18.10.2020 - 14:49 Uhr
WiesauOberpfalz

Das ist die Höhe im Landkreis Tirschenreuth: 20 Jahre Oberpfalzturm

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Unzählige Bauwerke hat Zimmerermeister Anton Schatzberger geschaffen. Eines ragt heraus, auch im wörtlichen Sinn: Der neue Oberpfalzturm bietet seit 20 Jahren einen einzigartigen Rundumblick vom höchsten Standort im Landkreis Tirschenreuth.

Ganz ähnlich wie das erste Modell sieht Turm Nummer zwei aus. Gebaut ist er aus verleimtem Lärchenholz und soll wesentlich länger halten.
von Michaela Kraus Kontakt Profil

Ein ganz besonderes Bauwerk feiert in diesem Jahr Geburtstag. Vor 20 Jahren wurde der zweite Oberpfalzturm auf der Platte fertiggestellt. Mit 946 Metern ist dieser Berg der höchste im Landkreis Tirschenreuth. Noch einmal gut 30 Meter höher gelangt jeder, der sich die 150 Stufen auf der umlaufenden Gitterrosttreppe hinaufwagt. Nur ein paar Meter niedriger war das Vorgängermodell, das jedoch nicht lange Wind und Wetter trotzen konnte. Beide Türme haben einen Vater, wenn man so will: Zimmerermeister Anton Schatzberger sen. aus Wiesau hat sie gebaut. Im Gespräch mit Oberpfalz-Medien erinnert sich der 86-Jährige daran.

"Da lag ein großer Berg Holz oben", schildert Schatzberger die Ansammlung von frisch geschlagenen Fichtenstämmen, die er auf der höchsten Erhebung des Steinwalds vorfand. Er hatte vom 1970 gegründeten Naturpark-Verein den Auftrag erhalten, nach den Regeln der Zimmermannskunst einen Holzturm zu verwirklichen. "Damals bin ich mit zwei Gesellen zu Fuß den Pfad rauf", erinnert sich der Handwerksmeister. Zur Unterstützung schickten die Auftraggeber ein paar Soldaten der Bundeswehr, aber die tauchten schon am zweiten Tag nicht mehr auf: "Die hatten offene Hände vom Entrinden."

Schatzberger baute den ersten Turm nach dem Modell eines Statikers aus Weiden. 1972 wurde die neue Attraktion eingeweiht. An der Konstruktion gab es auch nichts auszusetzen, aber dem Turm war dennoch nur eine Lebensdauer von 26 Jahren beschieden. "Er wurde falsch behandelt", weiß Schatzberger heute. Der Einsatz von Holzschutzmitteln hatte im Lauf der Jahre wohl nicht den gewünschten Effekt, die Fäulnis war nicht aufzuhalten. Nach etlichen Rettungsversuchen blieb dem Naturpark-Verein nichts anderes übrig, als den Abriss zu beschließen.

Im April 1998 wurde der erste Oberpfalzturm abgebrochen. Der Wunsch nach einem Ersatzbau war in der Bevölkerung unüberhörbar, doch dem Naturpark war das Projekt auch finanziell eine Nummer zu groß. Da sprang die Stadt Erbendorf als Bauträger ein und ein neues Wahrzeichen für den Steinwald wurde in Auftrag gegeben. Gut 30 Meter, etwas höher als der Vorgänger. Ingenieurmäßig geplant wurde der Turm von Ferdinand Lehner, Architekt und Statiker aus Tirschenreuth. Gekostet hat der Bau 400000 D-Mark. Die Hälfte wurde über EU-Fördermittel finanziert, 72000 Mark kamen vom Freistaat. Den Rest übernahmen Bezirk, Landkreis, Gemeinden der Umgebung mit der Stadt Erbendorf an der Spitze sowie der Naturparkverein.

Zum 50. Jubiläum des Naturparks Steinwald gab es Rückblicke

Erbendorf

Für die Umsetzung griffen die Auftraggeber wieder auf den erfahrenen Zimmerermeister aus Wiesau zurück. "Im neuen Turm ist viel mehr Eisen drin. Er hat Verbindungen, an denen das Wasser besser abläuft. Und vor allem nahm man Lärchenholz", verweist Schatzberger auf den entscheidenden Unterschied. Die Bauweise mit Leimschichtholz, das sich selbst patiniert und nicht mehr behandelt werden muss, sollte dem zweiten Turm eine wesentlich längere Lebensdauer als dem ersten bescheren.

"Für mich war der erste Turm die größere Herausforderung", bekennt Anton Schatzberger. Schließlich hat er ihn ganz alleine geplant und mit deutlich weniger technischer Hilfe als im Jahr 2000 aufgestellt. Sein Herz hängt freilich auch an Exemplar Nummer zwei. "Das war schon ein stolzes Gefühl", erinnert er sich an den Moment, als er zum ersten Mal oben stand. "Aber sonst für mich ganz normal, ich bin ja schwindelfrei", konstatiert der 86-Jährige sachlich.

"Auf dem Turm war ich jetzt schon lange nicht mehr", sinniert der Zimmerermeister 20 Jahre nach Vollendung des Baus. "Also ich möchte schon noch mal rauf", wirft Gattin Sonja ein. Die 82-Jährige hat viele Projekte ihres Mannes begleitet und war auch bei der Einweihung im September 2000 dabei, als Staatssekretärin Marianne Deml der politische Ehrengast war und eine regelrechte Völkerwanderung auf die Platte einsetzte. "Unsere Kinder und auch die Enkel sind heute noch sehr oft oben."

