sie schnell in Arbeit gekommen sind“, sagt Wolf-Dieter Hamperl. Der 67-Jährige leitet den Heimatkreis am 2. September seit genau 30 Jahren. Er und seine Mitstreiter wollen die Erinnerung an die Vertreibung und das Erbe der Vertriebenen aus dem ehemaligen Kreis Tachau im südlichen Egerland, das direkt an die Oberpfalz angrenzt, aufrecht erhalten. Für Hamperl ist es ein Lebenswerk.

"Totale Verunsicherung"

Das Egerland wurde nach dem Einmarsch der Wehrmacht 1938 zum Teil des Deutschen Reichs. Die Tschechoslowakei vertrieb Teile der dortigen Bevölkerung. Von den rund 3,2 Millionen Menschen, die 1945/46 aus Osteuropa vertrieben worden sind, lebten 800 000 in über 850 Egerländer Gemeinden, die meisten davon Deutschböhmen. 44 000 lebten im damaligen Kreis Tachau, 6- bis 7000 in der gleichnamigen Stadt. „Wegen der sogenannten Beneš-Dekrete verloren die Menschen ihre Staatsangehörigkeit und ihren Besitz, ihre Sparbücher wurden konfisziert, und es gab keine Informationen. Es war die totale Verunsicherung“, so der Heimatkreis-Vorsitzende. Ganze Ortschaften verschwanden. „In der Tabakfabrik in Tachau gab es ein Sammellager. Pro Person waren maximal 30 Kilogramm Gepäck erlaubt. Die Menschen hatten Schuhe, Bettzeug, Winterbekleidung in Säcken und Kisten dabei. 26 Transporte sind vom Bahnhof abgegangen. Sie bestanden aus je 40 Waggons mit je 30 Menschen. Es waren also 1200 Menschen pro Zug. Das war exakt organisiert. Wir haben die Listen mit den Namen in Prag gefunden und vor fünf Jahren gekauft. Unter Archivaren gibt es keine Politik.“

Wohnungsnot in Weiden

Die mit Zügen transportierten Egerländer wurden über den Umschlagsbahnhof in Wiesau verteilt. Viele gingen zudem selbst über die Grenze, so wie Hamperls Mutter. „Meine Mutter war 25, hat ihre zwei Kinder gepackt und mitsamt 90 Kilogramm Gepäck über die Grenze gebracht. Mein Vater war in Kriegsgefangenschaft. Die Frauen hatten eine enorme Verantwortung. Die Transporte bestanden hauptsächlich aus Frauen, alten Männern, Kindern und Jugendlichen.“ Wer selbst über die Grenze ging, landete oft in Weiden. „Weiden hat eine große Bedeutung gehabt, weil es die größte Kommune hinter der Grenze war.“ PAllerdings gab es für die Neuankömmlinge nicht genug Platz .

„Die sogenannten Flüchtlinge wurden einquartiert in Wirtshäusern, Schulen, Hotels. 1938 hatte Weiden 28 000 Einwohner, nach der Vertreibung waren es knapp 40 000. Hier landeten auch viele Schlesier.“ Die Vertriebenen beeinflussten das lokale Handwerk, die Kultur und prägten nicht zuletzt das Stadtbild. Nach anhaltender Wohnungsknappheit wuchsen schließlich neue Stadtteile heran, zum Beispiel am Hammerweg, Fichtenbühl und Stockerhut. „Die Integration war eine Leichtigkeit“, sagt Hamperl. Viele Egerländer waren einst ausgewanderte Oberpfälzer und sprachen einen ähnlichen Dialekt, und sie bekamen schnell Arbeit. „Wir haben wahnsinnig gespart, aber meine Eltern konnten es sich 1954 leisten, ein Haus zu bauen“, erzählt der ehemalige Chefarzt. Die Stadt Weiden übernahm 1956 die Patenschaft über die aus dem Kreis Tachau vertriebenen Menschen.

