13.08.2019 - 18:29 Uhr
Weiden in der OberpfalzOberpfalz

Zehn Jahre nach dem Hertie-Aus: Ehemalige erinnern sich

Der 14. August 2009 hat sich in die Seelen der ehemaligen Hertie-Mitarbeiter gebrannt: Genau an diesem Tag trugen die Hertieaner das Traditionskaufhaus zu Grabe. Das riss tiefe Wunden. Bei manchem sind sie bis heute nicht geheilt.

Petra aus Weiden und Michaela Völkl haben beide bei Hertie gelernt und sich pudelwohl gefühlt. Vor zehn Jahren trugen sie ihre Arbeitsstelle zu Grabe. Nun wollen sie nach vorne schauen. Heute arbeiten die beiden wenige Meter entfernt in der Max-Reger-Straße – dank ihrer Ex-Chefin bei Hertie.
von Simone Baumgärtner Kontakt Profil

"Die Hertie-Zeit war die Schönste meines Lebens", erzählt Brigitte Carr vor dem traurigen Jubiläum, der Hertie-Schließung von vor zehn Jahren. "Ich wurde in die Hertie-Familie reingeboren", erinnert sich die Weidenerin. Dabei wollte sie erst gar nicht Teil dieser Kaufhaus-Familie werden.

Bereits Brigittes Mama begann am Eröffnungstag, den 29. September 1961, mit 650 anderen bei Hertie zu arbeiten. Sechs Wochen zuvor war Brigitte zur Welt gekommen. Später habe die Tochter nie dort schaffen wollen, wo die Mutter tätig war. Doch als Mama in Rente ging, fragte Hertie nach - und Brigitte Carr hat's getan: "1987 fing ich in der Telefonzentrale an." 22 Jahre später, am 14. August 2009, zählte Carr, mittlerweile Verkäuferin in der Abteilung für Damenoberbekleidung, zu den gut 50 letzten Mitarbeitern, die mit Kreuz und Grablicht ganz in Schwarz und mit Tränen in den Augen "ihren Hertie" und damit ihren Arbeitsplatz zu Grabe trugen.

Zum Hertie-Aus vor zehn Jahren

"Danach war's die Hölle"

Damals hielt unter anderem Oberbürgermeister Kurt Seggewiß eine Rede, erinnert sich die ehemalige Geschäftsführerin zehn Jahre danach. "Er kümmert sich, hat er gesagt", erzählt Sabine Berger-Geppert. "Das war eine wirklich nette Geste, aber das war's auch schon." Der Oberbürgermeister habe nichts mehr von sich hören lassen. "Vom Tag der Schließung an waren wir auf uns alleine gestellt."

"Ich habe danach die Hölle durchgemacht", sagt Brigitte Carr, Mutter, Ehefrau und heute 58 Jahre alt. Ein "Fachdepp" sei sie als langjährige Hertie-Mitarbeiterin gewesen. "Einerseits hatte ich Erfahrung, was die Arbeitgeber sich wünschten. Andererseits sei ich zu eingefahren, klagten sie. Und sind wir doch mal ehrlich, über 30 bist du auf dem Arbeitsmarkt unten durch." Also ging's von einem Job in den nächsten, dazwischen kämpfte Carr um ihre Gesundheit. Aktuell habe sie keinen Traumjob, aber es gut erwischt: Seit fünf Jahren arbeitet sie in der Bestellannahme eines großen Versandhändlers. So wie bei Hertie sei's aber nicht mehr. "Damals bist du in die Arbeit gegangen und heimgekommen." Auch die Bezahlung habe gestimmt. "Es gab bei Hertie Urlaubs- und Weihnachtsgeld, ein 13. Monatsgehalt und 36 Urlaubstage. Heute verdiene ich den Mindestlohn und habe 20 Urlaubstage."

Auch die gelernte Schaufensterdekorateurin Petra dachte nach 30 Jahren bei Hertie, hier würde sie in Rente gehen. "Das war wohl nichts", bilanziert die 55-Jährige nüchtern. Zehn Jahre nach der Schließung arbeitet die Weidenerin unweit vom ehemaligen Hertie bei Orsay in der Max-Reger-Straße. Auch Kollegin Michaela Völkl, die 35-Jährige lernte einst in der Uhren- und Schmuckabteilung bei Hertie, ist bei Orsay tätig. Und noch zwei weitere Orsay-Mitarbeiterinnen plus eine Aushilfskraft zählen zur ehemaligen Hertie-Familie. Die noch immer bekennenden Hertie-Fans schauen lieber nach vorne. Dank Sabine Berger-Geppert.

"Ich vermisse meinen Hertie und mein Weiden. Es war eine tolle Zeit", sagt die ehemalige Leiterin von Karstadt beziehungsweise Hertie in Weiden. Seit fast zehn Jahren wirkt die 58-Jährige als Bezirksleiterin bei Orsay, kümmert sich um aktuell 30 Shops und 268 Mitarbeiter - und holte die Ex-Hertieaner in den Laden in der Max-Reger-Straße. "Wenn ich könnte, hätte ich noch mehr angestellt. Es ist mir eine Ehre, dass die Ehemaligen zu mir zurückkehren."

Nun kommt "Hertie 2.0"

Es war Berger-Geppert aber ein Graus, als Bezirksleiterin zu Besuch in Weiden den Abriss des Hertie-Gebäudes verfolgen zu müssen. "Es tat richtig weh, die Trümmer meines blauweiß gestrichenen Büros zu sehen." Brigitte Carr sagt: "Der Abriss fühlte sich so an, als reißt jemand ein Stück aus meinem Herzen. Ich konnte lange Zeit gar nicht an der Stelle vorbeigehen."

Nun aber kommt, "der Hertie 2.0", wie Carr das neue Einkaufszentrum Nordoberpfalz-Center (NOC) nennt. "Der gläserne Eingangsbereich erinnert ein bisschen an Hertie", finden Berger-Geppert und ihr Orsay-Team. "Weiden braucht diesen Magneten", sagt die 58-Jährige und ist sich damit mit ihrer ehemaligen Chefin und allen Ex-Kolleginnen einig. Zur Eröffnung am 26. September aber zieht es weder die ehemalige Chefin noch Ex-Mitarbeiterin Carr. "Ich habe Angst, dass mich die Erinnerungen niederreißen", sagt Carr. Berger-Geppert meint: "Das kann ich mir nicht antun. So richtig abschließen kann man irgendwie doch nie."

Erste Einblicke ins neue Einkaufszentrum

Weiden in der Oberpfalz
Am 14. August 2009 trugen die verbliebenen Hertie-Mitarbeiter ihren Arbeitsplatz zu Grabe. Das Kaufhaus Hertie schloss. Leiterin Sabine Geppert steht in der Mitte mit schwarzem Hosenanzug, rechts dahinter trauert ihre langjährige Mitarbeiterin Brigitte Carr.
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