Apropos Familie: Bei den Schatzbergers wird das Bau-Gen offenbar vererbt. Nicht nur Anton Schatzberger junior, der den väterlichen Betrieb weiterführte, sondern auch zwei Enkel sind vom Fach. Dass Bauingenieur Flavio Schatzberger beim Studium an der Technischen Universität München das herausragende Bauwerk 2018 zum Thema seiner Bachelor-Arbeit gemacht hat, freut den Opa natürlich sehr. "Der Oberpfalzturm – Bewertung der Dauerhaftigkeit und des Schwingungsverhaltens" heißt die wissenschaftliche Arbeit, die fast 50 Seiten umfasst.

Hervorgehoben wird in der Arbeit das Prinzip des konstruktiven Holzschutzes durch die Bauweise: Niederschläge werden von Verbindungsstellen abgehalten oder auf kürzestem Weg abgeleitet. Auf Details wie Turmgewicht (14,45 Tonnen, ohne Treppenläufe und Stahlstufen), Baumaterial (resorcinharzverleimtes Lärchenholz) und das Ergebnis von Holzfeuchtemessungen am Turm (um 22 Prozent) folgt eine abschließende Einschätzung zur weiteren Lebensdauer.

Das Alter des Vorgängermodells aus Fichtenstämmen hat die Lärchenholzkonstruktion schon jetzt fast erreicht. Gravierende Fehlstellen entdeckte auch Flavio Schatzberger bei seiner Untersuchung vor wenigen Jahren nicht. Etwas Moos, kleine Fugen, oberflächliche Korrosion, das war´s. "Keinerlei Hinweise auf eine verminderte Standsicherheit", sah der Bauingenieur die Ziele des konstruktiven Holzschutzes verwirklicht. Eine Lebensdauer von über 100 Jahren sei im Holzbau bei entsprechender Instandhaltung nicht unüblich. Und beim Oberpfalzturm sei in den nächsten Jahrzehnten nicht mit einer drastischen Verschlechterung zu rechnen. In dieser Richtung hatte sich schon Anton Schatzberger sen. beim Aufstellen im Juli 2000 geäußert: "Der hält ewig."

Hintergrund:

Die höchsten Berge der Region

  • Der höchste Berg der Oberpfalz ist mit 1383 Metern der Kleine Arber im Landkreis Cham.
  • Nach einer Reihe ähnlicher "Riesen" im Bayerischen Wald folgt auf Platz 17 die Platte im Steinwald, mit 946 Metern der höchste Punkt im Landkreis Tirschenreuth.
  • Knapp außerhalb der Landkreisgrenzen liegen mit jeweils 939 Metern die Gipfel des Tillenbergs (tschechische Republik) und der Kösseine (Landkreis Wunsiedel) sowie des 901 Meter hohen Entenbühls (Landkreis Neustadt/WN).
  • Der Plößberg im Steinwald kommt auf amtliche 820 Meter und belegt Platz zwei im Landkreis Tirschenreuth.
  • Mit 802 Metern ist der Steinberg bei Bärnau die dritthöchste Erhebung im Kreis.
  • Reich an weiteren interessanten Höhen ist der Landkreis. Zu den markanten Punkten zählen zum Beispiel der Ahornberg (793 Meter), der Aschberg (783 Meter), der Poppenreuther Berg (781 Meter), Birkenberg (744 Meter) und Heidelberg (730 Meter), Armesberg (731 Meter), Großer Teichelberg (683 Meter und Waldecker Schlossberg (641 Meter).
Im Blickpunkt:

Besucherströme im Naturpark kanalisieren

"Es ist richtig, vor 20 Jahren war ich dagegen, einen neuen Turm zu bauen", sagt Eberhard von Gemmingen-Hornberg. Der Baron ist Vorsitzender des Vereins Naturpark Steinwald und Grundeigentümer auf der Platte. "Ich empfand damals – und finde es allgemein immer noch – große Bauwerke in einer schönen und unberührten Natur als Fremdkörper, als Störung der Ruhe, der Ästhetik und der Natur. Das gilt für Aussichtstürme wie auch für Windräder." Als ihm klar wurde, dass er den Neubau des Oberpfalzturmes nicht verhindern könne, habe er versucht, aus der Not eine Tugend zu machen. "Der Naturpark definierte die Wanderweg-Achse Marktredwitzer Haus - Weißenstein - Kapelle - Oberpfalzturm - Pfaben als Haupt-Wanderroute in diesem Teil des Steinwaldes. Hier soll der Besucherverkehr kanalisiert sein, um andere, unberührte, Gebiete zu entlasten." Dafür eigne sich der Oberpfalzturm natürlich gut als eine der Attraktionen, die diesen Wanderweg interessant machen. "Das Stichwort ist die Besucherlenkung: behutsame und gezielte Nutzung der Natur auf markierten Wanderwegen und mit touristischen Attraktionen bei gleichzeitig möglichst hohem Schutz (Ruhe) auf den übrigen Flächen. So lassen sich die Bedürfnisse der Erholungssuchenden, des Naturschutzes und unser Wunsch nach Artenvielfalt gut verbinden, was ja die Aufgabe eines Naturparks ist", lautet von Gemmingen-Hornbergs Fazit 20 Jahre nach dem Turmbau.

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