Herzliche Zusammenarbeit

Hamperl erinnert sich, als Kind „Flüchtling“ genannt worden zu sein. Negativ aufgenommen habe er das nicht. Das „direkte Trauma“ sei heute weg, weil nicht mehr viele Vertriebene am Leben sind. Menschen wie Hamperl halten die Erinnerung weiter aufrecht. „Ich habe meine Heimatliebe von meiner Mutter geerbt. Sie pflegte unsere Bräuche und war eine exzellente Köchin böhmischer Kost“, schwärmt der 67-Jährige. Ab 1985 sei er mindestens drei Mal im Jahr in der alten Heimat gewesen und habe sein Netzwerk in der Kultur- und Museumsszene aufgebaut. So half er unter anderem bei der Renovierung mehrerer barocker Kirchen.

1990 übernahm Hamperl, von den Alten im Heimatkreis überredet, die Vorstandschaft. Gerne erinnert er sich zurück an einen Runden Tisch, der 1991 bis 1993 hochrangige deutsche und tschechische Vertreter zusammenbrachte und aus dem eine herzliche Zusammenarbeit entstanden sei. „Bis jemand, der aus Tachau stammt, fragte, was mit dem Haus seines Vaters passiert sei. Ab da sind wir nicht mehr eingeladen worden.“ Die grenzüberschreitende Zusammenarbeit ging an anderen Stellen weiter.

Wolf-Dieter Hamperl hat sein Hauptziel 2011 erreicht, als der Verein sein Museum über Heimat, Vertreibung und Integration im Alten Schulhaus eröffnete. Hier findet sich die Geschichte und Kultur der Bevölkerung aus Tachau und ihrer Integration in die Oberpfalz: Dokumente, Trachten, gemalte Gebetsbücher, Bilder, Lebenswege. Auf einer Tafel steht: „Weiden ist unser geistiges Zentrum.“

Alle zwei Jahre finden Fahrten über die Grenze statt. „Altersbedingt werden die Leute leider immer weniger. Aber in den letzten zwei Jahren interessieren sich zunehmend junge Leute für die Region Tachau, zum Beispiel Doktoranden aus Pilsen. Die Zusammenarbeit ist sehr gut.“ Auch meldeten sich junge Menschen als Ortsbetreuer. Sie sind Wolf-Dieter Hamperls Hoffnung auf eine Zukunft des Vereins. Wie lange er als Vorstand weitermacht? „Bis ich sterbe“, sagt er ohne Zögern.

Website des Heimatkreisvereins Tachau und des Heimatmuseums

Verein Antikomplex arbeitet Vertreibung auf - Graben zwischen Bayern und Böhmen schwindet

Hilde Hasenkopf erzählt von der "geordneten" Vertreibung von Deutschen aus der Tschechoslowakei

2012: Schlussstrich unter Dauerstreit um Egerer Stadtwald - Stiftung soll Versöhnung fördern

Ruinen an der Grenze: Landschaftsidyll auf ehemaligen Sperranlagen

Hintergrund:

Verein und Museum

  • Der Heimatkreisverein Tachau e. V. wurde 1972 mit Sitz in Weiden gegründet. Zuvor gab es seit 1957 den Verein zur Erhaltung alten Kulturgutes des Tachauer Gebietes e. V., der 1984 aufgelöst wurde.
  • Heimatgliederung mit 53 Orts-, Markt- und Stadtbetreuern.
  • Alle zwei Jahre Heimatkreistreffen in Weiden. 2020 ist es wegen der Coronakrise ausgefallen, soll aber im Juni 2021 wieder stattfinden.
  • Der Verein gibt den „Heimatbote“ und seit 22 Jahren einen Heimatkalender heraus.
  • 2011 Eröffnung des Heimatmuseums in Weiden. Es ist montags bis freitags von 9 bis 12 und von 13 bis 17 Uhr geöffnet.
Zur Person:

Wolf-Dieter Hamperl

  • 1943 im Egerland geboren, drei Jahre auf einem Bauernhof aufgewachsen.
  • 1946 bringt die Mutter ihre zwei Kinder über die Grenze nach Waidhaus. Der Familie wird ein Zimmer zugeteilt.
  • 1951 Umzug nach Vohenstrauß, 1954 Hausbau am Fichtenbühl in Weiden.
  • 1964 Abitur, anschließend Bundeswehr und Studium der Medizin in München.
  • Bauch- und Unfallchirurg in Trostberg (Landkreis Traunstein). Bis 2008 Chefarzt.
  • Autor mehrerer Bücher über Vertreibung, Kultur und Kunst.
  • Wohnort: Altenmarkt an der Alz.

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